Ungewohnte Perspektiven auf Ernst Caramelle im Mumok

    29. November 2018, 12:52
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    Man kennt den Konzeptkünstler für raumgreifende Malerei, die Architektur gegen den Strich liest. Das Mumok zeigt auf erfrischende Weise weniger bekannte Seiten

    Jeder Wiener dürfte mindestens eine Arbeit von Ernst Caramelle kennen: jenes Fresko aus Farbfeldern, das seit 2013 die unterirdische Passage zwischen Karlsplatz und Oper ziert. Den langgezogenen Raum rhythmisierend und in zurückhaltenden Farbtönen gehalten, ist die Arbeit für den österreichischen Künstler durchaus typisch.

    Mit flächiger raumbezogener Malerei ist Caramelle in aller Regel auch in einschlägigen Gruppenausstellungen vertreten. Dass diese markigen Arbeiten indes nur die Spitze eines Eisbergs sind, belegt nun eine Einzelpräsentation des 66-Jährigen im Wiener Mumok. Kaum zu glauben, aber es ist die erste große Retrospektive seines Werks überhaupt.

    foto: andy stagg, courtesy the artist and mary mary, glasgow, mumok
    Ernst Caramelle: "Untitled" (Installationsansicht South London Gallery, 2010)

    Was in den Nischen blüht

    Jene vertrauten Raumstudien zeigt die Schau zahlreich: in Kleinformaten, die an der Grenze zwischen realistischen Raumdarstellungen und fiktiven, unmöglichen Räumen mäandern, aber auch als wandfüllende Arbeit. Dank perspektivischer Verzerrung mag sie tatsächlich für einen kurzen Moment den Eindruck erwecken, der Raum könnte kippen. Spannender ist allerdings, was in den Nischen der Schau blüht.

    Dort entfalten sich gewissermaßen all jene Schnörkel, denen die Wandarbeiten Caramelles meist entsagen. Frei ist der Strich – zu Zickzacklinien, Spiralen, Flecken und wortverspielten Notizen – auf jenen Blättern, in denen der Konzeptkünstler sich vor allem einer Sache widmet: den Voraussetzungen seines Kunstschaffens.

    foto: ernst caramelle, mumok
    In, an und mit Architektur – Ernst Caramelle legt Flächen und Ornamente auf den Seziertisch: "Untitled (Klimt)", 2011.

    Nicht erfüllte Erwartungen

    Es sind zum einen Fragen der Ästhetik, die ihn beschäftigen: Was bedeutet Balance? Wie findet man zwischen Ausdruck und formaler Reduktion ein Gleichgewicht? Dem Begriff der Symmetrie widmete er auch die Installation Bing-Bong (1984) – zwei Glocken, die sich durchaus nicht so verhalten, wie man es erwartet: Zieht man an der Schnur, um eine davon zu läuten, erklingt die jeweils andere.

    Leicht lässt sich dieses Bild auf den Künstler umlegen. Ernst Caramelle unterlief zuweilen selbst Erwartungen des Kunstbetriebs. Und so treibt ihn auch die Frage nach der Rolle der Kunstschaffenden um: Was macht Kunst und Künstlerdasein aus? Übers Selbstmarketing machte er sich in den 1980ern lustig, indem er auf einen Ausstellungsflyer gleich jene Luxusobjekte dazuzeichnete, die er sich im Erfolgsfalle leisten wolle.

    foto: markus wörgötter, courtesy sammlung generali foundation, wien
    In den 70er-Jahren befasste sich Ernst Caramelle am MIT in Boston mit Videokunst: "Video-Ping-Pong" (1974)

    Schelmische Selbstbefragung

    Das Schelmische pflegt Caramelle stets: In der fabelhaften Serie Blätter (1973-78) – einer aberwitzigen Selbstbefragung in Form quasidadaistischer Poesie und Zeichnung – tritt der Künstler mit drei Identitäten auf: als "Josef Troma", als Seepferdchen sowie als ein gewisser "Tel", der laut einem der Blätter "better than Ephon" ist.

    Entstanden ist die Serie zu einer Zeit, da Caramelle sich ganz seiner Lust am Experiment hingab. Videokunst gefiel ihm ebenso wie Klangkunst oder Fotografie. Die unkonventionelle Diplomarbeit Ein Résumé, die er 1976 seinem Professor Oswald Oberhuber vorlegte, bestand aus einer Mappe voller Experimente.

    foto: archiv ernst caramelle
    Nicht etwa eine Einzelarbeit oder eine Serie reichte Ernst Caramelle an der Akademie der bildenden Künste als Diplomarbeit ein, sondern Eine Mappe voller Experimente.

    Wie lange braucht man für ein echtes Kunstwerk?

    Die Kunstproduktion dürfte ihm zu dieser Zeit recht schnell von der Hand gegangen sein. Auf einem der Blätter vermerkte er, wie lange er für gewisse Einfälle brauche. Ein Geistesblitz dauere acht bis zehn, ein "Geistesblitz mit Beilage" zwölf bis 16 Sekunden. Muss man für ein echtes Kunstwerk nicht länger brauchen?

    Solcher Zweifel ereilte Caramelle um 1980 in New York. Er beschloss, sich für ein neues Bild zwei Jahre Zeit zu nehmen. Vino Dramatico zeigt einen opulent dekorierten Raum. Vollendet hat er die Zeichnung nicht. Es kam 1982 jene Schau in Mailand dazwischen, die Caramelles Vorstoß in den Raum markiert. Da malte er dann den Vino Dramatico – in reduzierter Form – in sechs Stunden an die Wand. (Roman Gerold, 29.11.2018)

    Mumok, bis 28. April 2019

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