Die verschwundenen Affen von Jamaika

    25. November 2018, 18:00
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    Nach Teil 1 des Rätsels um den "Faultier-Affen" Xenothrix ist nun auch Teil 2 geklärt: was das ungewöhnliche Tier eigentlich war und woher es kam

    foto: zsl
    Ein Roter Springaffe aus Südamerika: er dürfte der nächste noch lebende Verwandte des verschwundenen Jamaika-Affen sein.

    London – Wer heute in Jamaika Affen sehen will, muss dafür genauso wie hierzulande in den Zoo gehen. Der große Unterschied: Wie auf anderen Karibik-Inseln auch, waren Primaten dort bis vor kurzem noch heimisch – nämlich bis in historische Zeit. Mit dem Jamaika-Affen (Xenothrix mcgregori) hatte die Insel sogar eine besonders ungewöhnliche Spezies vorzuweisen.

    Allerdings Xenothrix konnte nur aufgrund von Skelettresten beschrieben werden, die 1920 in einer Höhle gefunden worden waren. Das war ein seltener Glücksfall: In tropischen und subtropischen Bedingungen halten sich die Überreste toter Tiere nicht lange – es bedurfte einer besonderen Umgebung wie eben dieser Höhle, um die Affenknochen zu konservieren.

    Die Zoological Society of London (ZSL) beschreibt Xenothrix als "faultierähnlich". Die Anzahl der Zähne war reduziert, die Anatomie – soweit rekonstruierbar – spricht für ein Tier, das zwar auf Bäumen lebte, sich aber deutlich träger als seine agile Verwandtschaft bewegte.

    Des Rätsels erster Teil

    Wie lange der Affe auf Jamaika vorkam, blieb zunächst ungewiss – und damit auch die Antwort auf die Frage, ob wieder einmal der Mensch seine Hand im Spiel hatte. Im vergangenen Jahr dann kamen US-Forscher durch Radiokarbondatierung zum Ergebnis, dass das Affenskelett jünger als gedacht ist und aus der Mitte des ersten Jahrtausends stammt –zu diesem Zeitpunkt hatten Menschen die Insel bereits besiedelt, soweit man heute weiß.

    Die Spezies dürfte also mit für sie völlig neuen Bedrohungen konfrontiert worden sein: Menschen, die Bäume fällten und Jagd auf die relativ leicht zu erbeutenden Affen machten, sowie vom Menschen mitgebrachte Haustiere, die zu Nahrungskonkurrenten der Affen wurden oder ebenfalls auf diese Jagd machten. Es begann ein langsamer, aber stetiger Rückzug. Wenn man Berichten europäischer Siedler Glauben schenkt, könnte die Spezies sogar bis ins 18. Jahrhundert existiert haben.

    foto: amnhc. chesek
    Die Kiefer des Jamaika-Affen und das Buch, in dem die möglicherweise letzte Sichtung der Spezies vermerkt ist.

    Nun haben ZSL-Forscher gemeinsam mit Kollegen vom Londoner Natural History Museum und dem American Museum of Natural History in New York Teil 2 des Rätsels um Xenothrix gelöst – nämlich woher der Affe eigentlich kam. Der ungewöhnliche Körperbau hatte es Zoologen schwer gemacht, das Tier einzuordnen. Durch DNA-Analysen konnten nun aber die nächsten Verwandten von Xenothrix ausfindig gemacht werden: Es sind die in Südamerika vorkommenden Springaffen (Callicebinae).

    Wie das Team um Samuel Turvey in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichtet, müssen sich die Ahnen von Xenothrix vor etwa 11 Millionen Jahren von den Springaffen getrennt haben. Die Forscher vermuten, dass die Tiere auf "schwimmenden Inseln" aus Pflanzenmaterial von den großen Flüssen Südamerikas aufs Meer hinausgetragen wurden – die glücklicheren erreichten so Jamaika und konnten die Insel kolonisieren.

    Auf die gleiche Weise sollen Affen gut 20 Millionen Jahre zuvor aus der afrikanischen Urheimat nach Südamerika getrieben sein. Die Reise vom Kontinent in die Karibik war damit verglichen ein Katzensprung – und laut den Forschern gibt es auch Hinweise darauf, dass die verschiedenen Arten karibischer Affen auf mehr als nur eine Besiedlungswelle zurückgehen. All diese Spezies sind heute übrigens ausgestorben – ebenso wie eine ganze Reihe anderer Tiere, die einst auf den karibischen Inseln lebten, von großgewachsenen bodenbewohnenden Faultieren bis zur über einen Meter hohen Rieseneule Ornimegalonyx.

    Gesenkte Anforderungen

    Springaffen sind ihrem Namen entsprechend sehr agil. Dass sich Xenothrix in Körperbau und Verhalten so stark von seinen Cousins wegentwickelte, liegt laut den Forschern am speziellen Lebensraum, den eine Insel bietet. Wenn es dort keine gefährlichen Tiere gibt, kann eine Spezies relativ rasch eine Entwicklung in eine energiesparende, aber auch wenig wehrhafte Richtung einschlagen. Was genau so lange funktioniert, bis solche Gegner eben doch eintreffen – dann droht dem alteingesessenen Inselbewohner dasselbe Schicksal wie dem Dodo. (jdo, 25. 11. 2018)

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