Warum Regionalzeitungen über den Klimawandel schreiben müssen

Blog26. November 2018, 12:00
36 Postings

Das ungenutzte Potenzial des Lokaljournalismus bei komplexen Themen

Über den Zaun sehen wir den Nachbarn im Sommer, wie er zum dritten Mal heute seine Blumenrabatte wässert. Der Nachbarin gegenüber ist es auch schon aufgefallen. Ganz anders in Australien: da dürfen an heißen Sommertagen die Bewohner der Häuser mit den geraden Hausnummern ihren Garten am Montag, Mittwoch und Freitag gießen, die mit den ungeraden Nummern an den anderen Tagen – soziale Kontrolle als Garant für die Einhaltung der lokalpolitischen Regeln. Wasser ist eine kostbare Ressource, das wissen alle. Dass Trockenheit oder auch der entsprechende regulative Eingriff mit dem Klimawandel zu tun hat, dass die Politik über Privatisierung von Wasser und die Wirtschaft über Wasserkraft und beide über Verteilungsfragen diskutieren, davon wissen sie häufig nur wenig.

Potenzial Lokaljournalismus

Fallstudien, die zwischen 2015 und 2018 in Australien, Österreich und seinen Nachbarländern sowie in Südafrika und Neuseeland durchgeführt wurden, zeigen, dass gerade der Lokaljournalismus sein Potenzial in der Vermittlung des Klimawandels und damit zusammenhängender Themen nicht ausnutzt. Durch ein Team des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Klagenfurt wurden Journalisten, Kommunikationsexperten, Aktivisten und NGO-Kommunikatoren sowie politische Berater befragt. Alle sind sich einig: Gerade komplexe und auch wissenschaftlich anspruchsvolle Entwicklungen wie Wasserknappheit oder Überflutungen lassen sich auf einen lokalen Kontext viel besser runterbrechen, erklären; lassen sich begreifbar machen, wenn sie mit kleinen Geschichten aus dem Alltag verbunden werden.

foto: reuters/carlo allegri

Dies bestätigt auch eine Studie des fjum in Kooperation mit dem Medienhaus in Wien. Angelehnt an eine Untersuchung des Tow Center for Digital Journalism/Columbia University mit dem Titel "Life at small market newspapers" untersuchten sie die Veränderungen im Lokaljournalismus in Österreich insbesondere durch die Digitalisierung. Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist ein generell gestiegenes Arbeitspensum. Darüber hinaus sind es vor allem die Herausforderungen der Gestaltung der digitalen Formate beziehungsweise Online-Aktivitäten der eigenen (Lokal-)Zeitung, die die knapp 150 befragten österreichischen Journalisten beschreiben. Verlangt werden heute technische Fähigkeiten sowie ein entsprechendes Wissen um die Dynamiken sozialer Medien.

Hyper-Local

Dies wird durch die Fallstudien des Teams an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt bestätigt. Die mit narrativen Interviews befragten 79 Journalisten weltweit sehen das "Online-Pendant" der eigenen Zeitung generell sehr positiv. Insbesondere in den ländlichen Bereichen in Österreich (Kärnten), Australien (South Australia, Victoria), aber auch in Metropolregionen wie in und um Kapstadt (Südafrika) beschreiben Lokaljournalisten die folgenden Potenziale:

  • Themenfindung. Lokaljournalisten weisen darauf hin, dass die Facebook-Seite der eigenen Lokalzeitung eine gute Möglichkeit ist, auf Probleme, Themen und Themenaspekte aufmerksam zu werden, ebenso wie beispielsweise auf Twitter. Eine Story in der Zeitung kann nie alle Aspekte behandeln. Über Kommentare lassen sich aber andere Perspektiven aufgreifen und journalistisch bearbeiten. Damit bekommt auch der Begriff "hyper-local", also der Bezug zur eigenen Straße, dem eigenen Bezirk eine neue Bedeutung.
  • Storytelling. Gerade in Südafrika haben sich in diesem Frühjahr um den "Day Zero", den Tag der totalen Wasserknappheit, viele Geschichten gerankt. Den Weg in die Medien weltweit hat der "normale Durchschnittsnachbar" gefunden, der mit seinem Plastik-Kanister an der öffentlichen Wasserstelle stand. Personalisierung und regionale Nähe sind seit jeher die mit am höchst gehandelten Nachrichtenwerte. Gerade für komplexe Themen wie den Klimawandel und damit zusammenhängende Themen wie Wasserknappheit sind Geschichten um die Verbauung des Dorfbaches, die Fischtreppe im Nachbardorf oder den verbrannten Rasen im eigenen Garten einfacher zu begreifen.
  • Publikumsbindung. Die Journalisten sprechen einstimmig von der neuen Rolle des "Leserbriefs" oder des "letter to the editor". Vor allem Facebook wird als ein "neuer Kanal für den Leserbrief" beschrieben. Hier wendet sich das Publikum direkt an die Zeitung beziehungsweise einen entsprechenden Journalisten, fragt nach und beteiligt sich an der journalistischen Bearbeitung eines Themas durch Kommentare. Gerade die Debatte um die Bewässerungs-Regel nach Wochentagen und geraden und ungeraden Hausnummern in Australien war ein Beispiel mit hohem Kommunikationsbedarf in den jeweiligen Grätzeln. Hier sind Lokalmedien nicht nur "Service-Blatt" sondern selber Teil der Community, wie auch der "Guardian" beschreibt.

Und die Qualität?

Die genannten Studien und auch andere aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zu hyper-local journalism oder der Zukunft des Journalismus benennen allerdings die wohl größte Herausforderung für den Lokaljournalismus: die Frage nach Qualitätsstandards. Nicht nur aber auch in Bezug auf digitale Formate. Und nicht nur aber auch in Bezug auf komplexe Themen wie Klimawandel und drohende Wasserknappheit.

Ganz konkret wird die Frage bei Lokalzeitungen laut, inwieweit die normativen Koordinaten für Journalismus immer stärker von Themen abhängen. Politikberichterstattung hat, so einige der Befragten der Klagenfurter Studie, möglicherweise andere Spielregeln als Wissenschaftsjournalismus oder die Nachhaltigkeits-Thematik. Und je lokaler der Journalismus, desto genauer schauen die Leser darauf, wer was wie geschrieben hat. Also liegt im Lokaljournalismus auch die Chance, mit guten Beispielen voran zu gehen: Geschichten erzählen und kleinteiligen, aber dafür guten im Sinne eines nachhaltigen Journalismus zu realisieren.

Gerade also in der Bearbeitung von Wasserknappheit und anderen durch unsere Konsumgewohnheiten und Lebensstile hervorgerufenen Veränderungen ist der Lokalaugenschein, die Geschichte aus dem Grätzel, eine Möglichkeit, auch die "Nicht-in-meinem-Wohnzimmer"-Skeptiker zu erreichen. Damit bekommt in der Klimawandelthematik der Lokaljournalismus eine ganz neue Bedeutung! (Franzisca Weder, 26.11.2018)

Franzisca Weder lehrt und forscht am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Klagenfurt insbesondere im Bereich Organisations- und Nachhaltigkeitskommunikation, CSR, Gesundheits- und Umweltkommunikation.

Share if you care.