Rundschau: Im Kosmos der Kondomnauten

    Ansichtssache22. Dezember 2018, 10:00
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    Die letzte Ladung Science Fiction und Fantasy für 2018: Mit Büchern von Dennis E. Taylor, Paolo Bacigalupi, Patrick Ness und George R. R. Martin

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    foto: heyne

    Dennis E. Taylor: "Wir sind Götter (Bobiverse 2)"

    Broschiert, 448 Seiten, € 15,50, Heyne 2018 (Original: "For We Are Many", 2017)

    Wir beginnen mit einem klassischen SF-Motiv: Eine interstellare Spezies unterstützt die Menschheit dabei, die sterbende Erde zu verlassen und sich auf andere Welten auszubreiten. So weit, so vertraut. Die Mentoren-Spezies in dieser Romanreihe jedoch, die Bobs, kam nicht aus den Weiten der Milchstraße, sondern von einer Science-Fiction-Convention.

    Das Bobiverse

    Im Vorgängerband "Ich bin viele" schilderte der blitzartig vom Newcomer zum Erfolgsautor aufgestiegene Dennis E. Taylor, wie Bob Johansson, ein Nerd unserer Tage, nach seinem Unfalltod kryokonserviert wird und in der Zukunft aufwacht. Zwar nur als digitale Bewusstseinskopie ohne Körper, aber man kann halt nicht alles haben. Nach diversen Wirrungen wird Bob als Quasi-KI in eine Von-Neumann-Sonde gesteckt und hinaus ins All geschickt. Sein Gefährt kann sich – wie es Von-Neumann-Sonden nun mal tun – replizieren, und mit jeder neuen Ausgabe wird auch eine weitere Kopie von Bob geboren. Diese breiten sich nun in unserer näheren galaktischen Nachbarschaft aus und werden zu Hütern nicht nur der Menschheit, sondern auch einiger anderer bedrohter Zivilisationen.

    Band 2 setzt nahtlos am bisher Geschehenen an und schildert die Ereignisse der Jahre 2167 bis 2221 – immerhin gilt es interstellare Distanzen zu überbrücken und Mega-Projekte durchzuführen, das dauert seine Zeit. Umso schneller ist hier dafür der Wechsel zwischen den Kapiteln respektive den diversen Bobs (die sich zwecks Unterscheidbarkeit verschiedene Namen geben). Durch dieses rasante Herumhüpfen wird "Wir sind Götter" niemals zäh, obwohl es das gefürchtete "Middle Book" einer Trilogie ist und sich auch tatsächlich an die Vorgaben für ein solches hält. Soll heißen: Die Handlung von Band 1 wird einfach ein Stückchen ausgebaut und hie und da mit einer Weichenstellung für die großen Entscheidungen versehen, die dann aber erst in Band 3 folgen werden.

    Auf allen Bühnen

    Eine Menge Bobs werden die diversen Kapitel bestreiten, wobei dreien besondere Bedeutung zukommt. Etwa Riker, der die Evakuierung der Erde leitet, was mitunter ordentlich an seinen digitalen Nerven zehrt. Es gibt zwar nur noch 15 Millionen Menschen, aber die sind so zerstritten wie eh und je. Richtig haarig wird's allerdings erst, als unbekannte Terroristen Rikers Bemühungen zu sabotieren beginnen – da kann selbst jemandem, der mit der grundsätzlichen Gutmütigkeit aller Bobs ausgestattet ist, der Pazifismus vergehen.

    Ein anderer Bob, Howard, sitzt gewissermaßen auf der Abnehmerseite: Er leitet die Terraformierung des Planeten Vulkan, auf den die Emigranten der Erde verschifft werden, und bekommt es dort mit allerlei dinosaurierartigem Getier zu tun. Und die Originalausgabe, Bob-1, wacht immer noch über die Welt Eden, deren steinzeitliche Bewohner dank Bob haarscharf an der Auslöschung vorbeikamen. Diese Handlungsebene ist eigentlich die irrelevanteste, abgesehen von einem Aspekt: Bob wird von den Einheimischen als Himmelsgott wahrgenommen (und nicht unbedingt geliebt), was ihn allmählich dazu veranlasst, seine Rolle zu hinterfragen.

    Hier zeichnet sich eine der zuvor angesprochenen Weichenstellungen ab, eine Kluft zwischen körperlichen und künstlichen Existenzen. Bob missfällt auch, dass einige seiner jüngeren Kopien sich angewöhnt haben, Menschen und andere organische Lebensformen als Kurzlebige zu bezeichnen. Die Spezies Bob läuft Gefahr, ein bisschen die Bodenhaftung zu verlieren.

    Die bösen Anderen

    Die offensichtlichere Weichenstellung ist freilich, dass ein weiterer Bob auf Welten stößt, die aussehen, als wäre eine Harvester Queen aus "Independence Day" durchgezogen. Nachdem die "Bobiverse"-Reihe ja nicht zuletzt ein Rundgang durch den Themenpark der Science Fiction ist, kommt nach Zeitreise, drohendem Weltuntergang, Space Opera und Kolonisierung anderer Planeten jetzt auch noch das fast schon überfällige Motiv vom galaktischen Krieg ins Spiel. Denn die Anderen, die ganze Welten verwüsten und deren Bewohner massakrieren, müssen um jeden Preis aufgehalten werden. Obwohl Howard auf Vulkan und Bob auf Eden auch nicht gerade zimperlich sind, was die Auslöschung "schädlicher" Tierarten oder gar ganzer Ökosysteme betrifft, wenn man's genau betrachtet ...

    "Wir sind Götter" hat in Sachen Weltraumschlachten schon einiges zu bieten. Auch wenn der ganz große Showdown erst im Abschlussband "Alle diese Welten" kommen wird, der im Juni 2019 erscheint. Bis dahin wird auf den virtuellen Versammlungen der Bobs sicher weiterhin jede Menge gescherzt, gelacht und auf "Star Trek" angespielt werden. Denn so todernst die Probleme auch sind, mit denen sie sich herumschlagen müssen – sie bleiben doch Bob(s). Und ohne den charmanten Optimismus Bobs und dessen ganz spezielle Mischung aus Kindsköpfigkeit und Verantwortungsgefühl wären Taylors Bücher nie so erfolgreich geworden, wie sie sind. Bob mag man eben.

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