Bénédicte Savoy: Rückeroberin des kulturellen Gedächtnisses

    Kopf des Tages27. November 2018, 06:00
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    Die Kunsthistorikerin kämpft seit langem um die Rückgabe afrikanischer Raubkunst. Dank Staatspräsident Emmanuel Macron landete ihr Anliegen auf der großen politischen Bühne

    An den Exponaten in ethnologischen Museen klebt vielfach Blut: Sie wissen von der Gewalt der Kolonialisten zu erzählen, die diese Kultgegenstände, Masken, Musikinstrumente raubten. An den Postkolonialismus-Instituten der Universitäten wird das kritische Bewusstsein gegenüber dieser Form der Gewalt seit Jahren gepflegt.

    Dass nun die Weltöffentlichkeit darüber redet, muss für die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy eine Genugtuung sein. Seit zwei Jahrzehnten engagiert sich die 1972 in Paris geborene Wissenschafterin dafür, Licht in diese dunklen Kapitel der Kulturgeschichte zu bringen.

    Für Aufsehen sorgte Savoy schon 2017, als sie ihren Posten im Beirat des künftigen Berliner Humboldt-Forums hinschmiss. Mit effektvollen Worten nicht geizend, verglich sie das Unternehmen kurzerhand mit Tschernobyl: Man stecke die Geschichte hier "wie Atommüll unter eine Bleidecke".

    Für einen Neuanfang auf Augenhöhe

    Dass Savoys Herzensanliegen nun auf einer ungleich größeren politischen Bühne gelandet ist, ist Emmanuel Macron zu verdanken. Der französische Staatschef erklärte im Frühjahr, er sei bereit, afrikanische Kunstgegenstände aus nationalen Museen zu restituieren. Savoy wurde zusammen mit dem senegalesischen Wissenschafter Felwine Sarr beauftragt, eine Liste betroffener Objekte zu erarbeiten. 90.000 seien es, wie seit Freitag bekannt ist.

    Die Rückgabe der Objekte an afrikanische Museen ist für Savoy jedoch nur ein Anfang – der Beginn einer "Rückeroberung des kulturellen Gedächtnisses", wie sie erklärte. Die Politik müsse sich nun um einen Neuanfang auf Augenhöhe mit den Herkunftsländern bemühen.

    Einfühlung in die Enteigneten

    Tatsächlich ist die Einfühlung in den Blick der Enteigneten eine Schlüsselmethode Savoys. Als sie 2016 den Leibniz-Preis erhielt, finanzierte sie damit das Translocations-Projekt, das ein Hauptaugenmerk auf die Empfindungen der kulturell Beraubten legt – ein Aspekt, der über viele Jahre auch an einschlägigen Instituten vernachlässigt blieb. Das Projekt ist indessen nur eines unter vielen, die die 46-Jährige neben ihren Professuren an der TU Berlin und am Collège de France initiiert hat.

    Gemeinsam ist ihnen das Ziel, für eine neue Transparenz in der Ausstellungspolitik zu sorgen. Museen müssten sich eingestehen, dass sie ein zwiespältiges Erbe verwalten und dieses den Besuchern offenlegen, so Savoy. "Museumsbesucher dürfen nicht das Gefühl haben, die Stücke wären vom Himmel gefallen." (Roman Gerold, 27.11.2018)

    • "Museumsbesucher dürfen nicht das Gefühl haben, die Exponate seien vom Himmel gefallen": Bénédicte Savoy.
      foto: afp

      "Museumsbesucher dürfen nicht das Gefühl haben, die Exponate seien vom Himmel gefallen": Bénédicte Savoy.

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