Bernhards "Amras" am Tiroler Landestheater: Ein Platz für Idioten

    Video26. November 2018, 16:06
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    Stefan Maurer adaptiert Thomas Bernhards Erzählung "Amras" als puristisches Sprechstück für die Bühne: einiges fürs Auge, viel fürs Ohr

    Seit dieser Herbstsaison verfügt das Tiroler Landestheater über Spielstätten im angrenzenden neuen Haus der Musik. Das [K2], das sich weiterhin als zeitgenössische, experimentierfreudige Bühne etablieren soll, ist eine davon, ähnlich groß wie das Vestibül im Burgtheater.

    Dort widmet man sich nun Thomas Bernhards zweiter großen Prosaveröffentlichung von 1964, nämlich Amras, einem Text, in dem die im Südosten der "düsteren Landeshauptstadt Innsbruck" gelegene Ortschaft wie die Tiroler Landschaft insgesamt als Chiffre für den tödlichen Irr- und Wahnsinn des Lebens firmiert.

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    Zuflucht im Turm

    Zu Beginn werden die Icherzählung, Tagebucheinträge, Briefzitate auf vier Rollen aufgeteilt: der ältere Bruder, der jüngere Walter, Vater und Mutter schanzen sich den Text als Versuchsquartett der Infamie menschlicher Existenz gegenseitig zu. Nach und nach verlassen sie die Publikumsperspektive, die sie anfänglich als Hörer und Seher ihres eigenen Schicksals eingenommen haben, um in einem verbalen Pingpongspiel die Blicke des Publikums nach links und rechts wenden zu lassen. Schließlich sitzen einem die Worte auch im Nacken, sodass man vom Sprachfluss umzingelt wird: die Fluchttüren versperrt, das Notlicht verdeckt – Finsternis.

    Wir sind mitten im Amraser Turm, in dem die Brüder – Walter leidet wie seine Mutter an einer "nur in Tirol bekannten Epilepsie" – für zweieinhalb Monate vor "dem Zugriff der Menschen" Zuflucht gefunden haben. Unterbrochen wird die isolierte Koexistenz nur von regelmäßigen Konsultationen bei einem Internisten.

    Letzte Phase im Auflösungsprozess einer Familie und tödlicher Irrsinn des Lebens: Tom Hospes und Christoph Schlag in der Innsbrucker Bühnenfassung von Thomas Bernhards "Amras".

    Der Epileptikerstuhl und das manische Treppenzählen

    Vorab hat Maurer seine vier Mimen vom Schlagabtausch in ein frei rhythmisiertes Quartettspiel wechseln lassen, nun lässt er sie in Paarkonstellation auftreten und nützt die nüchterne Bühne für tragikomische Episoden: das Messer der Philippine Welser, den Epileptikerstuhl, das manische Treppenzählen und nicht zuletzt den Zirkus, für den die in weiße Hemden und khakifarbene Hosen gewandeten Protagonisten bunte Kostüme überstreifen (Bühne, Kostüme: Luis Graninger).

    Tom Hospes, Christoph Schlag und Janine Wegener legen in diesem Kammerstück eine textlich saubere, nirgends exaltierte schauspielerische Leistung hin – und dennoch spielt sich Jan-Hinnerk Arnke peu à peu derart in den Vordergrund, dass das Vorangegangene als grandios dargebotenes Vorspiel erscheint. Jetzt, wo nicht nur die Eltern tot sind und auch der jüngere Bruder seinem Dasein ein Ende gesetzt hat, zieht er nach Aldrans und schließt mit einem fulminanten Schlussmonolog. Das Publikum spendete bei der Premiere zu Recht reichlichen Beifall. (Bernhard Sandbichler, 27.11.2018)

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