Das prekäre Verhältnis von Studium und Job

    26. November 2018, 09:00
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    Drei von fünf Studierenden an Österreichs Unis sind berufstätig. Seit diesem Semester sind sie nicht mehr von Studiengebühren befreit. Dabei sind weder die Lehrpläne noch der Arbeitsmarkt auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet

    Ihr Kalender ist für Anna Lammer sehr wichtig. "Um mir genau aufzuschreiben, was ich erledige", sagt die Publizistikstudentin. Sitzt sie nicht im Hörsaal, steht sie hinter der Bar im Kulturverein Röda. Dort hat sie mit 15 Jahren angefangen, an der Kassa zu arbeiten, und kleinere Aushilfstätigkeiten übernommen. "Die Leute sind quasi wie eine zweite Familie für mich", erzählt die 21-Jährige. Angestellt ist sie für rund sechs Stunden die Woche. "Ich fahre circa jedes zweite oder dritte Wochenende nach Oberösterreich und arbeite." Für das Studium bleibt neben dem Wochenendjob noch ausreichend Zeit, rechnet Lammer vor: 25 Stunden pro Woche wendet die Studentin auf. 16,5 davon gehen für Lehrveranstaltungen drauf.

    Laut Studierendensozialerhebung 2015 sind rund 61 Prozent aller Studierenden erwerbstätig, wobei das Ausmaß an Stunden, die Branche und die Art der Beschäftigung stark variieren. Das durchschnittliche Erwerbsausmaß liegt bei 19,9 Stunden pro Woche. Die Erwerbsquote steigt mit dem Alter kontinuierlich an: von 36 Prozent der unter 21-Jährigen auf 76 Prozent bei den über 30-Jährigen. Auch das Erwerbsausmaß der Studierenden nimmt mit dem Alter zu: Während unter 21-Jährige im Durchschnitt 9,9 Stunden im Semester arbeiten und vor allem Gelegenheitsjobs nachgehen, weisen über 30-Jährige ein durchschnittliches Erwerbsausmaß von 31,1 Stunden pro Woche auf.

    Elf Prozent aller Studierenden gehen sogar einer Vollzeitbeschäftigung nach. Seit diesem Semester müssen auch sie wegen eines Entscheids des Verfassungsgerichtshofs Studiengebühren zahlen – bis dato waren Studierende, die im Jahr mehr als das 14-Fache der Geringfügigkeitsgrenze verdient haben, befreit.

    Schwierig vereinbar

    Dabei klagen 54 Prozent der erwerbstätigen Studierenden über Schwierigkeiten, Studium und Erwerbstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Wie sich das auswirkt, ist individuell sehr unterschiedlich. Ob Studium und Job miteinander vereinbar sind, hängt stark mit dem Ausmaß der Erwerbstätigkeit zusammen: Je höher das Erwerbsausmaß von Studierenden, umso häufiger treten Schwierigkeiten auf. Bereits bei einer wöchentlichen Beschäftigung von sechs Stunden kommt es zur Reduktion des Studienaufwandes. Weniger Zeit fürs Studium bedeutet in der Folge eine längere Studiendauer. Ab elf Wochenstunden wirkt sich das Arbeitsausmaß stark auf den Studienaufwand aus.

    Viele Studierende sind geringfügig, in freien Dienstverhältnissen mit flexibleren Arbeitszeiten oder immer wieder in Form eines Praktikums beschäftigt, meist nicht länger als ein Jahr, sagt Veronika Bohrn Mena von der GPA zum UniSTANDARD. Zudem seien Arbeitsmarkt und Sozialsystem schlecht auf die speziellen Bedürfnisse von studierenden Arbeitnehmern zugeschnitten, und die Curricula der meisten Studiengänge sehen es nicht vor, einen Nebenjob unterzubringen.

    Viele Studierende, gerade die aus finanziell schlechteren Verhältnissen, sind zusätzlich auf Stipendien angewiesen, sagt die Expertin. Diese sind jedoch mit einem Ablaufdatum versehen: Familien- und Studienbeihilfe erlauben lediglich ein Toleranzsemester über Mindeststudienzeit. Danach muss man selbst über die Runden kommen. "Studierende aus ärmeren Verhältnissen haben es besonders schwer", so Bohrn Mena. Unter anderem bedeute neben dem Studium erwerbstätig zu sein weniger Zeit, es bedeute aber auch, weniger Energie fürs Lernen aufbringen zu können.

    Stress und Druck

    Bei vielen führt der Job aber auch zu Stress und Leistungsdruck. Faktoren, die sich meist eher negativ auf die Gesundheit auswirken. 49 Prozent berichteten, stressbedingte Beschwerden im Laufe ihres Studiums mindestens einmal erlebt zu haben. Insbesondere das psychische Befinden der Studierenden wird dabei in Mitleidenschaft gezogen. Berichtet werde immer wieder von Depression, Burnout und dergleichen, sagt Bohrn Mena. Die Regel sind aber eher Versagensängste, mangelndes Selbstwertgefühl, soziale Isolation und depressive Verstimmungen. 42 Prozent aller Studierenden seien durch mindestens eine dieser Beschwerden in ihrem bisherigen Studienverlauf beeinträchtigt gewesen, geht aus der Studierenden-Sozialerhebung hervor.

    Doch der alleinige Fokus auf das Studium ist bei vielen nicht möglich. 21 Prozent aller erwerbstätigen Studierenden geben an, ausschließlich aus finanzieller Notwendigkeit nebenbei zu arbeiten. Für 75 Prozent ist der Zuverdienst immerhin einer der Hauptgründe für ihre Erwerbstätigkeit. Sofern man es sich leisten könne, rate man Studierenden dazu, studienadäquate Stellen anzunehmen, welche auch ihre Ausbildung vorantragen, heißt es auf der Website der Psychologischen Studierendenberatung. Diese würden sich im Gegensatz zu typischen Studentenjobs auch besser im Lebenslauf machen, so Bohrn Mena.

    Prekäre Praktika

    Berufsfördernde, studienorientierte Tätigkeiten werden allerdings häufig im Rahmen von Praktika angeboten, die in vielen Fällen nicht oder schlecht entlohnt werden. Die finanzielle Last werde in solchen Fällen hauptsächlich von Elternhaus, idealerweise auch einer Stipendienstelle getragen. Viele Studierende sind allerdings auf Praktika angewiesen, da sie laut Studienplan vorgeschrieben sind oder notwendige Berufserfahrung vermitteln.

    Zehn bis 15 Stunden jobben ginge sich aber meist "ohne größere Probleme aus, wenn keine durchgehende Anwesenheit im Studium gefordert ist, heißt es aus der Psychologischen Studierendenberatung. Ab 20 Stunden werde es kritischer. Entgegenwirken könne man mit optimierten Methoden der Selbstorganisation.

    Lernpläne für Effizienz

    Für Paul Hardin Suchanek heißt es vor allem früh aufstehen. "Wenn ich weiß, dass ich um 13 Uhr arbeiten muss, muss ich um neun Uhr in der Bib sein", sagt er. Zwölf Stunden pro Woche arbeitet der 27-Jährige bei dem Unternehmen Vital-Sozial, wo er ältere Pensionisten betreut. Die restliche Zeit versucht er, so effizient wie möglich einzuteilen. "Es geht auch nicht anders." Um mehr Effizienz in seinen Lernplan zu bringen, dokumentiert er seinen Lernfortschritt in einer Tabelle. "Das mache ich wohl, weil ich Psychologie studiere. Ich lerne so mehr über mein Lernverhalten: Wann lerne ich viel, wann lerne ich am besten."

    Allerdings: Wenn keine Zeit zum Studieren bleibt, weil man darauf angewiesen ist zu arbeiten, bedeute das, dass Studieren äußerst sozial selektiv wird, sagt Bohrn Mena: "Entweder Studien werden so gestaltet, dass sie berufsbegleitend absolviert werden können, oder Stipendien orientieren sich besser an der Realität der meisten Studierenden." (Roxane Seckauer, 26.11.2018)

    • Die Mehrheit der österreichischen Studierenden ist berufstätig, dabei ist gute Zeiteinteilung gefragt.
      foto: istock

      Die Mehrheit der österreichischen Studierenden ist berufstätig, dabei ist gute Zeiteinteilung gefragt.

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