Die "anderen" Vögel hatten Zähne und Klauen

    2. Dezember 2018, 17:30
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    Piepmätze einer parallelen Evolution: Die Enantiornithes lebten über sehr lange Zeit hinweg neben den Ahnen unserer heutigen Vögel

    illustration: brian engh (dontmesswithdinosaurs.com)
    Szene aus der späten Kreidezeit: Der zahnbewehrte Vogel Mirarce eatoni sitzt auf einem Utahceratops gettyi wie heute ein Madenhacker auf einem Büffel.

    Berkeley – Beinahe würden wir einen Vogel heute so beschreiben: Kann fliegen, ist rundum befiedert, hat einen Schnabel ... und in diesem Schnabel stecken Zähne und die Flügel tragen Finger mit Klauen. So jedenfalls sah während der Kreidezeit – rein mathematisch betrachtet – der Durchschnittsvogel aus.

    Die Enantiornithes, die all diese Merkmale aufwiesen, sind aus heutiger Sicht ein Seitenzweig der Vogel-Evolution, der keine Nachkommen hinterlassen hat. Während der Kreidezeit bildeten diese "anderen" Vögel aber noch die Mehrheit. Über viele Millionen Jahre hinweg lebten sie neben ihren zahnlosen Cousins, von denen all unsere heutigen Vögel abstammen. Dass sie verschwanden, war einem katastrophalen Zufall geschuldet: dem Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren.

    Ein Prachtexemplar

    Außer in der naturgemäß wenig erforschten Antarktis hat man bereits auf allen Kontinenten Fossilien von Enantiornithes gefunden. Es gab sie in verschiedensten Größen und Formen, was dafür spricht, dass die zahn- und klauenbewehrte Vogelwelt ähnlich viele verschiedene ökologische Nischen besetzte wie die zahnlose von heute. Einen besonders stattlichen Vertreter haben US-Forscher vor kurzem im Fachjournal "PeerJ" beschrieben.

    Das Mirarce eatoni benannte Tier lebte vor etwa 75 Millionen Jahren in Nordamerika. Der Fundort, die Kaiparowits-Formation in Utah, dürfte zur damaligen Zeit ein großes Flussdelta gewesen sein, in dem Mirarce neben bzw. über Dinosauriern, Krokodilen und Schildkröten lebte. Laut den Forschern um Jessie Atterholt von der University of California hatte der Vogel etwa die Dimensionen eines Truthahngeiers oder eines Virginia-Uhus. Das sind Spezies mit eineinhalb bis zwei Metern Flügelspannweite: beachtlich also für eine Zeit, in der sich die Enantiornithes den Himmel nicht nur mit den zahnlosen eigentlichen Vögeln, sondern auch noch mit den Flugsauriern teilen mussten.

    illustration: scott hartman (skeletaldrawing.com)
    In seinem Skelettbau ähnelte Mirarce eatoni stark den heutigen Vögeln.

    Atterholt weist darauf hin, dass Mirarce eatoni ein guter Flieger gewesen sein muss. Das Brustbein hatte einen ausgeprägten Kamm, an dem starke Flugmuskulatur ansetzen konnte. Zudem konnten an den Unterarmknochen Erhebungen festgestellt werden, an denen offenbar die Schwungfedern verankert waren: Das sind typische Merkmale unserer heutigen Vögel. Dass man diese nun erstmals auch bei einem Enantiornithen entdeckt hat, zeigt, dass sich die "anderen" Vögel in ständiger Weiterentwicklung befanden und unabhängig von den eigentlichen Vögeln zu den gleichen evolutionären Problemlösungen kamen.

    Das Problem, das sie nicht lösen konnten, war dann der Asteroideneinschlag am Ende der Kreidezeit: Mit ihm wurde die über 60 Millionen Jahre währende Geschichte der Enantiornithes schlagartig beendet, während ihre zahnlosen Cousins fortbestanden. Warum von den vielen Enantiornithes-Arten keine einzige die Katastrophe überstand, ist immer noch ein Rätsel.

    Mögliche Erklärungen

    Atterholt verweist für eine denkbare Erklärung auf die Klauen der Tiere. Diese werden von den meisten Forschern für Kletterhilfen gehalten – die Enantiornithes seien also Baumbewohner gewesen. Das wäre ihnen im Weltenbrand nach dem Asteroideneinschlag zum Verhängnis geworden: Damals dürften alle Wälder abgebrannt sein und Jahrhunderte zur Regenerierung gebraucht haben. Nur einige bodenbewohnende Vogelarten hätten damals überlebt, berichtete im Frühling ein internationales Forscherteam in "Current Biology".

    Im gleichen Journal hatten kanadische Forscher zwei Jahre zuvor eine Hypothese präsentiert, die einen anderen Schwerpunkt setzte, aber damit kombinierbar wäre: Sie vermuteten, dass die Überlebenden des Einschlags auf das Fressen von Samen spezialisiert waren. Samen sind eine widerstandsfähige Ressource, die nach der Katastrophe viel länger verfügbar geblieben wäre als etwa Früchte oder Blätter. Und Samenfresser wären sehr gut ohne Zähne ausgekommen – eine ideale Nische also für die eigentlichen Vögel.

    Was auch immer letztlich der Auslese-Faktor war: Die "anderen" Vögel hatten ihn nicht, und dementsprechend sieht unsere heutige Definition des Worts Vogel aus. (jdo, 2. 12. 2018)

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