Warum man in der Pension arbeiten will oder muss

    26. November 2018, 15:37
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    Manche genießen die Pension, andere wollen gebraucht werden oder benötigen das Geld. Das Start-up Wisr verbindet ältere Menschen mit Firmen

    In zwei Jahren könnte Susanne Stuppacher in Pension gehen. "Aber ich will noch Karriere machen", sagt die langjährige Personalerin. Deshalb kündigte sie in ihrem vorigen Unternehmen, wo das nicht mehr möglich war. Seit einem Jahr arbeitet die 58-Jährige bei Wisr: Das Start-up verbindet seit 2017 Firmen mit Personen im höheren Alter und Pensionisten, die arbeiten wollen, auf einer Jobplattform.

    Denn: "Der Arbeitsmarkt ist für über 50-Jährige nicht vorhanden", sagt Stuppacher. Noch dazu trauten sich Leute in diesem Alter häufig nicht, ihren Job zu kündigen – aus Angst, keinen mehr zu finden. Noch immer gebe es Vorurteile gegenüber Älteren.

    Dabei seien Firmen zunehmend auf sie angewiesen, sagt zumindest Wisr-Mitgründerin Klaudia Bachinger. Der Hauptgrund: die alternde Gesellschaft. Bereits 2030 werden laut Statistik Austria 44 Prozent der Österreicher über 50 Jahre alt sein. "In den kommenden Jahren gehen viele Menschen in Pension. Es entsteht eine große Lücke am Arbeitsmarkt" , sagt Bachinger. Betrieben bleibe nichts anderes übrig, als einige wieder ins Arbeitsleben zurückzuholen. Besonders in den ländlichen Regionen, wo viele Junge wegziehen, sei das der Fall.

    Weiterarbeiten wollen

    Arbeiten im Alter hat auch für den Einzelnen Vorteile, sagt Franz Kolland, Alterssoziologe an der Universität Wien: "Es erhält die geistigen Fähigkeiten." Gerade jene, bei denen jahrelang der Beruf im Vordergrund stand, fielen nach ein paar Jahren in der Pension manchmal in ein Loch. Sie suchen dann häufig nach einer Beschäftigung.

    Als ihre Oma mit 60 Jahren in Pension ging, hat Bachinger miterlebt, was passiert, wenn Menschen keine Aufgabe mehr haben: "Ihr psychischer Zustand verschlechterte sich: Kein Beruf bedeutete für sie – ebenso wie für viele andere – soziale Isolation und Identitätsverlust, begleitet von Depressionen." Für einige, besonders Frauen, sind auch finanzielle Motive ausschlaggebend: Sie wollen oder brauchen einen Zuverdienst zur (niedrigen) Pension.

    Derzeit sind rund 2.000 Userinnen und User von 48 bis 80 Jahren auf Wisr registriert. Die meisten sind zwischen 56 und Ende 60. Vor allem für gut Ausgebildete sei die Plattform interessant, aber auch ein Kfz-Mechaniker und eine Tischlerin sind bereits registriert, auch Freiberufler gehören zu den Usern. Sie stellen ihren Lebenslauf online, insgesamt 85 Firmen inserieren derzeit Stellen. Ein schlagwortbasierter Algorithmus bringt sie dann zusammen.

    Die Unternehmen suchen auf der Plattform vor allem Buchhalter, Sekretäre, Verkäufer, Produktentwickler, Leute im Kundenservice, aber auch Interimsmanager seien gefragt, sagt Bachinger. Ausgeschrieben werden projektbasierte Teilzeitstellen oder saisonale Arbeit. Denn die älteren Arbeitnehmer punkten bei den Unternehmen besonders mit ihrer Flexibilität, sagt Bachinger. In der Weihnachtssaison springen sie im Handel ein, in der Gartensaison pflegen sie die Pflanzen im Baumarkt. Eine weitere Stärke sei ihre Erfahrung. Das sieht auch der Altersforscher Franz Kolland so: "Sie haben ein breites Wissen, sind gelassener und pragmatischer als Junge, bringen Ruhe ins Team."

    Altersblinde Gesellschaft

    Um sie für die Betriebe zu gewinnen, zählen die Unternehmenskultur und eine andere Ansprache: "Die Jobinserate müssen angepasst werden, bei den Goodies sind intensive Aus- und Weiterbildungen uninteressant, dafür zieht das Erlernen digitaler Skills", sagt Stuppacher. Wisr berät deshalb auch Firmen in Sachen Employer-Branding.

    Kolland begrüßt die Initiative, hinterfragt jedoch, ob eine Jobplattform die richtige Ansprache ist: "Ältere nutzen das Internet seltener, vertrauen ihm weniger, setzen auf Mundpropaganda." Und sie seien wählerischer, suchen gezielt nach Stellen. Klar: Sie müssen meist nicht arbeiten, sondern wollen.

    Dieses Bewusstsein fehle laut Kolland: "Wir leben in einer altersblinden Gesellschaft, die noch nicht so weit ist, dass ältere Menschen auch arbeiten." Wisr könnte zumindest ein Schritt in diese Richtung sein. (Lisa Breit, Selina Thaler, 26.11.2018)

    • Häufig hilft sparen nicht: Besonders Frauen müssen nach dem Berufsleben weiterarbeiten, um ihre geringe Pension aufzubessern.
      foto: imago

      Häufig hilft sparen nicht: Besonders Frauen müssen nach dem Berufsleben weiterarbeiten, um ihre geringe Pension aufzubessern.

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