Chapecoense gibt nicht auf

28. November 2018, 10:50
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Zwei Jahre nach dem Flugzeugabsturz, der 19 Fußballer das Leben kostete, kämpft der brasilianische Verein um den Klassenerhalt

Chapecó – Einziger Provinzverein im Konzert der Großstadtklubs, Zement-Ränge statt Komfort in der nostalgisch anmutenden Arena Conda, aktuell bloß drei Profis mit einem geschätzten Marktwert von mehr als einer Million Euro im Kader – eigentlich war absehbar, dass der Associação Chapecoense de Futebol in Brasiliens erster Fußball-Liga irgendwann die Luft ausgeht. Doch es soll nicht in dieser Woche passieren!

Heute, Mittwoch, jährt sich zum zweiten Mal das traurigste Kapitel der Klubhistorie, eine der größten Katastrophen im Weltsport, der Absturz des LaMia-Flugs 2933 am 28. November 2016 gegen 22 Uhr Ortszeit kurz vor der kolumbianischen Stadt Medellín. Die "Chape"-Delegation war auf dem Weg zum Hinspiel im Copa-Sudamericana-Finale gegen Atlético Nacional. 71 Menschen kamen zu Tode, unter ihnen 19 Fußballer, sechs wurden lebend aus der an einem Berghang zerschellten Maschine gezogen, unter ihnen drei Spieler. Einer von ihnen ist Alan Ruschel, er kämpft nun am Sonntag beim Saisonfinale gegen den FC São Paulo um die sportliche Zukunft des Klubs mit. Es gilt, den einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegszone zu verteidigen.

Der Lichtblick

"Nach allem, was wir durchgemacht haben, wäre es nicht ehrenhaft, uns einfach mit der Serie B abzufinden", sagte der 29-Jährige jüngst nach dem 2:1 gegen Mitkonkurrent Sport Recife. Für den Linksverteidiger, der in jener Unglücksnacht als Erster aus dem Wrack geborgen wurde, war es der sechste Saisoneinsatz.

Immerhin: Ruschel konnte seine Karriere fortsetzen, hat mittlerweile seine langjährige Freundin Marina geheiratet, bald bekommen sie ein Kind.

Die Betroffenen sind längst wieder im Alltag angekommen. Für Helio Neto heißt das: trainieren, bis die Schmerzen endlich aufhören. Der 33 Jahre alte Innenverteidiger kämpft nach zahlreichen Knieoperationen noch verbissen um sein Comeback. Auch dieses Jahr wird es nichts damit. Ersatztorhüter Jakson Follman (26) wechselte nach der Teilamputation seines rechten Unterschenkels die Seiten, strebt nun mit Diplom in der Tasche eine Manager-Karriere im Fußball an und betreibt nebenbei in Chapecó mit seinen gut 220.000 Einwohnern ein Zentrum für Amputationsnachsorge.

Verpflichtung gegenüber den Opfern

"Es ist die Stunde gekommen, deine Geschichte bei unserer Chape zu schreiben", motiviert in großen Lettern eine Aufschrift in der Kabine. Nach den Aufstiegen in die Serie C (2009) und B (2012) sind die "Grünen des Westens", des Bundeslandes Santa Catarina, immerhin seit 2014 erstklassig. Ein Abstieg würde finanzielle Einbußen bedeuten, das wäre ein schwerer Schlag für den Klub, der sich auch den Familien der Opfer verpflichtet fühlt. Denn diese kämpfen noch um Entschädigungszahlungen, obwohl längst erwiesen ist, dass die bolivianische Privatfluglinie LaMia, die gespart hatte, und die bolivianische Luftfahrtbehörde, die nicht ausreichend kontrolliert hatte, die Hauptschuld am Absturz wegen Treibstoffmangels trugen. Doch die Versicherungen spielen auf Zeit und bieten den betroffenen Familien Geld, damit diese ihre Klagen zurückziehen.

Der 28. November wird für die Chapecoenses nie ein Tag wie jeder andere sein. Und jedes Spiel in der Arena Conda bleibt etwas Besonderes. In der 71. Minute ertönt stets "Vamos, vamos, Chape" zum Gedenken an die Opfer. Auch und wohl besonders laut am Sonntag. (sid, fri, 28.11.2018)

  • Chapecoense kämpft um den Klassenerhalt.
    foto: reuters/paulo whitaker

    Chapecoense kämpft um den Klassenerhalt.

  • Alan Ruschel, der den Absturz überlebte, appelliert an die Ehre.
    foto: apa/afp/nelson almeida

    Alan Ruschel, der den Absturz überlebte, appelliert an die Ehre.

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