Wissenschaftsforscherin: "Qualität zu messen ist riskant"

    Interview24. November 2018, 08:00
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    In Berufungen spiele oft die Anzahl der Publikationen eine größere Rolle als die Qualität, sagt die Wissenschaftsforscherin Cornelia Schendzielorz

    Die Förderung von Forschungsprojekten, die Berufung von Professoren oder die Publikation in wissenschaftlichen Fachzeitschriften – bei sämtlichen Entscheidungen im Wissenschaftsbetrieb gilt das Begutachtungsverfahren quasi als Goldstandard der Qualitätssicherung in der Wissenschaft. Unter dem englischen Ausdruck Peer Review befinden Fachkollegen meist anonym über die Qualität einer Arbeit.

    Allerdings ist es gar nicht so einfach, über die Qualität in der Wissenschaft zu urteilen, sie gar zu bemessen oder zu standardisieren, sagt Cornelia Schendzielorz vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Zudem steht die Qualität in einem Spannungsverhältnis zur Quantität: Bei der Auswahl künftiger Professoren zählt oft die schiere Anzahl an Publikationen mehr als der Inhalt dieser Arbeiten. Was jedenfalls qualitätshemmend wirkt, ist der enorme Zeitdruck in der Wissenschaft: Stress wirkt sich sowohl negativ auf die Qualität von Forschungsarbeiten aus sowie auf die Zuverlässigkeit von Gutachten, diese zu beurteilen.

    STANDARD: Welche Strategien gibt es, um Qualität in der Wissenschaft festzustellen?

    Schendzielorz: Qualitätseinschätzungen werden in der Wissenschaft in aufwendigen Bewertungsverfahren – in sogenannten Peer-Review-Prozessen – hervorgebracht. Die Idee dieser Prüfungsverfahren ist einfach: Um herauszufinden, ob eine Arbeit plausibel ist, wird jemand um eine Einschätzung gebeten, der von diesem Thema eine Ahnung hat. Diese fachkundige Person – genannt Peer – überprüft, ob sauber gearbeitet worden ist und der Forschungsprozess nachvollziehbar ist. Doch mit stetigem Erkenntnisgewinn muss auch die Bedeutung von Qualität immer wieder neu erarbeitet und weiterentwickelt werden.

    STANDARD: Was bedeutet das konkret?

    Schendzielorz: Qualität in der Wissenschaft ist kein objektiver Wert. Wie hochwertig eine Arbeit ist, kann immer nur im Verhältnis zu anderen Arbeiten bestimmt werden. Qualität variiert zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten. Das heißt, es gibt Forschungen, die zu bestimmten historischen Zeitpunkten hervorragend eingeschätzt werden, später hingegen als unzureichend. Wenn man eine Methode an konkreten Fragestellungen erprobt, stößt man mitunter auf Ungenauigkeiten der bisherigen Modelle. Das kann dazu führen, dass sich genau jene Forschung, die zuvor als so hochwertig erachtet worden ist, plötzlich als unzulänglich herausstellt. Qualität ist also ein variabler, relativer Wert.

    STANDARD: Aktuell zählen Publikationen in Topjournalen als Gütesiegel für Qualität. Sind die Impact-Faktoren, nach denen Wissenschaftsjournale gerankt werden, tatsächlich aussagekräftige Maßstäbe für qualitativ hochwertige Forschung?

    Schendzielorz: Nicht zwingend. Die Qualität einer Arbeit kann man am besten einschätzen, indem man sie liest und mit anderen diskutiert. Natürlich haben diese Peer-Review-Verfahren im Vorlauf der Publikation in Topjournalen durchaus eine wichtige Bedeutung und tragen zur Sicherung von Minimalstandards bei. Doch Prozesse wie Plagiatsprüfungen können nie das Lesen der Arbeit ersetzen. Man darf die Impact-Faktoren von Journalen daher nicht überbewerten. Generell gesprochen, lässt sich Qualität in der Wissenschaft nicht messen.

    STANDARD: Warum ist es dennoch wichtig, über Qualität in der Wissenschaft zu sprechen, auch wenn sie sich nicht objektivieren lässt?

    Schendzielorz: Das stetige Bemühen um bestmögliche Durchführung und die rigide Kontrolle der einzelnen Schritte sind sehr wichtig. Denn genau das trägt zur bestmöglichen Qualität bei. Ich möchte nicht dagegen argumentieren, über Qualität zu sprechen. Allerdings will ich betonen, dass der Versuch, sie zu messen oder zu standardisieren, Risiken birgt.

    STANDARD: Zum Beispiel?

    Schendzielorz: Wenn es um handwerkliche Minimalstandards wie gute wissenschaft liche Praxis, gründliche Recherche oder Nachvollziehbarkeit geht – da können Vereinbarungen und Leitlinien natürlich helfen. Wenn aber Qualitätsstandards Prämissen für die Wissenschaft setzen, dann wird es riskant. Denn damit entstehen unhintergehbare Voraussetzungen und es werden erkenntnistheoretische Standpunkte vorgegeben. Damit wird das Wichtigste, was die Wissenschaft auszeichnet, nämlich auch ihre eigenen Vorannahmen immer wieder kontrovers zu diskutieren und zu hinterfragen, unmöglich gemacht.

    STANDARD: Quantität wird im Wissenschaftsbetrieb vielfach honoriert. Etwa die Anzahl der Publikationen ist eine wichtige Entscheidungshilfe in Berufungskommis sionen – wird Qualität im Wissenschaftssystem ausreichend gewürdigt?

    Schendzielorz: Die quantitativen Parameter wie Anzahl der Publikationen und Zitierungen spielen bei der Stellenvergabe tatsächlich eine große Rolle. Es werden aber schon auch qualitative Elemente berücksichtigt wie Bewerbungsgespräche. Dennoch gibt es einen immensen Druck, schnell und viel zu publizieren, gut platziert in wichtigen Journals. Dabei gibt es große Fächerunterschiede. In den Naturwissenschaften ist das sicher noch viel ausgeprägter als in manchen Bereichen der Sozial- und Geisteswissenschaften.

    STANDARD: Gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Qualität und Quantität?

    Schendzielorz: Ja, diese Spannung besteht sicherlich. Pragmatisch gesprochen, ist es schneller und einfacher, sich auf die quantitativen Parameter zu stützen, anstatt Exposés und Publikationen zu lesen. Wenn kritisiert wird, dass die quantitativen Maßstäbe in Berufungskommissionen zu viel Gewicht haben, müssen sich die Wissenschafter auch an die eigene Nase fassen – denn sie sitzen ja in diesen Kommissionen. Gleichzeitig muss man auch festhalten, dass der hohe Zeitdruck in der Wissenschaft eine entscheidende Rolle spielt: Stress und Schlafmangel sind der Qualität nicht zuträglich. Und wenn ständig mehr Zeit in Qualitätssicherung investiert wird anstatt in mehr Forschungs- und Lehrstellen, auf denen Wissenschafter einfach die Zeit haben, konzentriert und ruhig zu arbeiten, wird das die Qualität nicht fördern. (Tanja Traxler, 24.11.2018)


    Cornelia Schendzielorz forscht am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Berlin zu Bewertungspraktiken in der Wissenschaft und Begutachtungsprozessen.

    Link
    Website von Cornelia Schendzielorz

    • Die Sozialwissenschafterin Cornelia Schendzielorz forscht zu Begutachtungsprozessen.
      foto: max bohm

      Die Sozialwissenschafterin Cornelia Schendzielorz forscht zu Begutachtungsprozessen.

    • Der hohe Zeitdruck in der Wissenschaft spiele eine entscheidende Rolle dabei, wenn die Qualität nicht immer gehalten werden kann, meint die Wissenschaftsforscherin Cornelia Schendzielorz.
      foto: imago/westend61/andrew brookes

      Der hohe Zeitdruck in der Wissenschaft spiele eine entscheidende Rolle dabei, wenn die Qualität nicht immer gehalten werden kann, meint die Wissenschaftsforscherin Cornelia Schendzielorz.

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