Salome Surabischwili: Der georgische Traum wird wahr

    Porträt30. November 2018, 10:41
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    Georgiens neue Präsidentin ist eine Karrierediplomatin zweier Herren, die als vergleichsweise nachgiebig gegenüber Moskau gilt

    Sie habe schon immer davon geträumt, einst in Tiflis zu arbeiten, erzählte Salome Surabischwili unlängst. Dass ihre Jobbeschreibung dereinst "Präsidentin" und nicht – wie von November 2003 bis März 2004 – "Botschafterin" sein würde, dürfte sich die in Frankreich geborene und aufgewachsene Diplomatin so wohl eher nicht vorgestellt haben. Und doch wird die 66-Jährige, die 1986 zum ersten Mal in der damaligen Sowjetrepublik auf Besuch war und erst seit 2004 im Besitz eines georgischen Passes ist, für die kommenden fünf Jahre in den neoklassizistischen Kuppelbau einziehen, in dem Georgiens Staatsoberhaupt seines Amtes waltet.

    Während des Wahlkampfs erlebte das kleine Land, das sich 2008 eine militärische Konfrontation mit dem übermächtigen Nachbarn Russland lieferte, eine Debatte über die nationale Identität der Kandidatin der Partei Georgischer Traum, die von dem Milliardär und früheren Präsidenten Bidsina Iwanischwili gegründet wurde. Ihre Familie sei in höchstem Maße georgisch geprägt, wird sie zeit ihrer Kandidatur nicht müde zu betonen. Ihre Tochter, eine Journalistin, spreche von klein auf die Sprache, ebenso ihr Sohn, ein Diplomat in den Diensten Frankreichs in London. Surabischwilis Großeltern verließen Tiflis 1921, als die Rote Armee der ersten Unabhängigkeit des Landes ein Ende setzte. Sie selbst machte in Frankreich Karriere, absolvierte die Universitäten Sciences Po in Paris und Columbia in New York, heuerte als Diplomatin in Frankreichs Botschaften in Washington, Rom, N'Djamena und bei der Uno an.

    Politischer Transfer Paris–Tiflis

    Als in der Heimat ihrer Großeltern 2003 die sogenannte Rosenrevolution stattfindet, bittet der neue starke Mann in Tiflis, Micheil Saakaschwili, während eines Staatsbesuchs in Frankreich seinen Amtskollegen Jacques Chirac um einen Transfer der besonderen Art: Surabischwili, gerade einmal zwei Monate als Frankreichs Botschafterin im Amt, möge doch Georgiens Außenministerin werden. Etwas mehr als ein Jahr später fand sie sich inmitten eines politischen Ränkespiels wieder. Zwar gelang es ihr, den Abzug der ehemals sowjetischen und später russischen Transkaukasien-Truppen aus dem Vier-Millionen-Einwohner-Land bis 2007 auszuhandeln. Trotzdem wurde sie Ende 2005 aus der Regierung entlassen.

    An ihrem einstigen Förderer Saakaschwili, der sieben Jahre später die Wahl verlor, abtrat und wegen Amtsmissbrauchs zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, übte sie nach dem Ende ihrer ersten politischen Karriere wenig subtile Kritik. In ihrem 2009 erschienenen Buch "Die georgische Tragödie" beschreibt die neue Präsidentin ihn als "neototalitären Despoten".

    Gegenkandidat Grigol Waschadse, selbst früher Außenminister und im Gegensatz zu Surabischwili Fürsprecher eines harten Kurses gegenüber Moskau, hatte im Fall seines Sieges die Begnadigung des Ex-Staatschefs in Aussicht gestellt. Dazu dürfte es nun nicht kommen. Am Mittwoch wurde Salome Surabischwili, die als politische Vorbilder Frankreichs Ex-Präsidenten Charles de Gaulle und dessen lettische Kollegin Vaira Vīķe-Freiberga angibt, mit klarer Mehrheit zur Präsidentin Georgiens gewählt. Waschadse will das Ergebnis freilich vorerst nicht akzeptieren. (Florian Niederndorfer, 29.11.2018)

    • Salome Surabischwili wird neue Präsidentin Georgiens.
      foto: imago/itar-tass

      Salome Surabischwili wird neue Präsidentin Georgiens.

    • Der unterlegene Kandidat Grigol Waschadse gilt als Gefährte von Ex-Präsident Saakaschwili.
      foto: imago/itar-tass

      Der unterlegene Kandidat Grigol Waschadse gilt als Gefährte von Ex-Präsident Saakaschwili.

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