Bundesforste: "Es gibt Klimawandel, auch wenn manche daran zweifeln"

    28. November 2018, 17:35
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    Der Vorstand der österreichischen Bundesforste spricht von der "Alarmstufe Superrot"

    Wien – Rund vierzig Prozent der gesamten Landfläche der Europäischen Union sind bewaldet. Die Forstfläche ist dabei nicht nur Lebensraum für Tier und Natur, der Wald spielt auch eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel: Europas Wälder binden hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid. 2016 emittierten die EU-28 insgesamt über 4000 Millionen Tonnen Treibhausgase.

    Doch der wichtige CO2-Speicher könnte in Zukunft schrumpfen. Die Wälder leiden unter den extremen Wetterphänomenen, die sich in den vergangenen Jahren gehäuft haben, sagt Rudolf Freidhager, Vorstand der Österreichischen Bundesforste (ÖBF). Neben Dürre und Trockenheit setzen Starkwinde dem Baumbestand zu. Die ÖBF schätzen, dass der Schadholzanteil heuer von 46 auf 65 Prozent ansteigen wird.

    Borkenkäfer fühlt sich wohl

    Mitschuld daran trägt einer, der sich in heimischen Wäldern – vor allem nach Windbruch und Dürre – wohlfühlt: der Borkenkäfer. In Österreich dürfte es heuer vier Millionen Festmeter Käferholz geben. Das bedeutet einen Anstieg von knapp 14 Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2017. Der Trend dürfte sich wohl auch in Zukunft fortsetzen: Borkenkäfer fühlen sich bei warmen Temperaturen wohl und schlüpfen entsprechend schneller aus dem Ei. Durch die länger anhaltenden Wärmeperioden bilden die Krabbler außerdem mehrere Generationen pro Saison aus.

    Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Forscher der Universität für Bodenkultur in Wien und der Humboldt-Universität zu Berlin. Einer aktuellen Studie zufolge, für die 720.000 Satellitenbilder aus Österreich, Deutschland und Osteuropa analysiert wurden, hat sich die Baummortalität in Europa in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt.

    foto: apa/bfw

    War im Jahr 1985 in der Region im Schnitt nur ein halbes Prozent der Waldfläche von Mortalität betroffen, war es 2015 bereits ein Prozent. Damit sterben pro Jahr rund 3000 Quadratkilometer Wald, was der Fläche von Vorarlberg und Wien zusammen entspricht. Österreich ist von dem Waldsterben nach Angaben der Forscher besonders stark betroffen.

    Auch der Bundesforste-Vorstand erzählt von starken Auswirkungen des Klimawandels auf den heimischen Baumbestand. Vor allem Wälder nördlich der Donau seien von Dürre und Schädlingen betroffen. Ein Drittel des Käferholzes der ÖBF-Flächen falle im Waldviertel an. "Der Holzmarkt gerät langsam, aber spürbar unter Stress", so Freidhager. Dermaßen starke Auswirkungen, wie sie in den vergangenen Jahren aufgetreten sind, kannte man in der Forstwirtschaft bisher nicht: "Es gibt den Klimawandel, auch wenn manche noch daran zweifeln."

    Nicht nur Österreich ist von den extremen Wetterphänomenen betroffen, sondern ganz Zentraleuropa, sagt der Bundesforste-Vorstand. Besonders alarmierend sei die Situation beim Nachbarn Tschechien. In Teilen des Landes hätten heuer Bedingungen "wie in der Sahelzone" geherrscht.

    Klimawandel spiegelt sich in Bilanzen wider

    Der Klimawandel würde sich mittlerweile in den Unternehmensbilanzen widerspiegeln, heißt es bei den Bundesforsten. Die ÖBF rechnen damit, dass der Klimawandel heuer für sie Kosten in der Höhe von rund 23 Millionen Euro erzeugen wird. Damit sind die klimawandelbedingten Kosten allein im Vergleich zum Vorjahr um mehr als sieben Millionen Euro gestiegen. Darin spiegeln sich Mindererlöse im Holzpreis wider, Mehrkosten durch Käferbekämpfung sowie höhere Holzernte- und Logistikkosten.

    Österreich könnte künftig hingegen durch seine alpine Lage profitieren. Während die alpine Forstwirtschaft bisher aufgrund ihrer schweren Zugänglichkeit und exponierten Lage als nachteilig galt, dürften sich die kühleren Lagen in Zukunft positiv auf das Geschäft auswirken. Um das eigene Geschäft sorgen sich die Bundesforste derzeit jedenfalls noch nicht: Die ÖBF gehen vom fünftbesten Konzernergebnis der Geschichte aus. Grund dafür sei die breitere Aufstellung der Geschäftsfelder, sagte Schöppl.

    Faktor Mensch spielt eine Rolle

    Neben dem Klima spielt auch die menschliche Nutzung der Forstfläche eine Rolle im Baumsterben, geben die deutschen und österreichischen Forscher zu bedenken. Sie heben jedoch positiv hervor, dass die Waldnutzung in den vergangenen 30 Jahren deutlich schonender wurde. Insgesamt gebe es eine Verschiebung weg von großflächigen Kahlschlägen hin zu der Entnahme von nur wenigen Bäumen pro Bestand. Aufatmen ist dennoch nicht angesagt: "Ein weiteres Ansteigen der Baummortalität im fortschreitenden Klimawandel ist wahrscheinlich." (lauf, 28.11.2018)

    • Der Käferholzanteil befindet sich heuer in Österreich auf einem Rekordniveau.
      foto: apa/roland weihrauch

      Der Käferholzanteil befindet sich heuer in Österreich auf einem Rekordniveau.

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