Ballett "Roméo et Juliette": Eine Liebe im Irrsinn der Diktatur

    22. November 2018, 17:09
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    Das großformatige Ballett des Starchoreografen Angelin Preljocaj in St. Pölten

    Wien – Erst kam Judo, dann der Tanz. Als der französische Choreograf Angelin Preljocaj (61) elf Jahre jung war, übte er die japanische Kampfkunst. "Da traf ich ein Mädchen, das mir ein Tanzbuch zeigte. Darin gab es ein Bild von Rudolf Nurejew in einem fantastischen Sprung." Ein positiver Schock. Die Tanzschülerin habe ihn in ihre Schule eingeladen, und noch im Judogewand nahm er dort seine erste Stunde. So romantisch erzählt der Künstler vom Beginn seiner großen Liebe – zum Tanz.

    Jetzt, genau fünfzig Jahre später, kommt Preljocaj mit seiner Version einer weniger glücklichen Liebesgeschichte ins Festspielhaus St. Pölten: Roméo et Juliette. Seine erste Fassung hatte er 1990 gezeigt, die endgültige Choreografie wurde sechs Jahre später uraufgeführt. In diesem großformatigen Ballett interpretieren bis heute zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer aus Preljocajs eigener Compagnie, die in Aix-en-Provence residiert, den Shakespeare-Klassiker auf etwas modifizierte Art.

    Der Franzose bewegt sich entlang Sergej Prokofjews Romeo und Julia (Premiere 1938 in Brno) – in St. Pölten gespielt vom Tonkünstlerorchester unter der Leitung von Garrett Keast. Auch das berühmte Thema vom "Tanz der Ritter" aus dem Original taucht in Goran Vejvodas Sounddesign auf. Doch hier wird Prokofjews Musik mit zusätzlichen düsteren Soundinfusionen durchsetzt. Und der Choreograf richtet den Inhalt seiner Geschichte nicht wie Shakespeare auf aristokratische Clan-Konkurrenz, sondern auf modernen Klassenkampf.

    Dabei werden Fragen nach Verboten und Freiheiten virulent, darunter diese: Darf ein armer Bursch ein Mädchen aus besseren Kreisen lieben? Bei Angelin Preljocaj tanzen Romeo und Julia durch den Irrsinn einer Diktatur. Diese scheint zwar fiktiv zu sein, doch tatsächlich spielt der Künstler auf die kommunistischen Regimes des ehemaligen Ostblocks an. Denn vor einem solchen ist die Familie des Choreografen vor Angelins Geburt nahe Paris aus dem montenegrinischen Berane nach Frankreich geflüchtet.

    Was die Liebe betrifft: Preljocajs Eltern stemmten sich gegen des Sohnes Plan, Tänzer zu werden. Also gab er vor, Judokurse zu besuchen, nahm aber heimlich Tanzunterricht. Er studierte dann bei einer Schülerin von Mary Wigman in Paris und bei Merce Cunningham in New York. Seine eigene Compagnie gründete er 1985. Von da an entwickelte sich Preljocaj zu einem der wichtigsten Choreografen Frankreichs. (Helmut Ploebst, 22.11.2018)

    "Roméo et Juliette", Festspielhaus St. Pölten, 24. 11., 19.30 + 25. 11., 16.00

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