Mordprozess gegen "auffällig unauffälligen" Amokläufer

    28. November 2018, 15:26
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    Ein 18-Jähriger wollte an seiner Ex-Schule ein Massaker anrichten, das aus technischen Gründen scheiterte. Er gibt sich geläutert

    Korneuburg – "Warum fährt man mit einer Schrotbüchse und 25 Patronen zu einer Schule?", will Franz Furtner, Vorsitzender des Geschworenengerichts in Korneuburg, vom Angeklagten Mario S. wissen. "Ich dachte, dass ich es machen müsste", antwortet der 18-Jährige mit leiser Stimme. "Was?" – "Dass ich mich rächen müsste." – "Auf welche Weise?", lässt Furtner nicht locker. "Indem ich jemanden verletze oder umbringe", formuliert der unbescholtene Teenager schließlich doch, warum er sich des Mordversuchs schuldig bekennt.

    Staatsanwalt Friedrich Köhl wirft dem Niederösterreicher vor, am 9. Mai einen Amoklauf an seiner ehemaligen Schule im Weinviertel geplant zu haben. Über den er in einem "Journal" genannten Tagebuch schon Wochen vorher zu fantasieren begann. Seine Vorbilder: die Attentäter der Columbine High School. Er kaufte sich neben einer Schrotflinte sogar einen Trenchcoat, um die Fantasie originalgetreu umsetzen zu können.

    "Die Schule stürmen, jeden erschießen, Spaß haben", schrieb S. beispielsweise. "Ich bin wirklich schockiert, dass ich so gedacht habe. Ich kann es nicht erklären", murmelt der Schul- und Lehrabbrecher nun vor Gericht.

    Mit dem Zug zum Tatort

    Am Tattag hatte der Präsenzdiener dienstfrei, gegen Mittag fuhr er mit dem Zug zum Tatort, die Waffe und den Trenchcoat hatte er in einer Tasche. In einem Park nahe der Schule baute er die Flinte zusammen, zog sich den Mantel an und beobachtete dann den Schulausgang.

    Als ein 19-Jähriger das Gebäude verließ, schoss der Angeklagte aus gut 20 Metern Entfernung aus der Hüfte auf sein Opfer und verletzte es schwer. "Danach bin ich mehr oder weniger zur Besinnung gekommen und wollte mich mit dem nächsten Schuss selbst töten", schildert S., warum er von seinem ursprünglichen Plan abließ.

    Doch auch den Suizid konnte er nicht umsetzen, da er wegen eines technischen Defekts nicht nachladen konnte. In Panik flüchtete er, warf die Waffe und seine Tasche mit Ausweisen weg und fuhr wieder heim. Rund fünf Stunden später stellte er sich.

    Entschuldigung als "Zumutung"

    Verteidiger Werner Tomanek, dessen Ankündigung, sich beim Opfer im Namen seines Mandanten zu entschuldigen, von Privatbeteiligtenvertreterin Eva Plaz empört als "Zumutung" zurückgewiesen wird, hat eigentlich nur eine Frage. "Sie waren ja beim Bundesheer, dort gab es auch Probleme. Warum haben Sie nicht mit ihrem Sturmgewehr in der Kaserne um sich geschossen?" Die Antwort von S. lautet, er sei wegen Columbine auf seine ehemalige Schule fixiert gewesen.

    Die psychiatrische Sachverständige Gabriele Wörgötter sagt, die geplante Tat sei eine für "School Shooter" laut Literatur klassische "identitätsstiftende Handlung" gewesen: "Ich bin nichts im Leben, und durch diese Tat werde ich etwas Großartiges." Bis 14 sei er laut Mutter "besonders unauffällig, besonders brav, besonders angepasst" gewesen, habe auch Hänseleien durch Mitschüler reaktionslos erduldet.

    Unbemerktes "erhebliches Störungsbild"

    S. habe noch im Mai äußerlich viel jünger gewirkt, sagt Wörgötter, sein erhebliches Störungsbild habe sich langsam entwickelt. Unbemerkt von den Eltern, der Schule, der Stellungskommission, den wenigen Freunden – S. sei "auffällig unauffällig" gewesen.

    Die Geschworenen verurteilen S., bei einer möglichen Höchststrafe von 15 Jahren, nicht rechtskräftig zu sechs Jahren Haft, zusätzlich wird er in eine Anstalt eingewiesen. (Michael Möseneder, 28.11.2018)

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