Leben als Behinderter: "Darf ich auch was fragen?"

    Porträt25. November 2018, 13:00
    20 Postings

    24 Biografien von älteren Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in einem Porträtband: Bei einem der Protagonisten verlief die Recherche anders als erwartet

    An der Tür ein rotes Schildchen, das den Bewohner als "Prof. Dr. Johann Fastl, Kirchenexperte Nr. 1" ausweist. Das Zimmer gibt Zeugnis von einem rastlosen Geist. Mehrere Kartons auf dem Schreibtisch, in denen sich Fotos, Ansichtskarten, Info-Broschüren von Kirchen, Klöstern und anderen heiligen Orten stapeln. Daneben sind Marien-Statuetten, Nippes aus einschlägigen Wallfahrtsorten und mehrere Fläschchen Weihwasser postiert. Die letzten freien Plätze belegen aufgeschlagene Zeitungen und Zeitschriften.

    Fastl, festes Bäuchlein, neugierige Augen, gibt kurz über sich Auskunft. Gebürtiger Kärntner, Vater Straßenarbeiter, Mutter Hausfrau, Hauptschulabschluss. Lebt seit einigen Jahren im Föhrenhof, einem Wohnhaus der Lebenshilfe im südsteirischen St. Nikolai im Sausal. Wenn er nicht über Zeitungen und heiligen Schriften brütet, sackelt er in der ein paar Kilometer entfernten Tageswerkstätte Schrauben ein. Ein Brotjob offensichtlich, um Betreuer und Mitbewohner über seine wahre Berufung im Ungefähren zu lassen. Dann rutscht er an die Kante seines Schreibtischsessels und legt die Hände auf die Knie. Schaut einen an. Wie ein Wissenschafter, der ein verheißungsvolles Exponat begutachtet. "Darf ich auch was fragen", hebt der 73-Jährige mit einem Mal an, während er sein Gegenüber durch dicke Brillengläser hindurch taxiert. "Sicher, fragen Sie."

    Johann Fastl: Woher kommen Sie?

    Stefan Schlögl: Aus Wien.

    Fastl: Ich schau immer "Wien Heute". Wie heißt die Moderatorin? Wie heißt die?

    Schlögl: Das weiß ich momentan nicht.

    Fastl: Ah. Jetzt weiß ich's!

    Schlögl: Und, wie heißt sie?

    Fastl: Mir fällt's gerade nicht ein. Wie lang fährt man nach Wien?

    Schlögl: Zweieinhalb Stunden ungefähr.

    Fastl: Und wie lang nach Amerika?

    Schlögl: Sieben Stunden Flug, würde ich sagen.

    Fastl: Und nach Niederösterreich?

    Schlögl: Eine gute Stunde, vielleicht ein wenig mehr.

    Fastl: Schauen Sie, meine Armbanduhr, die hab ich zur Firmung in Seckau bekommen. Mein Firmpate war ein Dampfplauderer. Ist ein Dampfplauderer etwas Schlechtes?

    Schlögl: Etwas anstrengend vielleicht.

    Fastl: Ist ein Dampfplauderer ein Egoist?

    Schlögl: Schwierig zu sagen. Wahrscheinlich schon.

    Fastl: Ist ein Ich-Mensch ein Egoist?

    Schlögl: Absolut. Herr Fastl, darf ich Sie fragen, wie ...

    Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch mal?

    Schlögl: Die von "Wien Heute"? Ich schau jetzt im Handy nach. Moment. Ah, da hab ich's. Meinen Sie Elisabeth Vogel?

    Fastl: Richtig! Ist die aus Wien?

    Schlögl: Einen Moment. Ja, die ist Wienerin, vorher war sie bei "Steiermark Heute".

    Fastl: Wie alt war sie da?

    Schlögl: Ungefähr dreißig. Warum?

    Fastl: Und wie groß ist der Altersunterschied zwischen mir und ihr?

    Schlögl: Ungefähr zwanzig Jahre.

    Fastl: Ich mag Blondinen. Auch die Hannelore Veit aus dem Fernsehen.

    Johann Fastl zeigt auf eine Foto-Collage, die hinter Glas an der Wand hängt. Hannelore Veit als ORF-Korrespondentin in den USA, als "Zeit im Bild"-Moderatorin, dazwischen einige Heino-Bilder.

    Schlögl: Schauen Sie eigentlich nur Nachrichten oder auch Filme, Herr Fastl?

    Fastl: Ich mag Western. Und Freddy Quinn. Lebt Freddy Quinn noch?

    Schlögl: Ich glaube schon.

    Fastl: Wo ist er zur Welt gekommen?

    Schlögl: Im Waldviertel, das weiß ich zufällig.

    Fastl: Letzte Woche bin ich von meiner Schwester abgeholt worden, wir wollten in ein Kloster, aber das war geschlossen, also sind wir zum Stift Seitenstetten gefahren.

    Schlögl: Das ist doch im Waldviertel?

    Fastl: Genau. Da, wo der Freddy Quinn herkommt. Wie alt ist Hannelore Veit?

    Schlögl: Das weiß ich jetzt wirklich nicht, Herr Fastl.

    Fastl: In Seitenstetten haben wir Kaffee getrunken und Torte gegessen.

    Schlögl: Und haben Sie sich auch das Stift angesehen?

    Fastl: Ja. Wann ist es drei Uhr?

    Schlögl: In einer halben Stunde.

    Fastl: Amerika gefällt mir wirklich sehr, sehr gut.

    Schlögl: Waren Sie schon mal dort, Herr Fastl?

    Fastl: Nein. Sind wir schon fertig mit dem Reden?

    Schlögl: Wir unterhalten uns, solange Sie wollen.

    Fastl: Ich bin ein Trottel.

    Schlögl: Das glaube ich nicht.

    Fastl: Das hat ein Lehrer zu mir gesagt. Der hat gemeint: "So einen Trottel haben wir gerade noch gebraucht." Gestern habe ich mich mit Gerti gestritten.

    Schlögl: Aber das ist hoffentlich wieder vorbei, oder?

    Fastl: Ja. Aber Marianne, die ist eine sehr liebe Frau. Wann sind die nächsten Weihnachten?

    Schlögl: In einigen Wochen.

    Fastl: Im 64er-Jahr war ich mit meiner Mutter beim Doktor. Der hat gesagt: "Da oben ist er nicht ganz beinand."

    Schlögl: Und was hat Ihre Mutter dazu gesagt?

    Fastl: Das wird sich vielleicht noch geben, hat sie gemeint. Da war ich 19 Jahre alt. Meine Mutter ist 1986 gestorben. Schlaganfall. War schlimm. Was ist ein Schlaganfall?

    Schlögl: Das kann ich so schnell gefragt auch nicht genau erklären. Blutbahnen sind plötzlich verstopft, und dann bekommt man einen Schlaganfall.

    Fastl: Danach bin ich zu meiner Tante Sophia gekommen. Bei ihr war ich, bis sie ebenfalls gestorben ist. Sie war sehr alt. Über neunzig. Vor zehn, elf, zwölf Jahren war das.

    Schlögl: Und dann sind Sie in dieses Wohnhaus gekommen?

    Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch einmal? Gleich weiß ich's!

    Schlögl: Elisabeth Vogel.

    Fastl: Wie alt muss man sein, um einen Revolver besitzen zu dürfen?

    Schlögl: Ich glaube, 18 Jahre, aber man muss einen Waffenschein machen.

    Fastl: Ich hab einen Revolver, da in der Schublade.

    Schlögl: Den will ich sehen!

    Fastl zieht energisch Schreibtischschubladen auf. Schiebt Krimskrams zur Seite, wühlt in Fotos und Ansichtskarten – und ist sichtlich überrascht, dass da kein Revolver ist.

    Fastl: Hm. Maria Taferl gefällt mir sehr gut. In der Kirche haben sie so schön die Orgel gespielt, als wir dort waren. Wie spät ist es?

    Schlögl: Kurz vor drei.

    Fastl: Dann gibt's jetzt die Jause. Gehen wir.

    Schlögl: Selbstverständlich.

    Fastl: Wie heißt die Moderatorin?

    Schlögl: Elisabeth Vogel.

    Fastl: Ich weiß. Hat's gepasst, was ich gesagt habe?

    Schlögl: Auf alle Fälle. (Stefan Schlögl, 25.11.2018)

    Stefan Schlögl / Christopher Mavric, "Weil es mich gibt. Porträts von außergewöhnlichen Menschen". € 24,- / 128 Seiten. Verlag der Provinz, 2018

    Die Fotografien von Christopher Mavric sind vom 4. 12. 2018 bis 3. 2. 2019 im Graz-Museum zu sehen.

    • Fastl gibt kurz über sich Auskunft: gebürtiger Kärntner, Vater Straßenarbeiter, Mutter Hausfrau, Hauptschulabschluss. Er lebt seit einigen Jahren im Föhrenhof, einem Wohnhaus der Lebenshilfe im südsteirischen St. Nikolai im Sausal.
      foto: christopher mavric

      Fastl gibt kurz über sich Auskunft: gebürtiger Kärntner, Vater Straßenarbeiter, Mutter Hausfrau, Hauptschulabschluss. Er lebt seit einigen Jahren im Föhrenhof, einem Wohnhaus der Lebenshilfe im südsteirischen St. Nikolai im Sausal.

    Share if you care.