Heimat großer Hungerkünstler

Kommentar22. November 2018, 07:00
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In der prekären Lage von Kulturschaffenden haben alle Akteure eine Bringschuld

In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage wurde erhoben, worauf die Österreicher "besonders stolz" sind. Das Ergebnis: Jeder Zweite ist stolz auf Österreichs Künstler. Die Kultur kommt gleich hinter der Natur (83 Prozent) sowie der heimischen Küche (55 Prozent) und schlägt sogar Österreichs Sportler, die nur jeden Dritten mit Stolz erfüllen.

Man könnte also davon ausgehen, dass auch Politiker die Förderung der Kunst auf ihrer Prioritätenliste recht weit oben stehen haben. Ein Blick auf die Budgetzahlen der letzten Jahre verdeutlicht: Dem ist mitnichten so. Nicht einmal ein Prozent des Gesamthaushalts des Bundes fließt in die Kultur, auf Länderebene sind es ein bis maximal drei Prozent. Und das, obwohl statistisch gesehen durch sogenannte Umwegrentabilität jeder investierte Euro mehrfach zurückkommt.

Da es keine automatische Inflationsanpassung der Förderbudgets gibt, werden die vielen Museen, Bühnen und Orchester, für die Österreich im In- und Ausland zu Recht bewundert wird, außerdem unter permanenten Spardruck gesetzt. Wenn die Subvention von Jahr zu Jahr weniger wert ist, wird das vielfach auf dem Rücken der Künstler ausgetragen. Ebenso hart trifft es jene Kulturarbeiter, die nicht selbst Kunst schaffen, aber für das Funktionieren der Branche sorgen: Kulturvermittler und Wissenschafter bis hin zum technischen Personal.

Wie schlimm die soziale Lage der Kunst- und Kulturschaffenden des Landes ist, ruft eine aktuelle Studie in Erinnerung. Sie wurde noch vom damaligen Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) in Auftrag gegeben und nun von Nachfolger Gernot Blümel (ÖVP) auffallend zurückhaltend, also ohne viel Wind darum zu machen, veröffentlicht. Fazit: In den zehn Jahren seit der letzten Erhebung hat sich die schlechte soziale Lage der Künstler kaum verändert. Kein Wunder, dass sich längst der Begriff "Kulturprekariat" etabliert hat.

Das Einkommensgefälle zwischen einzelnen Stars und der überwiegenden Mehrheit ist riesig, nur wenige können von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben. Trotz bis zu 50 Stunden Wochenarbeitszeit verdienen Künstler laut der Studie im Schnitt nur 5000 Euro netto pro Jahr. Sie müssen daher anderweitig aufstocken. Viele kämpfen außerdem mit Lücken in der Sozialversicherung. Politische Maßnahmen wie die halbherzige Einrichtung einer eigenen Künstlersozialversicherung haben an den realen Verhältnissen wenig geändert.

Um eine signifikante Verbesserung der Situation zu erreichen, haben alle beteiligten Akteure eine Bringschuld: Die Kulturpolitiker des Landes müssen ihre Subventionstöpfe nachhaltig gut gefüllt halten. Sie sollten Transparenz aus- und Bürokratie abbauen. Es braucht mehr Anreize für privates Kulturengagement, ohne dabei staatliche Investitionen zu senken. Auf EU-Ebene lohnt es sich, für ein modernes Urheberrecht sowie bessere Förderprojekte zu kämpfen. Lücken in der Sozialversicherung müssen so gut wie möglich geschlossen werden.

Die einzelnen Kultureinrichtungen wiederum täten gut daran, Spitzengagen in der Chefetage (teils mehr als der Bundeskanzler) zu drosseln und dem Unterbau anständige Löhne zuzugestehen. Auch private Mäzene haben sozialen Aufholbedarf, wie zuletzt die Festspiele Erl gezeigt haben. Und nicht zuletzt läge es auch an den Künstlern: Die Möglichkeiten der Selbstvermarktung waren noch nie so gut wie heute. Man muss aber wollen. (Stefan Weiss, 22.11.2018)

  • Die einzelnen Kultureinrichtungen wiederum täten gut daran, Spitzengagen in der Chefetage (teils mehr als der Bundeskanzler) zu drosseln und dem Unterbau anständige Löhne zuzugestehen.
    foto: apa/techt

    Die einzelnen Kultureinrichtungen wiederum täten gut daran, Spitzengagen in der Chefetage (teils mehr als der Bundeskanzler) zu drosseln und dem Unterbau anständige Löhne zuzugestehen.

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