Neun ERC-Grants gehen an Forscher in Österreich

    29. November 2018, 14:08
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    Fünf Forscherinnen und vier Forscher erhalten den bis zu zwei Millionen Euro dotierten Consolidator-Grant des Europäischen Forschungsrats

    Wien – Neun in Österreich tätige Wissenschafter sind in der aktuellen Ausschreibungsrunde vom European Research Council (ERC) mit einem "Consolidator"-Förderpreis ausgezeichnet worden. Die jeweils mit bis zu zwei Mio. Euro dotierte Förderung soll Wissenschaftern ermöglichen, ihre Position als eigenständige Forscher zu konsolidieren. Fünf der neun Preise gehen an Frauen.

    Insgesamt erhielten 291 Wissenschafter einen Consolidator-Grant, in Summe werden dafür 573 Mio. Euro ausgeschüttet, gab der Europäische Forschungsrat am Donnerstag bekannt. Die Fördernehmer kommen aus 40 Ländern und werden in 21 europäischen Staaten ihre Projekte verwirklichen. Die meisten Preise gingen an Großbritannien (55), Deutschland (38), Frankreich (32) und die Schweiz (29).

    In Österreich gehen drei Grants an Wissenschafterinnen der Universität Wien: Die Ökologin Christina Kaiser widmet sich in ihrem ERC-Projekt dem Ökosystem der Bodenmikroben, und zwar aus dem Blickwinkel der Wissenschaft komplexer Systeme. So will sie verstehen, wie Interaktionen von Mikroorganismen auf kleinstem Raum zu einer Selbstorganisation der Abbauprozesse im Boden führen können und welche Bedeutung das für die Reaktion des Bodens auf Umweltveränderungen hat.

    Philosophischer Blick ins All

    Aus philosophischer Sicht beschäftigt sich die Wissenschaftsphilosophin Tarja Knuuttila in ihrem Projekt mit künstlichem Leben und der Bewohnbarkeit von Exoplaneten. Sie untersucht, wie die Lebenswissenschaften die Biologie weiterentwickeln und welche philosophische Bedeutung dieser Wandel für ein mögliches Leben hat, das über jenes hinausgeht, das sich auf der Erde entwickelt hat. Dafür will sie u.a. eine philosophische Analyse von synthetischer Biologie und Astrobiologie durchführen.

    Im Zentrum der Forschung der Neurobiologin Kristin Teßmar-Raible stehen die inneren Uhren des marinen Borstenwurms Platynereis und der Mücke Clunio, die durch Sonnen- bzw. Mondlicht gesteuert werden. In ihrem ERC-Projekte will sie klären, wie sich die oft sehr unterschiedlichen natürlichen Umweltbedingungen mit jenen im Labor vergleichen lassen, und den kritischen Molekülen der inneren Uhr auf die Schliche kommen, um zu verstehen, wie der selbsterhaltende monatliche Rhythmus funktionieren kann.

    Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) darf sich über zwei "Consolidator-Grants" freuen, die beide an Frauen gehen: Kikue Tachibana vom Institut für molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW stellt die sogenannte "Totipotenz" in das Zentrum ihres Projekts. Nach der Befruchtung entsteht durch die Neuorganisation des weiblichen und männlichen Genoms die Zygote. Dabei handelt es sich um die mächtigste Art von Zelle – sie ist totipotent, d.h. aus ihr wird sich jeder Teil des neuen Lebewesens entwickeln. Sie will verstehen, wie das Chromatin – das Material, das DNA in die Zelle packt – innerhalb weniger Stunden nach der Befruchtung eines Säugetiers neu programmiert wird, um einen totipotenten, einzelligen Embryo zu erzeugen.

    Erforschung der Erinnerungskultur

    Ljiljana Radonic vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW untersucht in ihrem Projekt 50 Museen weltweit, die mit Genozid und Massenmord im Zweiten Weltkrieg, in Ruanda und in Bosnien-Herzegowina befasst sind. Angesichts der weitverbreiteten These von einer Globalisierung bzw. Universalisierung der Holocaust-Erinnerung will sie u.a. klären, ob Holocaust-Museen als Vorbild für Ausstellungen in Ruanda, China oder Japan dienen, und ob umgekehrt die Verbindung von modernster Forensik und Gedenken in Ruanda und Srebrenica die "alten" KZ-Gedenkstätten beeinflussen.

    Zwei Consolidator-Grants gehen nach Leoben: Raul Bermejo vom Institut für Struktur- und Funktionskeramik der Montanuniversität Leoben orientiert sich in seinem ERC-Projekt an der Natur, um keramische Bauteile schadenstoleranter und zuverlässiger zu machen. Dazu will er Vielschichtstrukturen erzeugen, wie sie ähnlich in Knochen oder Holz vorkommen, um dahinterliegende Verstärkungsmechanismen zu untersuchen. Ziel ist es, grundlegende Designrichtlinien festzulegen, nach denen keramische Bauteile aufgebaut werden könnten.

    Neuartige höchsteffiziente Energiespeicher stehen im Mittelpunkt des ERC-Projekts von Marco Deluca vom Werkstoffforschungszentrum "Materials Center Leoben". Er erforscht dazu spezielle Materialkombinationen, die auf dünnen Schichten aus Perowskiten, wie zum Beispiel Bariumtitanat, basieren. Damit sollen neuartige Kondensatoren mit viel höherer Energiespeichermöglichkeit realisiert werden.

    Einfluss des Erdmagnetfelds

    David Keays vom Institut für molekulare Pathologie (IMP) widmet sich schon seit Jahren der Frage, wie Tiere das Erdmagnetfeld wahrnehmen und sich daran orientieren können. Dafür hat er bereits 2013 einen Starting Grant des ERC erhalten. Nun will er mit dem Consolidator Grant klären, wo die Sensoren sind, mit denen Tiere Magnetfelder erfassen, wo im Gehirn die magnetische Informationen verarbeitet und wie diese kodiert werden. Als Modellorganismus dienen ihm dabei Tauben.

    Störungen in der menschlichen Immunregulierung will Kaan Boztug, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Seltene und Undiagnostizierte Erkrankungen in Wien in seinem ERC-Projekt entschlüsseln. Er hat bereits 2012 einen ERC-Starting Grant erhalten und will nun neue genetische Faktoren für Autoimmunerkrankungen identifizieren. Sein Ziel ist es, eine möglichst vollständige Karte aller Gene und Stoffwechselwege zu erstellen, die eine Rolle bei Störungen im Gleichgewicht des Immunsystems spielen. (APA, red, 29.11.2018)

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