Emissionen steigen weltweit, Klimaziel immer unwahrscheinlicher

    27. November 2018, 16:00
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    Laut UN-Umweltprogramm schwinden die Chancen, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen

    Wien – "Die globalen Emissionen sind nach drei Jahren Stagnation 2017 wieder gestiegen", sagt Klimawissenschafter Joeri Rogelj. Das widerspreche der Annahme, dass der globale Ausstoß von Emissionen bereits seinen Höhepunkt erreicht habe und wieder sinke. Das zeigt der neue Emissions-Gap-Report des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), der am Dienstag in Paris präsentiert wurde. Die Emissionen erreichten mit 53,5 Gigatonnen (Gt) CO2 sogar ein historisches Höchstniveau – ohne Anzeichen, dass bald jener Punkt erreicht sein wird, an dem die Emissionen von ansteigend auf abnehmend wechseln.

    Die Autoren haben zudem prognostiziert, dass das nur in 57 Ländern – die weltweit 60 Prozent der Emissionen verursachen – bis 2030 der Fall sein könnte. Rogelj, einer der Hauptautoren des Berichts, zählt bei einem Hintergrundgespräch in Wien die Fakten auf: Soll das Zwei-Grad-Ziel gehalten werden, müssen die Emissionen auf rund 40 Gigatonnen CO2 pro Jahr reduziert werden. Für das 1,5-Grad-Ziel wäre eine Verringerung der Emissionen auf circa 24 Gigatonnen CO2 notwendig.

    Würde man die bisherige Klimapolitik fortführen, käme man 2030 auf eine Emission von 59 Gigatonnen CO2. Selbst die Umsetzung der aktuellen nationalen Beiträge zur Erreichung der Emissionsziele würde 2030 bestenfalls 53 Gigatonnen an Emissionen bedeuten.

    foto: apa/afp/arun sankar, grafik: der standard

    Anstrengungen müssen verdreifacht werden

    Das derzeit vorgelegte Tempo nationaler Maßnahmen reiche nicht aus, um die Pariser Ziele zu erfüllen, so Rogelj. Die Nationen müssten laut Bericht ihre Anstrengungen um das Dreifache erhöhen, um die Zwei-Grad-Grenze zu erreichen, und um das Fünffache, um die 1,5-Grad-Grenze nicht zu knacken. Wird der aktuelle Kurs fortgesetzt, wird es bis zum Ende des Jahrhunderts zu einer globalen Erwärmung von 3,2 Grad Celsius kommen. Und die Temperaturen werden danach weiter steigen.

    Drastische und rasche Maßnahmen fehlen, attestiert der Bericht wenige Tage vor Beginn der 24. Klimakonferenz in Polen. Um diese Lücke zu füllen, stellt der Bericht auch jedes Jahr sinnvolle Klimaschutzmaßnahmen vor. Dieses Jahr liegt der Fokus, so Rogelj, auf Innovation, Steuerpolitik und nichtstaatlichen Aktionen. "Wir versuchen Lösungen anzubieten", erklärt der Klimawissenschafter. Und er ergänzt: "Es gibt keine magische Lösung."

    Subventionen für fossile Brennstoffe müssen auslaufen

    Angefangen bei Stadt-, Landes- und Regionalregierungen bis hin zu Unternehmen, Investoren, Bildungseinrichtungen und Organisationen der Zivilgesellschaft bekennen sich zunehmend nichtstaatliche Akteure zu mutigen Klimaschutzmaßnahmen. Sie werden zunehmend als Schlüssel erkannt, um die globalen Emissionsziele zu erreichen. Die Schätzungen, wie groß das Potenzial insgesamt ist, um die Emissionen zu reduzieren, variieren stark. Einige Quellen gehen von 19 Gigatonnen CO2 bis 2030 aus. Das würde ausreichen, um die Zwei-Grad-Lücke zu schließen.

    Ergänzt durch eine sorgfältig konzipierte Finanzpolitik wäre das Potenzial noch größer, sagt Jian Liu, leitender Wissenschafter des UN-Umweltprogramms: "Wenn Regierungen fiskalpolitische Maßnahmen wahrnehmen, um emissionsarme Alternativen zu subventionieren und fossile Brennstoffe zu besteuern, könnten sie die richtigen Investitionen im Energiesektor anregen und die CO2-Emissionen erheblich reduzieren."

    Das Potenzial, die Fiskalpolitik als Anreiz zu nutzen, werde auch zunehmend wahrgenommen, so Liu: 51 Initiativen seien bereits vorhanden oder geplant und decken rund 15 Prozent der weltweiten Emissionen ab. "Wenn alle Subventionen für fossile Brennstoffe auslaufen, könnten die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 um bis zu zehn Prozent gesenkt werden", sagt Liu weiter.

    Die Festlegung des richtigen CO2-Preises sei ebenfalls wichtig: "Mit 70 US-Dollar pro Tonne CO2 sind in einigen Ländern Emissionsreduzierungen von bis zu 40 Prozent möglich."

    Zwei Grad noch erreichbar

    Der Report hält jedoch auch fest, dass es noch nicht zu spät ist: Es sei immer noch möglich, die globale Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten. Aber die technischen Möglichkeiten der 1,5-Grad-Grenze schwinden. Der Emissions-Gap-Report und der IPCC-Report gelten als wichtige wissenschaftliche Grundlagen.

    "Dieses Alarmsignal muss dringend wahrgenommen werden. Die EU unter der österreichischen Ratspräsidentschaft darf jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Johannes Wahlmüller, Klimasprecher von Global 2000. Er forderte bei der Klimakonferenz eine komplette Überarbeitung der Klimapläne der EU.

    Zwischen Worten und Taten klafft noch eine große Lücke, kritisiert auch Adam Pawloff, Klimasprecher von Greenpeace Österreich: "Die Klimakonferenz muss von den Staaten dringend dafür genutzt werden, mehr Ambitionen zu zeigen." (Julia Schilly, 27.11.2018)

    Joeri Rogelj ist seit 2010 ein Hauptautor des Gap-Reports und auch Autor des Sonderberichts des Weltklimarats IPCC, der bereits im Oktober erschienen ist. Er ist beim Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg tätig und unterrichtet am Imperial College London.

    Emissions-Gap-Report und IPCC-Report

    Bei der Klimakonferenz in Paris einigte sich die Staatengemeinschaft im Jahr 2015 darauf, die globale Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf zwei Grad Celsius zu beschränken beziehungsweise eine 1,5-Grad-Grenze anzustreben. Im Gap-Report, der jährlich seit 2010 erscheint, wird die Lücke zwischen den erwarteten Emissionswerten im Jahr 2030 und jenen Werten, die einem Ziel von zwei Grad oder 1,5 Grad Celsius entsprechen würden, berechnet.

    Vom IPCC-Report, der im September veröffentlicht wurde, unterscheidet sich der Gap-Report vor allem durch den Schreibprozess, erklärt Rogelj. Für den IPCC-Report ist das Prozedere langwieriger. Die Experten werden in drei Runden von Regierungen und Experten ausgewählt. Der Bericht muss schließlich von allen 190 Mitgliedstaaten genehmigt werden. In diesem Rahmen werde jeder einzelne Satz durchgegangen und abgesegnet. "Das bedeutet auch, dass der Bericht am Schluss viel an Macht besitzt, denn danach werden die Inhalte nicht mehr verhandelt", sagt Rogelj. Der nun vorliegende Gap-Report wird von keiner Regierung abgesegnet. Daher fällt er traditionell auch etwas schärfer aus. (red)

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