Brave Uraufführung der Oper "Das Totenschiff" bei Wien Modern

    25. November 2018, 15:31
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    Ein Ozean der Ausbeutung – das Sirene-Operntheater zeigt Oskar Aichingers Kammeroper im Reaktor

    Unglück und Ende des Matrosen Gale beginnen im tiefen Schlaf: Nach Landurlaub samt fröhlich durchzechter Liebesnacht verpennt der Mann aus New Orleans in Antwerpen. Weg ist die S. S. Tuscaloosa, weg sind mit diesem Schiff Gales Papiere und Identität. Der Heizer ringt fortan um seine Existenzberechtigung, papierlos ist er jedwedem Behördendiener nur noch eine so lästige wie bedrohliche Abschiebemasse.

    In der neuen "Song-Oper" Das Totenschiff von Komponist Oskar Aichinger wird Gale nach einer Reihe von Abschiebeschikanen und Züchtigungen schließlich zur rechtlosen Arbeitskraft. Er durchquert die Meere auf fahrenden Höllen als Menschenfutter der Ausbeutung.

    Eklektische Kammeroper

    Aichinger hat seine Kammeroper eklektisch angelegt: Der Wellengang der Musik pendelt zwischen Lokalkolorit (souljazzig, wenn es etwa um New Orleans geht) und tonal orientierten, atmosphärisch starken Passagen, welche die Orchestermöglichkeiten (unter Dirigent Jury Everhartz) farblich raffiniert zum Vorschein bringen.

    Da ist auch etwas freies Spiel zugegen, in Summe dominiert also bunte Vielfalt zwischen Tradition und Moderne, die auch beim Third Stream zu finden ist. Es ist jener Stil, der sich (seit den 1950ern) um die sinnvolle Verbindung zwischen Jazz und Klassik bemüht.

    Regie des Minimalen

    Formal ist das uraufgeführte Werk eine Art Stationendrama mit heiteren Momenten, das allerdings etwas an seinem episodenhaften, die Story unterbrechenden Duktus leidet. Die minimalistische Regie von Kristine Tornquist (sie hat auch das Libretto auf Basis des Romans von B. Traven verfasst) vermag dieses Manko nicht aus der Welt zu schaffen: All die Matrosen, Beamten, Schmuggler und Kapitalbetrüger, denen der kantabel singende Gernot Heinrich (als Gale) begegnet (u. a. Johann Leutgeb, Bernhard Landauer, Richard Klein, Clemens Kölbl und Horst Lamnek) müssen opernhafte Routine zelebrieren. Das gilt auch fürs "Schicksal", das im weißen Kleid schöne Lieder haucht (ausdrucksstark Romana Amerling).

    So bleibt der Eindruck, die Produktion des Sirene-Operntheaters (bei Wien Modern) bleibt brav und somit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die formalen Schwächen der punktuell sehr delikaten Partitur wurden eher verstärkt, statt sie aufzuheben. (Ljubiša Tošic, 25.11.2018)

    Weitere Termine am 26., 27., 28., 29. 11., je 19.30

    Sirene Operntheater

    Wien Modern

    • Artikelbild
      foto: armin bardel
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