Schauspieler Redl: "Ich würde lieber Judas als Christus spielen"

    Interview26. November 2018, 08:56
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    Im elften "Spreewaldkrimi" zeigt Kommissar Krüger seine eigene Auffassung von Gerechtigkeit. Ihn selbst, sagt Christian Redl, interessiere das Abgründige und Böse auch mehr als der "Bergdoktor"

    Mit Oberst Redl ist Christian Redl nicht verwandt, aber er hat Wiener Wurzeln. Sein Großvater machte sich als junger Mann von Wien zu Fuß nach Hamburg auf, weil er zur See wollte. Irgendwas müsse da geblieben sein, meint der Schauspieler, denn immer wenn er in Wien sei, "überkommt mich so eine stille Sehnsucht". Andererseits kenne er viele (nicht ganz ernst gemeinte) Klagen von Kollegen: Wer in Wien engagiert sei, der lebe gefährlich: zu viele Torten in den Kaffeehäusern...

    STANDARD: Im neuen Spreewaldkrimi lächelt der schweigsame Kommissar Krüger überraschend viel. Was ist passiert?

    Redl: Das ist jetzt der elfte Spreewald-Krimi, und immer wurde moniert, dass Krüger nie lächelt. Also mache ich es diesmal anders. Aber es gibt ja auch einen Anlass. Krüger trifft eine Sehnsuchts-Frau wieder. Eine, mit der er in jüngeren Jahren gern zusammen gewesen wäre. Und dann hilft er ihr in sehr merkwürdiger Art und Weise.

    foto: zdf und hardy spitz
    Tanja Bartko (Nadja Uhl) sucht Schutz bei Kommissar Krüger (Christian Redl).

    STANDARD: Man hat den Eindruck, er stellt sich dafür über das Gesetz.

    Redl: Es ist dem Kommissar egal, da er eine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat. Das fand ich persönlich sehr reizvoll, man beginnt sich damit auseinanderzusetzen, was Gerechtigkeit ist. Im neuen Fall wurde die Frau nur reingelegt. Würde es etwas bringen, sie noch ins Gefängnis zu stecken?

    STANDARD: Was ist für Sie Gerechtigkeit?

    Redl: Wenn es den Verursacher des Bösen erwischt. Mit dem Alter verliert man die Angst und denkt: Was soll mir noch passieren, wenn ich die Gesetze nicht immer für den Maßstab halte. Natürlich rufe ich nicht zur Selbstjustiz auf. Da würde man die Tür sperrangelweit aufsperren. Ich beantworte die Frage nur für mich persönlich.

    STANDARD: Der erste Spreewaldkrimi kam 2006. Haben Sie diesen Erfolg erwartet?

    Redl: Nein. Selbst im ZDF gab es große Skepsis. Aber dann waren die Kritiken sehr gut, viele wollten es sehen, also wurde eine Serie draus. Ich fand schon zu Beginn: Dieser märchenhafte, mystische Spreewald ist ein weißes, unbeschriebenes Blatt, ein idealer Hintergrund für weitere Geschichten. Wenn ich dort im Nebel über die Fließe fahre, da springt in mir irgendetwas an. Diese Landschaft entzündet die Phantasie, da wachsen Geschichten.

    STANDARD: Es soll ja Fans geben, die nur wegen der Landschaft einschalten?

    Redl: Das Format hat schon auch ein Alleinstellungsmerkmal. Wir sprangen von Anfang an durch die Zeitebenen, es gab Rückblicke in den Rückblicken. Das ist anspruchsvoller als die übliche Krimidramaturgie auf dem Reißbrett. Mir gefiel sofort der ewig schlecht gelaunt wirkende Kommissar. Es ist ein Privileg, diese Figur zu spielen, die so unorthodox ist.

    STANDARD: Warum wirkt er so muffelig?

    Redl: Weil er vieles mit sich selbst abmacht und sich überhaupt nicht für Konversation interessiert. Er ist der klassische Einzelgänger, kommt den Leuten keinen Schritt entgegen, und das macht ihn unnahbar.

    STANDARD: Sind Sie selbst auch so?

    Redl: Überhaupt nicht. Ich bin gern mit Leuten zusammen, lustig und gesellig, tausche mich mit Menschen aus. Im Theater habe ich viele Komödien gespielt. 1990 war ich in meiner ersten TV-Rolle "der Hammermörder" und stellte die reale Figur eines Polizisten dar, der sechs Menschen umgebracht hatte. Danach hatte ich mein Image weg.

    STANDARD: Seither kamen Sie nie vom Abgründigen los.

    Redl: Eine Zeitlang hat mich das selbst unglaublich genervt. Ich konnte niemandem mehr vermitteln, dass ich auch Komödie mache. Einmal beschrieb ein Redakteur eine Szene, die er sich ausgedacht hatte so: "Dann kommt ein Mann zur Tür rein, und die Zuseher wissen, jetzt passiert was Furchtbares. Dafür nehmen wir den Redl."

    STANDARD: Jetzt können Sie damit leben?

    Redl: Klar, es ist ja ein Luxusproblem und ein Alleinstellungsmerkmal. Den "Bergdoktor" will ich ohnehin nicht spielen.

    STANDARD: Aber Sie setzen selbst noch einen drauf und lesen auf der Bühne aus dem Magazin "Crime" wahre Kriminalfälle vor?

    Redl: Neulich hat mich ein Kritiker "Die Stimme des Grauens" genannt. Man kann das Publikum mit einer einfachen Lesung einfangen. Du bringst Leute zum Verstummen, du hast sie absolut in der Hand, wie ein Dompteur. Ich gebe zu, es macht Spaß, Leute zu manipulieren.

    STANDARD: Warum fasziniert Sie das Böse?

    Redl: Mein Freund, der Schauspieler und Regisseur, Paulus Manker hat einmal gesagt: "Das Böse leuchtet mehr." Ich selbst würde lieber Judas als Christus spielen. Was sich da an Möglichkeiten ausbreitet, ist einfach spannender. (Birgit Baumann, 26.11.2018)

    Christian Redl (70) spielte in Wuppertal, Frankfurt, Bremen und Hamburg Theater, arbeitete mit Claus Peymann, Luc Bondy und Peter Zadek. Für seine Rolle im "Hammermörder" bekam er den Grimme-Preis. Seit 2006 spielt er den Kommissar im "Spreewaldkrimi". Der nächste läuft am Montag im ZDF.

    • In "Tödliche Heimkehr" spürt Kommissar Thorsten Krüger (Christian Redl) wieder den dunkeln Geheimnissen des Spreewalds nach – am Montag um 20.15 Uhr im ZDF.
      foto: zdf und hardy spitz

      In "Tödliche Heimkehr" spürt Kommissar Thorsten Krüger (Christian Redl) wieder den dunkeln Geheimnissen des Spreewalds nach – am Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

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