Gewerkschaft will Lehrerabwanderung mit Parkpickerl stoppen

    20. November 2018, 10:17
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    Mindestens 200 Pflichtschullehrer wechselten in andere Bundesländer – Bildungsdirektor Himmer: "Nicht die Riesenherausforderung bei Personalplanung"

    Wien – In diesem Jahr sind mindestens 200 Pflichtschullehrer aus Wien an Schulen in andere Bundesländer gewechselt, zeigt ein Rundruf der APA. Der oberste Personalvertreter Thomas Krebs geht von noch höheren Zahlen aus und fordert nun ein Recht auf Anrainer-Parkpickerl für Lehrer und eine bessere Sozialversicherung, um die Abwanderung zu stoppen. Im Wiener Stadtschulrat sieht man keinen Handlungsbedarf.

    Als einen Grund für den Lehrerabgang vermutet Krebs (Fraktion Christlicher Gewerkschafter/FCG) die "vermeintlich besseren Arbeitsbedingungen" abseits der Bundeshauptstadt: In Wien säßen mit durchschnittlich 24 Schülern deutlich mehr Kinder in der Klasse, am Land gebe es gleichzeitig weniger Schüler mit Problemen in der Unterrichtssprache und teils top ausgestattete Schulen. Eine Rolle spielt laut Krebs außerdem Frust, wenn vom Stadtschulrat (künftig: Bildungsdirektion) Ansuchen um Versetzung an eine andere Schule wiederholt mit Verweis auf "dienstliche Gründe" abgelehnt würden.

    Krebs und Österreichs oberster Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) nennen allerdings noch ein weiteres wichtiges Motiv: Die Rückkehr ins Heimatbundesland, vor allem wenn es an die Familiengründung geht, oder das Beenden des Pendlerdaseins. "Viele Kolleginnen und Kollegen haben in Wien studiert und die Möglichkeit genutzt, dort sofort in den Beruf einzusteigen", schildert Kimberger im APA-Gespräch. Immerhin gebe es in Bundesländern wie Ober- und Niederösterreich oder der Steiermark immer noch Wartelisten für manche Schultypen oder Fächer. Bei Freiwerden einer Stelle im Heimatbundesland würden diese Personen Wien dann den Rücken kehren. "Die Herausforderungen in den Zentralräumen sind einfach enorm", so Kimbergers Erklärungsversuch.

    Laut dem Wiener Bildungsdirektor Heinrich Himmer (bisher: Stadtschulratspräsident) ist das Privatleben der häufigste Grund für Lehrerschwund. Viele Junglehrer, von denen rund ein Drittel aus den Bundesländern kommt, würden auch bei der Anstellung gleich dazusagen, dass sie nur auf Zeit hierbleiben wollen. "Das finde ich zutiefst menschlich und ich glaube auch nicht, dass es die Aufgabe eines Dienstgebers ist, das zu verhindern", so Himmer zur APA.

    Wien sei außerdem nicht in der Situation, dass man diese Wechsel unbedingt verhindern müsste. "Der Wechsel in andere Bundesländer ist nicht die Riesenherausforderung bei der Personalplanung." Dringender sei es, den Bedarf in bestimmten Fächern bzw. im Bereich Deutsch als Fremdsprache oder Zweitsprache abzudecken und Pensionierungen nachzubesetzen. Er wolle deshalb seine Energie nicht dafür einsetzen, Lehrer vom Wechsel in andere Bundesländer abzuhalten.

    Anders die Personalvertretung, die dafür auch bereits ein paar Hebel gefunden haben will: Anrainer-Parkpickerl für Lehrer wären laut Krebs ein möglicher Anreiz, um am Standort zu bleiben. "Interessanterweise tatsächlich ein Thema" sei auch die Versicherung der Vertragslehrer bei der Wiener Gebietskrankenkasse anstelle der Versicherungsanstalt öffentlicher Bediensteter (BVA). Hier sei Wien im Wettbewerb um Lehrer im Nachteil. Ein wichtiger Punkt sei außerdem der Erhalt bzw. Ausbau von Supportsystemen.

    In Zukunft muss es Wien aus Krebs' Sicht allerdings nicht nur gelingen, die Abwanderung zu stoppen. Weil zu wenige Junglehrer nachkämen, müsse man auch verstärkt Pädagogen von außerhalb anwerben. "Wir haben den Lehrermangel zwar seit Jahren. Heuer ist aber das erste Jahr, wo es sich nicht mehr irgendwie mit Sonderverträgen ausgeht." Ein Beispiel, wie dieses Anwerben aussehen kann, liefert für Krebs das Land Vorarlberg: Dort wird etwa Pflichtschullehrern aus anderen Ländern ein "Zimmerzuschuss" von 120 Euro pro Monat gewährt, auch bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft wird geholfen.

    Bildungsdirektor Himmer, früher selbst Lehrerinteressensvertreter, kann mit diesen Vorschlägen wenig anfangen. Verantwortlich wäre allerdings ohnehin die Stadt. Wieso Lehrer das Anrainer-Parkpickerl erhalten sollten und andere Berufsgruppen nicht, wäre aus seiner Sicht schwer argumentierbar. "Außerdem hat mir das noch nie jemand als Grund genannt, dass er nicht in Wien arbeiten will – weder als Personalvertreter noch als Bildungsdirektor."

    Auch Zuckerl wie in Vorarlberg findet er nicht sinnvoll für Wien, schließlich seien diese als Maßnahme gegen die Abwerbung von Lehrern durch die Schweiz, Liechtenstein und Süddeutschland entstanden. "Die Wiener Lehrer wollen nicht in die Slowakei oder nach Tschechien unterrichten gehen, sondern das sind Wechselbewegungen fast immer aufgrund der Herkunft." Mit Goodies könne man das nicht verhindern – und sollte das auch gar nicht versuchen, findet Himmer.

    Stattdessen setzt Wien gemeinsam mit Niederösterreich und dem Burgenland seit einem Jahr verstärkt auf gemeinsame Personalsteuerung. Immerhin sei die Ostregion traditionell eine starke Pendelregion gewesen. Derzeit sind mehr als 20 Prozent der Lehrer an Wiener Schulen Pendler.

    Gemeinsam soll nun laut Himmer eine langfristige Planung etabliert werden, "damit nicht jemand in Niederösterreich etwa auf einer Warteliste steht, der in Wien vielleicht einen Job haben könnte." Dadurch könnten außerdem Lehrer, für die es in Niederösterreich oder im Burgenland wegen Schülerschwunds nicht mehr genug Stunden gibt, von Wien übernommen werden. "Die Kollegen bleiben vielleicht nicht für immer, aber ihr Beitrag ist dennoch ein großer" – egal ob für ein Jahr, fünf Jahre oder 25. (APA, 20.11.2018)

    • Mit einem Parkpickerl für pendelnde Lehrerinnen und Lehrer möchte die Gewerkschaft zum Verbleib in Wien animieren.
      foto: apa / helmut fohringer

      Mit einem Parkpickerl für pendelnde Lehrerinnen und Lehrer möchte die Gewerkschaft zum Verbleib in Wien animieren.

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