Ökologen: Unser Nahrungsmittelsystem "funktioniert einfach nicht"

    29. November 2018, 06:30
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    Allianz von Forschern weist auf krasse Missstände bezüglich Verteilung und Verschwendung von Lebensmitteln hin – Klimawandel wird Lage verschärfen

    Wien/Brüssel/Berlin – Grundsatzkritik am globalen Nahrungsmittelsystem übt eine breite Allianz von Forschern aus aller Welt im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Kattowitz (3. bis 14. Dezember). Der Bericht wurde von der InterAcademy Partnership (IAP) veröffentlicht, einem Netzwerk von über 130 nationalen Wissenschaftsakademien inklusive der ÖAW, und weist auf einige besonders paradoxe Phänomene hin: "Epidemisches" Übergewicht und Lebensmittelverschwendung steht Unterernährung gegenüber, Verteuerungen bei gesunden Nahrungsmitteln laufen parallel zu Verbilligungen bei ungesunden.

    "Die aktuelle Lebensmittelproduktion ist nicht nachhaltig", weder aus gesundheitlicher und landwirtschaftlicher Sicht, noch aus der Klimaperspektive sollte auf diese Weise weiter gewirtschaftet werden, sagte Tim Benton von der University of Leeds. Das globale Nahrungsmittelsystem leide einerseits schon jetzt unter dem Klimawandel, was sich in Zukunft noch verschärfen wird – andererseits beschleunigt es ihn sogar: Immerhin sei es für rund ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

    "Weckruf"

    Die Wissenschafter machen in ihrem "Weckruf für Regierungsvertreter" einmal mehr auf die paradoxe Situation aufmerksam, dass einerseits bis zu zwei Milliarden Menschen weltweit übergewichtig sind, wobei ungefähr 600 Millionen als adipös gelten. Andererseits habe sich laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) die Anzahl unterernährter Menschen von 777 Millionen Menschen im Jahr 2015 auf 815 Millionen im Jahr darauf erhöht. Auch aufgrund der Auswirkungen der Klimaveränderung werde die Versorgungssituation vor allem im südlichen Afrika sowie in Teilen Südost- und Westasiens schlechter.

    Viele Menschen, die zwar nicht unterernährt sind, würden trotzdem unter verschiedensten Auswirkung von Fehlernährung leiden, so Benton. Während nährstoffreiche, frische Lebensmitteln in der Regel relativ teuer seien, werde sehr kalorienreiche und tendenziell ungesündere Nahrung billiger. Das liege auch an politischen Schwerpunktsetzungen, die oft auf schnellere Produktion von Nahrungsmitteln mit möglichst vielen Kalorien abzielen.

    Schockierende Verschwendung

    Außerdem beobachte man weltweit ein "schockierendes Ausmaß an Lebensmittelverschwendung", was den Ökologen zum Schluss führt, dass "unser Nahrungsmittelsystem einfach nicht funktioniert". So würden etwa viele Lebensmittel quasi rund um die Welt transportiert, um sie an ihren weit entfernten Bestimmungsorten dann oft wegzuwerfen.

    Um derart krasse Fehlentwicklungen zu beheben, brauche es bessere politische Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Landwirtschaft, Transport, Nahrungsmittelverarbeitung und -lagerung oder zur Verwertung von Lebensmitteln. "Wir müssen unser Wissen viel besser nutzen" und verstärkt dort forschen, wo es noch Wissenslücken gebe, sagte Robin Fears, Direktor des biowissenschaftlichen Programms des europäischen Verbunds von Wissenschaftsakademien (EASAC).

    In erster Linie wolle man mit dem Bericht den Entscheidungsträgern vor Augen führen, dass es hier ein tiefgreifendes Umdenken braucht. Eine Patentlösung für die vielfältigen Probleme gebe es aus heutiger Sicht jedoch nicht, betonte Fears.

    Alternativen zu Fleisch gebraucht

    Neben Ansätzen zum weniger klimaschädlichem Landwirtschaften müsse man sich wirkungsvolle Anreize überlegen, die dazu führen, dass sich schädliche Ernährungsgewohnheiten ändern – also etwa, dass in Europa und Amerika weniger Fleisch verzehrt wird. Außerdem sollten "innovative Lebensmittel" wie Mischungen aus Fleisch und Pilzen, aus Zellkulturen gezüchtetes Fleisch sowie Lebensmitteln aus Algen und Insekten verstärkt ins Auge gefasst werden. Schlussendlich empfehlen die Vertreter der IAP die Einrichtung eines internationalen Beratungsgremiums ähnlich dem Weltklimarat (IPCC). (APA, red, 29. 11. 2018)

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