Richtig berichten: "Papageno-Effekt" kann Suizidgedanken verringern

    22. November 2018, 12:06
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    Sensationsträchtige Artikel über Selbstmorde können hingegen zur Nachahmung animieren.

    Wien – Der "Papageno-Effekt" kann laut der bisher größten zu dem Thema durchgeführten Studie Suizidgedanken verringern. Die Autoren Benedikt Till und Thomas Niederkrotenthaler von der MedUni Wien konnten zeigen, dass Experten-Interviews zum Thema Suizidprävention Selbstmordgedanken verringern können, hieß es in einer Aussendung der Universität.

    In der Suizidforschung ist bereits seit längerer Zeit bekannt, dass es bei der Berichterstattung über Suizidalität um das "wie" geht. So können sensationsträchtige Artikel über Selbstmorde zur Nachahmung animieren. Dieses Phänomen wird in der wissenschaftlichen Literatur als "Werther-Effekt" bezeichnet. "Wenn aber in Medien auf Bewältigungsstrategien für suizidale Gedanken fokussiert wird, dann hat das eine positive Wirkung und kann Wissen zu Prävention erhöhen und Suizidgedanken verringern", sagten Till und Niederkrotenthaler. Dies bezeichnet man als "Papageno-Effekt".

    Erst kürzlich wurden die Boulevardmedien "Österreich", "heute.at" und "krone.at" vom Presserat gerügt, da sie detailliert über den Tod des DJ Avicii berichtet hatten.

    Experten-Interview helfen

    In der nun durchgeführten Studie mit insgesamt 545 Teilnehmern wurde diese Rolle untermauert: Die Autoren der Sozial- und Präventivmedizin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien konnten in Zusammenarbeit mit Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Uni Leuven in Belgien zeigen, dass Experten-Interviews zum Thema Suizidprävention Selbstmordgedanken verringern können – und zwar unabhängig davon, ob es persönliche Erfahrung damit gibt.

    Bei der Studie las eine Gruppe einen Artikel, in dem eine Expertin über Suizid und Suizidprävention Aufklärung betrieb, ohne dabei über eine persönliche Erfahrung zu berichten. Eine weitere Gruppe las denselben Artikel, jedoch erzählte hier die Expertin über die Bewältigung einer suizidalen Krise in der eigenen Jugend. Eine dritte Gruppe wiederum las ein Interview zu einem gesundheitsbezogenen Thema, das nicht mit Suizid im Zusammenhang steht. Unmittelbar vor und nach Lektüre der Zeitungsartikel wurden psychologische Tests durchgeführt.

    Das Resultat der Studie, die jetzt im "Journal of Clinical Psychiatry" publiziert wurde: Suizidgedanken im Sinne des "Papageno-Effekts" konnten bei beiden Zeitungsartikeln über Suizid reduziert, das Wissen über Prävention erhöht werden. Dabei war Aufklärung durch die Expertin mit und ohne persönliche Erfahrung mit Suizidgedanken gleichermaßen effektiv. Bei der Gruppe, die lediglich einen gesundheitsbezogenen Artikel las, wurde dies nicht festgestellt. (APA, red, 22.11.2018)

    Hilfseinrichtungen für Personen, die sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben:

    kriseninterventionszentrum.at

    Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen. Unter www.suizid-praevention.gv.at findet man Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.

    Soforthilfe:

    Unter dieser Nummer erhalten Sie qualifizierte und rasche Hilfestellung rund um die Uhr:

    Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr): 01/313 30

    Kriseninterventionszentrum (Mo–Fr 10–17 Uhr): 01/406 95 95

    Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/97 71 55

    Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79

    Telefonseelsorge (0–24 Uhr, kostenlos): 142

    Rat auf Draht (0–24 Uhr, für Kinder & Jugendliche): 147

    Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (Mo–Sa 14–18 Uhr, kostenlos): 0800/20 14 40

    Männernotruf Steiermark: 0800 246 247


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