Volksoper beleuchtet die Schicksale ihrer jüdischen Musiker zur Nazizeit

    28. November 2018, 15:00
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    Die Wiener Volksoper stellt sich dem dunklen Kapitel ihrer Geschichte. Das Buch "Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt" beleuchtet Schicksale

    Es war wohl eine der seltsamsten Begegnungen seines Lebens – im Rückblick aber auch eine sehr nützliche Warnung: 1931 nehmen ein paar politisch interessierte Freunde Karl Lustig-Prean mit in eine Konditorei bei der Münchner Oper. Dort trifft man einen gewohnheitsmäßig laut vor sich hindozierenden Typen. Polternd betont er zwar seine Sympathie für musische Menschen. Sogar in der Politik wünschte sich der Mann mit dem schwarzen Besenschnurrbart Zeitgenossen mit sehr musikalischen Empfindungen. Während er solches von sich gibt, schlägt der Hysteriker aber mit der Hand auf den Tisch. Dies habe komischerweise jedoch niemanden aufgeregt, daran seien die Leute längst gewöhnt gewesen. Und: "Viele Frauen lieben ihn als Messias." So die Erinnerungen von Lustig-Prean, der 1934 zusammen mit Jean Ernest Direktor der Wiener Volksoper wurde.

    1937 emigriert Karl Lustig-Prean nach Brasilien, also rechtzeitig vor dem Anschluss, bevor es sehr ungemütlich für ihn geworden wäre. Und womöglich hat ihm obige Münchner Begegnung mit Adolf Hitler die Augen weit in die gefährliche Zukunft geöffnet.

    Dermaßen vorausblickend waren nicht alle Künstler der Volksoper, deren Schicksale Marie-Theres Arnbom in ihrem Buch "Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt" schildert.

    Gruß und Kuss

    Nur einige Beispiele: Librettist Fritz Löhner-Beda wird am 13. März 1938 verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er mit Hermann Leopoldi Das Buchenwaldlied schreibt. 1942 wird Löhner-Beda umgebracht. Sopranistin Ada Hecht wird nach Theresienstadt verbannt, 1942 deportiert man sie und ihren Mann Max nach Auschwitz, wo beide umgebracht werden. Konzertmeister Fritz Brunner entgeht hingegen der Deportation nach Auschwitz, da er dem Kind des Lagerkommandanten Geigenunterricht erteilt.

    Zentraler Ausgangspunkt des Buches ist die letzte Produktion vor der Machtübernahme der Nazis: Gruß und Kuß aus der Wachau (Komposition: Jara Benes, Texte: Hugo Wiener, Kurt Breuer und Fritz Löhner-Beda) wird gleich nach dem Anschluss abgesetzt und steht symbolisch für Säuberungen, die jüdische Künstler der Volksoper zu erleiden hatten.

    Es waren Vertreibungen, die auch medial angefeuert wurden: "Jede von diesen dunklen Gestalten muss aus seinem behaglichen Leben herausgerissen werden. Menschen, die ihr Leben lang von der Ausbeutung des Gastvolkes gelebt haben, gehören in das Sammellager. Sie sollen einmal in ihrem Leben arbeiten müssen, ohne irgendeinen Rebbach zu machen. Nationalsozialisten, seid auf der Wacht!", krakelt die Arbeitersturm-Zeitung. 1939 wird andernorts bereits höhnisch Bilanz gezogen: "Selbstverständlich hat das Dritte Reich die typische jüdische Operette allmählich ausschalten müssen – mit dem sehr erfreulichen Ergebnis, dass die Operettentheater, wo der arische Operettenkomponist gepflegt wird, nach wie vor volle Häuser zeigen", steht in Reclams Operettenführer.

    Schreiberling Hans Severus Ziegler war ein erfahrener Diffamierer. Bereits rund um die Ausstellung Entartete Musik hat er den Jazz wie auch die Werke der Zweiten Wiener Schule verunglimpft.

    Im Land des Jazz, den USA, wurden aber einige jener, die das neue Naziland rechtzeitig verlassen konnten, zu Kulturbotschaftern, die auch Entwicklungen in Gang setzten: Kurt Herbert Adler, Volksoperndirigent, leitete jahrzehntelang die San Francisco Opera. Der Dirigent Walter Herbert gründete Opernhäuser in San Diego und Huston und initiierte die All Black Company in Jackson, um afroamerikanischen Künstlern die Möglichkeit zum Studium bieten zu können.

    Schönberg in Schweden

    Walter Taussig wiederum entwickelt sich zum großen Sängerbetreuer an der New Yorker Met, während Hans Holewa in Schweden zum Advokaten der Moderne rund um Schönbergs Werk wird. Seine Gesinnung ist aber links, was dazu führt, dass er in Schweden unter Beobachtung steht.

    Sein Bruder Erich wird gar des Landes verwiesen und später in Auschwitz ermordet. Das Buch, welches die Volksoper zu ihrem 120-Jahr-Jubiläum in Auftrag gab, entreißt unglaubliche Biografien dem Vergessen. Zugleich weist es auf die Fülle noch nicht erforschter Schicksale hin. Von der Tochter des Konzertmeisters Fritz Brunner und der Sängerin Paula Bäck erfährt Autorin Arnbom, dass sich bis vor kurzem "noch nie jemand für das Schicksal ihrer Eltern interessiert" habe.

    Wie schmerzvoll Migration erlebt wurde, ist hier jedoch intensiv zu erlesen. Etwa bei Karl Lustig-Prean, jenem Mann, der rechtzeitig Hitler traf: "Man stellt sich vor, dass Emigrantsein eine Berufung oder ein Beruf ist. Dem ist nicht so, Emigrant sein war die Verdammnis. Es war ein Zwischen-den-Welten-Sein, ein Nicht mehr und Noch nicht, ein Vielleicht nie mehr oder vielleicht ein Fünkchen Hoffnung ..." (Ljubiša Tošić, 28.11.2018)

    Marie-Theres Arnbom
    "Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt"
    Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938
    Amalthea, Wien 2018
    208 Seiten, 25 Euro

    • Bis vor kurzem noch eine völlig unbekannte Migrationsgeschichte: Die Volksopern-Sängerin Paula Bäck, Frau des Konzertmeisters Fritz Brunner, zu einer Zeit, als die Nazis noch nicht die Macht hatten.
      foto: volksoper

      Bis vor kurzem noch eine völlig unbekannte Migrationsgeschichte: Die Volksopern-Sängerin Paula Bäck, Frau des Konzertmeisters Fritz Brunner, zu einer Zeit, als die Nazis noch nicht die Macht hatten.

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