HIV und Aids: Als die "Schwulen-Pest" in der Gesellschaft ankam

    Blog30. November 2018, 11:00
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    Als Krankheit der homosexuellen Szene verschrien, versuchte man in Österreich Aufklärung statt Hetze zu betreiben – die Stigmatisierung bleibt bis heute

    "Ich kenne meinen Status" offenbaren Philipp Hochmair und Paris Jackson, in kultigem Schwarzweiß von Starfotograf Andreas H. Bitesnich abgelichtet, derzeit auf Plakatwänden und in kurzen Videoclips, die eifrig auf Social-Media-Kanälen geteilt werden. Er liebe das Leben, rein und wild, bekennt der Schauspielstar, er sei Jäger und Beute und spiele gerne. Dabei kennt er seine Geschichte und vor allem seinen Status. Ohne die für viele nach wie vor bedrohlichen Worte HIV und Aids in den Mund zu nehmen, wirbt Hochmair mit seiner berühmten Kollegin zum Welt-Aids-Tag dafür, dass sich Jedermann und Jederfrau testen lassen sollte, denn das Wissen um den HIV-Status kann Leben retten, vor allem das eigene.

    life ball vienna
    Kennen Sie Ihren Status?
    foto: andreas h. bitesnich
    Paris Jackson wirbt für die Kampagne "Know your status".

    Die ersten Berichte

    Vor einigen Jahren noch bedeutete dieses Wissen um seinen Status für viele die Erkenntnis, dass man sich mit einem tödlichen Virus infiziert hatte. Sich dieser Gewissheit zu stellen, brachten viele nicht den Mut auf. Als am 11. März 1983 das Ö1-Abendjournal über die ersten beiden Aids-Toten in Österreich berichtete, war die Aids-Panik auch in den österreichischen Medien angekommen, nachdem in den USA bereits im Sommer 1981 erste Berichte über eine rätselhafte Krankheit veröffentlicht worden waren, die vor allem junge, wie sich bald herausstellte, vornehmlich homosexuelle Männer betraf. Zunächst als Grid (Gay Related Immune Definciency) bezeichnet, wurde die Erkrankung, noch bevor sie in Österreich auch als "Schwulen-Pest" für medialen Wirbel sorgte, in Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrom – Erworbenes Immundefizit-Syndrom) umbenannt.

    Zwar hatte der "Kurier" schon im Sommer 1982 über die tödlich verlaufende Krankheit berichtet, die bei zuvor völlig gesunden, jungen Männern zu schweren Lungenentzündungen, seltenen Hautkrebsarten, wie dem Kaposi-Sarkom, und einen rasanten Verfall des Immunsystems führte, doch wurden diese Berichte nicht beachtet und selbst von der heimischen schwulen Presse als Hetze gegen Homosexuelle, die sich doch gerade erst mit der Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung ein Jahrzehnt davor etwas Freiheit verschafft hatten, abgetan. Die ersten Toten und die mediale Stigmatisierung als "Schwulen-Pest" zwang die Community aber Stellung zu beziehen. Nur zwei Wochen nach den ersten alarmistischen Berichten veröffentlichte die Homosexuelle Initiative Wien (Hosi) unter Federführung ihres Vizeobmanns, des Arztes Reinhardt Brandstätter, in Zusammenarbeit mit den Universitäts-Professoren Christian Kunz und Klaus Wolff und dem Wiener Gesundheitsstadtrat Alois Stacher aber eine erste Informationsbroschüre, in der alles verfügbare Wissen über die Virusinfektion zusammengetragen wurde.

    Ausgrenzung der "Ansteckungsverdächtigen"

    Das verursachende Virus war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt, es wurde erst im selben Jahr entdeckt. Ohne Hysterie und betont sachlich versuchten die Autoren, Gefahren zu benennen und Symptome zu erklären. So wurde auch der Punzierung von Aids als "Schwulen-Seuche" in dieser ersten Broschüre bereits vehement widersprochen. Gleichzeitig setzte man auf das Mittel der Prävention, das die österreichische Gesundheitspolitik zu Fragen von HIV/Aids bis heute bestimmt. Safer Sex (die Vermeidung des Austauschs von Körperflüssigkeiten) und die Verwendung von Kondomen beim Geschlechtsverkehr waren die einzigen Möglichkeiten eine Infektion zu verhindern. Während etwa im benachbarten Bayern unter dem CSU-Staatssekretär Peter Gauweiler Zwangsmaßnahmen gegen "Ansteckungsverdächtige" wie Schwule, Junkies und Prostituierte zu verstärkter Ausgrenzung führten, ging man im Österreich den Weg der Aufklärung. Trotzdem führte die oft von irrationalen Ängsten und Unwissenheit beflügelten Kampagnen in Boulevardmedien zur Diskriminierung Betroffener, die auch innerhalb ihrer Communities oft ausgegrenzt wurden.

    foto: reuters/navesh chitrakar
    Aids-Kranke werden noch heute in der Gesellschaft ausgegrenzt und stigmatisiert.

    Da es keine wirksamen Medikamente gab, mussten viele dem Sterben ihrer Freunde und Freundinnen hilflos zusehen. Unter dem Eindruck dieser zwischenmenschlichen Katastrophe organisierte Gery Kezsler 1993 den ersten Life Ball im Wiener Rathaus, die erste Aids-Charity-Veranstaltung weltweit, die in einem Regierungsgebäude stattfand. Mit einer schillernden Party sollte der ausweglos erscheinenden Situation begegnet und Geld für Selbsthilfeprojekte und Aufklärung gesammelt werden.

    Der Kampf gegen HIV und Aids

    Mit der Einführung der Kombinationstherapie HAART (Highly Active AntiRetroviral Therapy) stellten sich 1996 erste medizinische Erfolge ein, aus Aids wurde eine behandelbare chronische Erkrankung, auch wenn bis heute keine Heilung in Sicht ist. Aids verlor langsam seinen Schrecken, die soziale Ausgrenzung HIV-Infizierter blieb allerdings weiter bestehen. So berichtete der STANDARD am 1. Dezember 2009, dem seit 1988 weltweit begangenen Welt-Aids-Tag, von sinkenden Infektionszahlen, aber einer fortschreitenden Diskriminierung durch "soziales Aids". Der fortschreitenden medizinischen Forschung gelang es auch, dass bei HIV-Infizierten bei regelmäßiger Einnahme ihre Medikamente die Viruslast unter die Nachweisgrenze sank und sie damit nicht mehr ansteckend waren, was auch eine weitere Verbreitung des Virus hintanhält.

    Bis 2030 sollte nach dem Willen der WHO Aids endgültig Geschichte sein. Dabei sollte auch eine neue Präventionsmaßnahme helfen – die PrEP (Pre Exposure Prophylaxe). Ein HIV-Medikament, präventiv als Dauermedikamentation oder anlassbezogen eingenommen, verhindert mit 99-prozentiger Sicherheit eine Infektion. Die auch seit Anfang 2018 in Österreich zugelassene PrEP wird aber nicht von der Krankenkasse bezahlt, all jene, die sich schützen wollen, müssen diese selbst bezahlen. Sie wird auch nur von wenigen spezialisierten Ärzten und Ärztinnen verschrieben und ist für circa 60 Euro in ausgewählten Apotheken erhältlich.

    Studien in Ländern wie Großbritannien, wo die PrEP schon länger zugelassen ist, zeigen, dass die Rate der Neuinfektionen mit HIV durch die präventive Therapie deutlich sank, andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STDs) wie Tripper und Syphilis allerdings zum Teil dramatisch zunahmen, weil das Kondom zur Vermeidung einer HIV-Infektion plötzlich nicht mehr notwendig ist. Der Verzicht auf Safer Sex ist aber auch innerhalb der schwulen Community nicht unumstritten, schon bald wurden Männer, die nach Einnahme der PrEP ungeschützten Sex mit anderen Männern hatten, auf Dating-Plattformen und in den sozialen Medien als "PrEP-Huren" diffamiert. Will man sich vor der Infektion mit STDs schützen, wird auch in die Zukunft die Verwendung eines Kondoms die einzige Möglichkeit sein.

    foto: andreas h. bitesnich
    Schauspieler Philipp Hochmaier wirbt dafür, sich auf HIV testen zu lassen.

    Know your status

    Mit dem Fortschreiten des medizinischen Erfolgs wird Aids immer mehr zu einem historischen Phänomen. HIV und Aids werden so auch zum Thema der historischen Forschung und der Erinnerungskultur. So erinnert das englischsprachige Instagram-Portal "The Aids Memorial" in zahlreichen Biografien an den menschlichen Verlust, den Aids seit den 1980er-Jahren verursacht hat. Allerdings stehen dabei nicht nur berühmte Persönlichkeiten wie Freddie Mercury, Ofra Haza, Liberace oder Brad Davis im Zentrum sondern die tausenden Opfer, die die Immunschwächeerkrankung im Laufe von fast vier Jahrzehnten gefordert hat. (Andreas Brunner, 30.11.2018)

    Andreas Brunner ist Co-Leiter von QWIEN, Mitbegründer der Regenbogenparade und beforscht seit mehr als zwanzig Jahren die queere Geschichte Wiens. Neben zahlreichen Beiträgen zur Geschichte der Homosexualität*en bietet er themenspezifische Stadtspaziergänge an.

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