Der Titel wird im Tiebreak vergeben

    Video26. November 2018, 20:27
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    Auch die zwölfte Partie zwischen Caruana und Carlsen brachte keinen Sieger. Der Weltmeister erreicht mit Schwarz klar bessere Stellung, bietet überraschend Remis. Am Mittwoch folgt der Showdown im Schnellschach

    London – Die Hand des Mannes, der den symbolischen ersten Zug ausführt, zittert wie Espenlaub. Aldo del Bo, Repräsentant der Firma Kaspersky Lab, eines der Hauptsponsoren der Schach-WM, stottert Fabiano Caruanas 1. e2-e4 geradezu aufs Brett. Dann zieht er sich im Blitzlichtgewitter rasch zurück.

    Letzter Akt

    Dieses Bild zu Beginn der zwölften und letzten Partie passt gut zur allgemeinen Stimmungslage. Für Weltmeister Magnus Carlsen und Herausforderer Fabiano Caruana steht an diesem Montag alles auf dem Spiel. Wer heute strauchelt, hat keine Gelegenheit mehr, seinen Ausrutscher wieder gut zu machen. Wer heute gewinnt, ist für die nächsten beiden Jahre Schachweltmeister. Punktum.

    österreichischer schachbund
    Der österreichische Großmeister Markus Ragger analysiert die zwölfte Partie der Schach-WM 2018.

    Es ist nicht das erste Mal in der Schachgeschichte, dass der allerletzten Partie eines WM-Kampfes solche Bedeutung zukommt. Der Österreicher Carl Schlechter verlor 1910 die zehnte und letzte Partie seines Wettkampfes gegen Emanuel Lasker, wodurch der Deutsche den Ausgleich zum 5:5 schaffte und Weltmeister blieb.

    Auch Garri Kasparow und Anatoli Karpow waren in ihren legendären WM-Kämpfen mehrmals auf eine allerletzte, das Match entscheidende Partie zurückgeworfen. Was aber neu ist: Dass es anno 2018 bei dieser WM bis zu dieser letzten noch keine einzige entschiedene Partie gegeben hat. Niemand kann froh darüber sein, dass dieser prolongierte Friedensfall nun in London eingetreten ist.

    Caruana muss liefern

    Eine letzte Chance ist C&C an diesem Montagnachmittag noch verblieben, den Remisfluch abzulegen, bevor statt klassischem Schach ein Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit über den WM-Titel entscheiden muss. Aber natürlich wollen beide diese letzte Partie auch auf keinen Fall verlieren!

    Auf Fabiano Caruana lastet dabei mehr Druck, Risiko zu nehmen und gezielt auf den vollen Punkt loszugehen: Zum einen führt der Herausforderer die weißen Steine. Zum anderen gilt er im Schnell- und Blitzschach gegen Carlsen als großer Außenseiter, sollte also mehr als der Weltmeister daran interessiert sein, seine Chancen in der letzten langen Partie zu suchen.

    Bald steht zum dritten Mal in diesem Match das 7. Sd5-Abspiel in der Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung auf dem Brett. Der Weltmeister, der offenbar nicht Gefahr laufen will, ausgerechnet in der letzten Partie Opfer von Caruanas Vorbereitung zu werden, ist der erste, der abweicht. Mit 9...Se7 wählt Carlsen ein anderes Rückzugsfeld als b8, wohin er seinen Springer in den Runden acht und zehn beordert hatte.

    Spätestens als der Norweger mit 11...Lf5 endgültig ausgetretene Theoriepfade verlässt, wirkt sein Herausforderer unangenehm überrascht. Einen Moment lang schwebt sogar das Damokles-Schwert der totalen Antiklimax durch eine frühe dreimalige Stellungswiederholung über dem College zu Holborn: Caruana pendelt mit seiner Dame zwischen a4 und b4, und Magnus Carlsen signalisiert durch seinen Läuferrückzug, dass er nichts gegen den Genuss der zwölften Friedenspfeife einzuwenden hätte.

    Jetzt oder nie

    Dann aber erinnert sich der Italoamerikaner, wozu er sich heute ans Brett gesetzt hat: Mit einem einzigen Weißsieg Weltmeister zu werden, ist ein Angebot, dass er doch eigentlich nicht ablehnen kann. Also spielt Caruana weiter. Er verbraucht viel Zeit für seine nächsten Züge, will sichergehen, an dieser Stelle nicht den falschen Weg einzuschlagen.

    Carlsen hingegen schleudert seine Antwortzüge nur so heraus, das Tempo des Weltmeisters hat etwas Demonstratives: "Heute bin ich gut vorbereitet, ich kenne mich hier aus, du hast in dieser Stellung gar nichts." Aber stimmt das – oder ist es ein Bluff?

    Die Computer jedenfalls sympathisieren eine Zeit lang mit der weißen Stellung. Das ändert sich ausgerechnet, als Caruana einen kühnen Zug aufs Brett stellt: 21. Th2!? findet nicht den Beifall der Programme, sieht aber – unter Menschen – nach einer Kampfansage aus. Mit der langen Rochade im 22. Zug fährt Caruana fort, den Einsatz zu erhöhen.

    Schwarz am Drücker

    Mit 24. Sf2? aber greift der Weiße erstmals daneben. Der Springer erweist sich auf diesem Feld als deplatziert, Schwarz übernimmt nun Zug für Zug die Initiative. Und das Tempo, in dem der Weltmeister zu diesem Zeitpunkt agiert, ist ebenso hoch wie die Qualität seiner Züge. Fast hat es den Anschein, als ob Magnus Carlsen seinem Kontrahenten schon einmal prophylaktisch vor einem möglichen Tiebreak zeigen möchte, wer der bessere Schnellschachspieler ist.

    Nach 31 Zügen sind sich alle Beobachter einig, dass Schwarz die entstandene Stellung risikolos auf Gewinn spielen kann. Zum positionellen schwarzen Vorteil, der unter anderem aus dem Langzeittrumpf eines gedeckten Freibauern auf e4 besteht, gesellt sich auch noch milde Zeitnot des Herausforderers. Nur knapp zehn Minuten verbleiben Fabiano Caruana für die letzten Züge bis zur Zeitkontrolle; keine Katastrophe, aber angesichts der entscheidenden Bedeutung der Partie doch ein zusätzlicher Stressfaktor.

    Carlsen interruptus

    Der Weltmeister aber sieht das alles ganz anders. Beziehungsweise, wie er in der Pressekonferenz immer wieder erklärt: Ihm ist das alles egal. Er ist mit dem Plan zu seiner letzten Schwarzpartie erschienen, das zwölfte Remis zu erzielen, um sich seinen Gegner am Mittwoch im Schnellschach vorknöpfen zu können. Vorteil oder kein Vorteil, Millionen Zuschauer, die auf eine entschiedene Partie hoffen – das alles kratzt Magnus Carlsen überhaupt nicht.

    In einer Stellung, in der er als Schwarzer über die klar bessere Stellung und erheblichen Zeitvorteil verfügt, bietet der Norweger seinem Gegner völlig überraschend remis. Und was soll Fabiano Caruana in dieser schlechten Position anderes tun als einzuschlagen?

    Die zwölf klassischen Partien dieser Schach-WM enden somit ohne eine einzige entschiedene Partie. Das ist, trotz einiger sehr spannender Gefechte, natürlich keine Werbung für den Schachsport und sollte den Weltschachbund einmal mehr dazu bewegen, über eine Änderung des WM-Modus nachzudenken.

    Asymmetrie

    Ideen gibt es zu Genüge: Mehr Partien bei weniger Ruhetagen würden den Spielern mehr Möglichkeiten geben, Risiko zu nehmen, ohne bei einem möglichen Rückstand schon kaum mehr Zeit für eine Aufholjagd zu haben.

    Noch wichtiger wäre aber wohl eine klare Asymmetrie schon zu Beginn des Matches: Entweder sollte der Weltmeister, wie es jahrzehntelang Usus war, den Titel im Fall eines unentschiedenen Matchausganges behalten. Oder aber das nun an den Schluss gesetzte Tiebreak könnte bereits am Anfang des Wettkampfs gespielt werden, um sportlich zu entscheiden, wer im Falle eines Gleichstands nach zwölf Partien Weltmeister wird.

    In beiden Fällen wäre mit Fortdauer des Matches einer der Kontrahenten gezwungen, mehr und mehr Risiko zu nehmen. Einem Ausplätschern der letzten klassischen Partien, bei dem mit ein bis zwei Augen schon auf das Tiebreak geschielt wird, wäre damit von vornherein wirksam ein Riegel vorgeschoben.

    Popcorn-Schach am Mittwoch

    Enttäuschte Schachfans dürfen sich allerdings damit trösten, dass am Mittwoch ein Popcorn-Finale der Sonderklasse bevorsteht. Geht Carlsens mäßig sympathisches Kalkül nach 2016 ein weiteres Mal auf? Oder krönt sich Fabiano Caruana mit einem Überraschungssieg im Schnell- oder Blitzschach against all odds zum neuen Weltmeister?

    So oder so: Am Mittwoch wird gespielt, bis es einen Sieger gibt. Der Standard begleitet das Tiebreak ab 15.30 Uhr MEZ mit einem Live-Ticker. (Anatol Vitouch aus London, 26.11.2018)

    Die Notation der 12. Partie am Montag:

    Weiß: Fabiano Caruana (USA)
    Schwarz: Magnus Carlsen (NOR) 0:5:0:5
    Stand: 6,0:6,0, Entscheidung am Mittwoch (ab 16.00 Uhr) im Tiebreak

    Eröffnung: Sizilianische Verteidigung/Sveshnikov-Variante
    Züge: 31
    Spielzeit: 2:07 Stunden

    1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Sd5 Sxd5 8.exd5 Se7 9.c4 Sg6 10.Da4 Ld7 11.Db4 Lf5 12.h4 h5 13.Da4 Ld7 14.Db4 Lf5 15.Le3 a6 16.Sc3 Dc7 17.g3 Le7 18.f3 Sf8 19.Se4 Sd7 20.Ld3 0-0 21.Th2 Tac8 22.0-0-0 Lg6 23.Tc2 f5 24.Sf2 Sc5 25.f4 a5 26.Dd2 e4 27.Le2 Le8 28.Kb1 Lf6 29.Te1 a4 30.Db4 g6 31.Td1 Ta8

    • Fabiano Caruana und Magnus Carlsen müssen sich den WM-Titel im Tiebreak ausmachen.
      foto: imago/action plus

      Fabiano Caruana und Magnus Carlsen müssen sich den WM-Titel im Tiebreak ausmachen.

    • Nach 8…Se7: Carlsen weicht von Partie acht und zehn ab.

      Nach 8…Se7: Carlsen weicht von Partie acht und zehn ab.

    • Nach 21. Th2: Kampfansage oder erste Ungenauigkeit?

      Nach 21. Th2: Kampfansage oder erste Ungenauigkeit?

    • 1/2-1/2 nach 31…Ta8: Schwarz steht besser, aber Carlsen hat keine Lust.

      1/2-1/2 nach 31…Ta8: Schwarz steht besser, aber Carlsen hat keine Lust.

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