1.000-Euro-Weine: Das Achterl für Anleger

    30. November 2018, 07:00
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    Superreiche und Sammler investieren in Weine gut und gerne 1.000 Euro. Blöd, dass auch beim Spekulieren mit Flaschen die Blase platzen kann

    Es ist eine kleine, illustre Runde, die vom renommierten Champagnerhaus Krug in ein angesagtes Wiener Innenstadtlokal geladen ist. Betuchte Privatkunden des Hauses, Fine-Wine-Händler und ein paar Journalisten sitzen gespannt um eine festlich geschmückte Tafel. Als der neue Jahrgang mit viel Trara präsentiert wird und endlich die Korken knallen, geht ein Raunen durch die Runde – Handys werden gezückt und Fotos mit sich und den Flaschen in die Welt geschickt.

    Es handelt sich bei dem Spektakel nicht um irgendeinen Champagner, sondern um den aktuellen Jahrgang des Blanc de Noirs "Clos d'Ambonnay". Der reinsortige Pinot noir aus einer 0,68-Hektar-Einzellage ist das Flaggschiff des Hauses und einer der teuersten Champagner der Welt. Unter 1.000 Euro ist keine Flasche auf dem Markt zu ergattern – für herausragende Jahrgänge legt man auch schon das Sechsfache ab. Seit seiner Premiere 1995 wurden erst vier Jahrgänge des kostbaren Sprudels abgefüllt – immer nur in homöopathischen Mengen.

    Ob der Preis noch in irgendeinem Zusammenhang mit dem Inhalt der Flasche steht, erscheint Liebhabern und Sammlern teurer Kreszenzen nicht relevant. Das Angebot ist knapp, und es geht einzig darum, die Flasche zu besitzen – koste es, was es wolle.

    "Ein Werk von van Gogh wird ja auch nicht am Wert der Farben bemessen, die der Künstler dafür verwendet hat", erklärte der legendäre deutsche Raritätenweinhändler Hardy Rodenstock einst. Rodenstock hatte sich mit Fine Wines eine goldene Nase verdient, er galt in der Szene als Guru – bis er selbst des Etikettenschwindels bezichtigt wurde. Der Fall wurde nie aufgeklärt, Rodenstock verglich sich mit dem Kläger. Weinfälschungen sind in der Branche jedenfalls keine Seltenheit.

    foto: getty images/istockphoto
    Wein aus dem Château Mouton Rothschild (hier eine neuere Flasche aus dem Jahr 2003) erzielte bereits in den 1990er-Jahren Rekordpreise.

    Kein Spritzwein

    In den 1990er-Jahren blühte der Handel mit hochklassigen Weinen. Klingende Namen wie Château Lafite Rothschild, Petrus oder Château Mouton Rothschild aus dem Bordeaux sowie Domaine de la Romanée-Conti aus dem Burgund gingen für Fantasiepreise über den Ladentisch. Ältere Jahrgänge und besondere Raritäten kosteten nicht selten zehntausend Euro oder mehr. Käufer waren vorwiegend neureiche Russen und vermögende Asiaten. Die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's erlebten einen nie da gewesenen Boom mit der Versteigerung rarer Tropfen.

    Was aber sind die Voraussetzungen dafür, dass Weine groteske Preise erzielen? Sie müssen berühmt sein, rar und hoch bewertet. Es war ein Amerikaner, der letztlich den Wert exklusiver Fine Wines bestimmte: der Weinkritiker Robert Parker. Ein Jahrgang, dem der Weinpapst bei der "en primeur", der Vorprobe zu einem Zeitpunkt, wenn der Wein noch im Fass reift, die begehrte Höchstnote verlieh, konnte mit einer Wertsteigerung um 100 Prozent noch am selben Tag rechnen. Die Châteaus warteten Parkers Bewertung ab, um dann ihre Ausrufpreise für den Jahrgang festzulegen.

    Spekulationsobjekte

    Im Bordeaux werden keine Weine, sondern Jahrgänge verkauft. Parker selbst ist aus dem "En primeur"-Handel längst ausgestiegen – verärgert über den von ihm ausgelösten Preiswucher der großen Bordelaiser Châteaus.

    Ein Schlaraffenland auch für Anleger, die von solchen Dividenden bei konventionellen Anleihen nur träumen konnten. Angesichts der exorbitanten Wertsteigerung wundert es nicht, dass hochbewertete Weine prestigeträchtiger Châteaus zu begehrten Spekulationsobjekten werden. Auch heute noch ziehen sie das Interesse von Menschen auf sich, die nie vorhaben, diese je zu trinken. Weine werden zu Wertpapieren oder, wie man in der Börsensprache zu besonders vielversprechenden Aktien sagt, zu Blue Chips – eine Zeitlang behält man sie, um sie dann gewinnträchtig abzustoßen.

    foto: reuters/platiau
    Teure Tropfen, die häufig nur zu Spekulationsobjekten gekauft werden.

    Das auf hochkarätige Prestigeweine spezialisierte heimische Investmenthaus Bordeaux Traders etwa verspricht langfristige, stabile Wertzuwächse mit einer jährlichen Rendite von fünf bis zehn Prozent. Die Weine werden von Profis erworben und in Zolllagern deponiert. Zu sehen bekommt der Anleger die Weine freilich nicht. Will er auch nicht – sie sollen lediglich hohe Gewinne abwerfen.

    Wein sei als alternative Anlage inzwischen genauso beliebt wie Rohstoffe oder die Spekulation mit Weizen, Mais oder Soja, glauben Finanzexperten.

    Flaschendrehen

    Eine bizarre Welt, deren Gesetze für Laien nur schwer durchschaubar sind. Für spekulativ veranlagte Investoren hingegen ein Paradies: Weine als Geldanlage können nicht nur physisch erworben werden, es gibt auch sogenannte Surrogate – hoch gehandelte Aktienpapiere, deren Wert vom Index angezeigt wird. In London gibt es sogar eine eigene Weinbörse, Liv-ex (London International Vintners Exchange), die mehrere Indizes zur Verfügung stellt. Die von der Börse betriebene Handelsplattform steht institutionellen Anlegern und Weinhändlern zur Verfügung.

    Richtig zur Sache geht es dann bei Futures, wo man auf die zukünftige Preisentwicklung noch nicht abgefüllter High-End-Weine, meist aus dem Bordeaux, spekuliert. Für die "en primeur" verkosteten und bewerteten Edeltropfen kann man als Käufer Berechtigungsscheine erwerben. Der Blindflug wird mit günstigeren Preisen im Einkauf, bei einer entsprechenden Anlage mit höheren Renditen belohnt. Kommt der Wein auf den Markt, wird er von einflussreichen Kritikern nachbewertet.

    foto: getty images / istock
    Architekt Ricardo Bofill entwarf den Weinkeller des Château Lafite Rothschild in Pauillac: ein Tempel für Liebhaber edler Weine.

    Hält der Wein, was er im Fass versprochen hat, steigt sein Preis ins Unermessliche. Wird hingegen eine Höchstbewertung revidiert, bleibt dem Käufer wohl nichts anderes übrig, als die verlustreiche Anlage selbst zu trinken. Das Risiko bleibt allerdings in vielen Fällen überschaubar, denn vor allem klingende Namen wie Château Lafite Rothschild, Petrus oder Château Margaux brauchen nur selten um Höchstbewertungen zu bangen.

    Ein schwindelerregender Markt, der in den 1980er- und 1990er-Jahren seinen Höhepunkt erreichte. 2011 platzte die Spekulationsblase: Krisen in Russland und eine Wirtschaftsflaute in China verursachten einen massiven Einbruch. Danach sind die Ex-Château- und Subskriptionspreise um bis zu 70 Prozent gefallen – eine Marktkorrektur sozusagen. Heute handelt man wieder auf hohem Niveau, aber die fetten Jahre sind wohl vorbei.

    Die gute Nachricht für den Markt – es gibt neue Anwärter: Indische, brasilianische und afrikanische Superreiche bekunden steigendes Interesse an Fine Wines. Und auch China scheint wieder fest im Sattel zu sitzen: So hat ein anonymer Bieter auf einer Versteigerung in Hongkong um 1,3 Millionen Euro 114 Flaschen der Burgunder-Legende Romanée-Conti gekauft – umgerechnet mehr als 11.000 Euro pro Flasche. (Christina Fieber, RONDO, 30.11.2018)

    grafik: magdalena rawicka

    Dieser Artikel erschien im Rahmen der 1.000 Ausgabe des RONDO.

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