Genveränderte Babys: Peking ordnet Untersuchung an

    Video27. November 2018, 12:09
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    Bei Zwillingsmädchen in China soll Gen ausgeschaltet worden sein. Heftige Kritik aus aller Welt

    foto: ap/mark schiefelbein
    Das "chirurgische Besteck" für die Genom-Editierung.

    Hongkong/Wien – Aus China wird ein Durchbruch in der Humanmedizin gemeldet, der zugleich ein gewaltiger ethischer Dammbruch wäre: Laut Angaben des verantwortlichen Wissenschafters He Jiankui (Southern University of Science and Technology of China, SUSTech, in Shenzhen) kamen vor wenigen Wochen zwei Zwillingsmädchen zur Welt, deren Erbgut im Embryonalstadium verändert worden war. Konkret war bei Lulu und Nana mittels der "Gen-Schere" CRISPR/Cas9 ein Gen ausgeschaltet worden, um so eine künftige Infektion mit HIV zu erschweren. Unmittelbar nach der Bekanntgabe hat die chinesische Regierung eine "unverzügliche Untersuchung" der Experimente angeordnet, wie die Nationale Gesundheitskommission in Peking am Dienstag mitteilte.

    In einem Video auf Youtube berichtet He Jiankui stolz, dass die zwei gesunden Mädchen mit den Namen Lulu und Nana weinend auf die Welt gekommen seien – so wie andere Babys auch. Grace, die Mutter, sei nach einer normalen In-vitro-Fertilisation schwanger geworden – freilich mit einem Unterschied, so He Jiankui: "Unmittelbar nachdem wir das Sperma ihres Mannes in die Eizelle eingeführt hatten, fügten wir auch ein kleines Protein für eine 'Gen-Chirurgie' ein." Damit sei auf der Ebene der befruchteten Eizellen jenes "Tor" namens CCR5 entfernt worden, über das HI-Viren in Zellen gelangen können. Gibt es auf Zellen keine CCR5-Strukturen, sind sie HIV-resistent.

    the he lab
    Genom-Chirurg He Jiankui erklärt den von ihm verantworteten Eingriff.

    He Jiankui gab gegenüber der Nachrichtenagentur AP an, das Genom der Embryonen von sieben Paaren verändert zu haben, bei denen alle Männer mit HIV infiziert waren, die Frauen aber nicht. Insgesamt seien bei 16 von insgesamt 22 Embryonen die Eingriffe vorgenommen worden, elf davon habe man für sechs Implantationsversuche verwendet, bis die Zwillingsgeburt gelang. Noch gibt es freilich keine wissenschaftliche Veröffentlichung oder weitere Quellen, die das Gelingen der Experimente bestätigen würden. Entsprechend vorsichtig müssen die Angaben bewertet werden.

    Knalleffekt vor Tagung

    Ihre Veröffentlichung erfolgte zu einem Zeitpunkt, der ganz bewusst gewählt wurde: nämlich einen Tag vor Beginn des "Second International Summit on Human Genome Editing", der am Dienstag in Hongkong beginnt. So meinte etwa Nobelpreisträger David Baltimore, der Vorsitzende der Konferenz: "Wir haben bisher noch nie etwas gemacht, was die Gene der Menschheit verändert hätte. Und wir haben noch nie etwas gemacht, das Auswirkungen auf künftige Generationen haben wird."

    Weltweit fielen die Reaktionen skeptisch bis entsetzt aus. So etwa meinte Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats und Professor für Systematische Theologie an der Uni Erlangen-Nürnberg: "Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von CRISPR genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU. Dass ausgerechnet am Tag vor dem weltweiten Wissenschaftsgipfel, der über den verantwortlichen Umgang mit Genome-Editing beim Menschen berät, ein solches Experiment bekannt wird, kann ja fast nur als Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft gewertet werden."

    Grundsätzliche Bedenken

    Etliche der mit der Materie vertrauten Forscher und Bioethiker, die am Montag zu den Experimenten Auskunft gaben, halten genetische Eingriffe in die Keimbahn ganz grundsätzlich für verwerflich. Doch auch jene, die keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen Genom-Editierung beim menschlichen Erbgut haben, zeigten sich im konkreten Fall aus zwei Gründen ablehnend: Zum einen sei das Experiment zu früh erfolgt, da man noch keinerlei Erfahrung mit den Risiken eines solchen Eingriffs – etwa einer höheren Krebswahrscheinlichkeit – habe. Und zum Zweiten schütze der Eingriff vor einer Krankheit, die im Prinzip gut behandelbar sei.

    In den Worten der Politikwissenschafterin und Bioethikerin Barbara Prainsack (Uni Wien, Österreichische und Europäische Bioethikkommission): "Fast alle Forscherinnen und Forscher sind sich erstens einig, dass das Editieren von Genomen Nebenwirkungen haben kann, die noch nicht ausreichend untersucht wurden; für die Anwendung dieser Technologie in der Reproduktionsmedizin ist es daher noch viel zu früh."

    Tabubrüche und Fragen

    Der zweite Tabubruch besteht für Prainsack darin, dass He Jiankuis Team sich nicht auf die "Heilung" einer tödlichen Krankheit konzentrierte, sondern auf die Vermeidung einer Krankheit, die heute gut behandelt werden kann. Es stelle sich aber noch eine weitere Frage – jene der Gerechtigkeit: "Wenn es sich reiche Menschen leisten können, Krankheiten aus den Genomen ihrer zukünftigen Kinder herauseditieren zu lassen, was bedeutet dies für all jene, die sich dies nicht leisten können?"

    Die US-Forscherin Jennifer Doudna, eine der beiden Entwicklerinnen der Genschere CRISPR/Cas9, hat die Keimbahnmanipulation in China ebenfalls kritisiert. "Wenn sich das bestätigt, stellt diese Arbeit einen Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde bei der Anwendung von CRISPR/Cas9 zum Editieren der menschlichen Keimbahn dar", sagte Doudna in Hongkong.

    Es sei dringend erforderlich, der Genmanipulation bei Embryos klare Grenzen zu setzen. Sie dürfe nur dort zum Einsatz kommen, wo eine deutliche medizinische Notwendigkeit bestehe und keine andere Behandlungsmethode existiere.

    Protest von chinesischen Forschern

    Mehr als 100 chinesische Wissenschafter haben mittlerweile in einem Protestbrief mit scharfer Kritik auf die Ankündigung ihres Kollegen He Jiankui reagiert. "Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden", hieß es in dem am Montag veröffentlichten Schreiben, das 122 Forscher unterzeichneten. Peking verlangte von der Lokalregierung der Provinz Guangdong, wo der Forscher nach eigenen Angaben seine Experimente durchgeführt hat, eine "unverzügliche Untersuchung".

    Die Genauigkeit des von He Jiankui genutzten CRISPR/Cas9-Verfahrens und dessen Wirkungsweise seien ein sehr kontroverses Thema unter Wissenschaftern. Es sei zwar möglich, dass die Kinder, die dieses Mal geboren wurden, für einen bestimmten Zeitraum gesund sind. "Aber die potenziellen Risiken und Schäden für die gesamte Menschheit, die durch einen ungerechtfertigten Einsatz des Verfahrens in der Zukunft entstehen können, sind unermesslich."

    Untersuchungen seitens der Universität

    Die Versuche seien ein "schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft", heißt es in dem Brief. Aufsichtsbehörden sollten schnell handeln und eine umfassende Untersuchung des Vorfalls durchführen: "Die Büchse der Pandora wurde geöffnet, und wir haben möglicherweise eine Chance, sie zu schließen, bevor der Schaden irreparabel ist."

    Kurz nach Bekanntwerden der Experimente hat die Southern University of Science and Technology gegen He Jiankui Untersuchungen eingeleitet. Die Universitätsleitung gab bekannt, sie sei nicht über die Experimente ihres Mitarbeiters informiert gewesen, der sich seit Februar bis zum Jahr 2021 unbezahlten Urlaub genommen habe. (AP, Reuters, APA, tasch, 26.11.2018)

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