Nordvietnam: Vielfalt am Ho-Chi-Minh-Pfad

    26. November 2018, 06:00
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    Vietnam bleibt nicht mehr jugendlichen Backpackers vorbehalten. Das vielfältige Natur- und Kulturangebot lockt auch zahlungskräftigere Reisende

    Verglichen mit dem Nachbarn Thailand steckt der Tourismus in Vietnam noch in den Kinderschuhen. Rund zehn Millionen Menschen besuchen pro Jahr das Land mit knapp 100 Millionen Einwohner. Die Mehrheit davon kommt aus China und Russland – der Tourismus konzentriert sich dabei auf die Strände im Süden und Hot Spots wie die alte Königsstadt Hue oder die Halong-Bucht im Nordosten des Landes. In vielen anderen Landesteilen sind vor allem meist nur jugendliche Rucksacktouristen – Backpackers – anzutreffen. Langsam aber beginnt sich auch in Nordvietnam das gehobene Tourismussegment zu etablieren: Rund um die Nationalparks entstehen komfortable Lodges, Agenturen bieten für Aktivurlauber ein dichtes Programm an.

    Eine Reise durch Nordvietnam beginnt nahezu zwangsläufig in der Hauptstadt Hanoi – "die alte Dame" entpuppt sich dabei schnell als höchst lebendige, Sieben-Millionen-Metropole. Auch wer nicht unbedingt wegen der Pagoden, Tempel und Paläste herkommt: ein, zwei Tage in Hanoi lohnen – auch um das Stadtflair aufzusaugen.

    foto: thomas neuhold
    Das Ho-Chi-Minh-Mausoleum in Hanoi steht für die Verehrung des Staatsgründers und symbolisiert gleichzeitig die Macht der Kommunistischen Partei.

    Hanoi ist das politische Zentrum des 1650 Kilometer langen Landes. Hier konzentrieren sich die Macht der Kommunistischen Partei aber auch Protestaktionen. Meist geht es um soziale Fragen: Arbeitsbedingungen in den verlängerten Werkbänken der europäischen Textillabels oder die Verteilung von Ackerland.

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    Fotografieren erwünscht: Bäuerinnen protestieren in Hanoi gegen Landraub.

    Vietnam ist ein Land für Feinschmecker. Reis, Kräuter wie etwa Koriander und Fischsauce gehören praktisch immer dazu, frische Früchte (Mangos, Bananen, Ananas, Grapefruit...) ebenso. Die traditionelle Suppe, Pho, ist ebenso fixer Bestandteil wie das Suppenfondue, der Hot-Pot. An allen Ecken und Enden stehen Straßenküchen und man kann fast alles immer bedenkenlos essen. Die Frage, wo man aufhört, erst beim Hund oder schon bei Schlangen, Schnecken und Schildkröten bleibt eine individuelle Entscheidung.

    foto: thomas neuhold
    Imbissstand in Hanoi.

    Und selbst jene, die "nur" der Natur wegen die lange Reise auf sich nehmen: Der Faszination des morgendlichen Massen Tai Chi-Turnens am Hoan Kiem-See in Hanoi mit tausenden Menschen können sie sich ebensowenig entziehen wie der traditionellen Kunstform des Wasserpuppentheaters.

    foto: thomas neuhold
    Beim Wasserpuppentheater werden die Figuren mit dünnen Holzstäben bewegt. Die Bühne ist heute ein künstliches Wasserbecken – früher war es der Dorfteich.

    Trotz boomender Wirtschaft, Vietnam ist immer noch ein zutiefst agrarisches Land. Und über allem steht der Reis. Etwa ein halbes Kilogramm Reis isst ein Vietnamese pro Tag, sagt zumindest die Statistik.

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    Die Reisernte ist eine harte Knochenarbeit.

    Neben Reis gehört Kaffee zu den wichtigsten Exportartikeln landwirtschaftlicher Erzeugung. Im Straßenbild am Land ist aber der Reis allgegenwärtig. In Vietnam werden etwa 20 verschiedene Sorten angebaut.

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    Reis wird am Straßenrand zum Trocknen ausgebreitet.

    Das sozialistische Vietnam ist in der Armutsbekämpfung durchaus erfolgreich. Nach offiziellen Angaben lag die Armutsrate 2017 bei rund acht Prozent, in den 1990er-Jahren waren es noch fast zwei Drittel.

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    Almgebäude bei Mai Chau.

    Das Stadt-Land-Gefälle ist freilich trotz der wirtschaftlichen Erfolge unübersehbar. Vor allem die Bergbevölkerung im Norden profitiert in geringerem Ausmaß vom Boom.

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    Boutique in der Kleinstadt Ninh Binh.

    Auch wenn die Symbole der Kommunistischen Partei allgegenwärtig sind, wirtschaftlich verfolgt Vietnam einen Kurs der Mischwirtschaft, der "sozialistischen Marktwirtschaft". Der Kurs nennt sich "Doi Moi – neue Struktur" und geht auf das Jahr 1986 zurück. Seither haben sich längst internationale Konzerne wie beispielsweise auch Nestle in Vietnam eingekauft.

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    Propagandatafeln in Ninh Binh.

    Das Bevölkerungswachstum in Vietnam liegt bei rund einem Prozent – das sind immerhin eine Million Menschen mehr pro Jahr. Die wirtschaftlichen Aussichten für junge Menschen sind aber trotzdem gut: Die Arbeitslosenquote wird mit etwas mehr als zwei Prozent angegeben.

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    Smartphone, gelber Stern auf rotem Grund: Vietnams Jugend.

    Für den Tourismus im Norden sind vor allem die Natureindrücke ausschlaggebend. In Hanoi und Umgebung gibt es zwei Jahreszeiten, Winter und Sommer. Die kühle aber meist trocken Winter dauern von November bis April, wobei es Januar bis März recht kalt werden kann. Mai bis Oktober ist Sommer, es ist heiß und feucht, wobei Juli bis September oft die feuchtesten Monate des Jahres sind. Da wird es unerträglich schwül.

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    Nordvietnam ist ein Naturparadies. Morgenstimmung in Pu Luong.

    Zu den Hauptproblemen des jungen Staates gehört die Korruption. Vietnam liegt im internationalen Korruptionsindex auf Platz 106 – in etwa gleich auf mit der Mongolei oder Äthiopien. Ein weiteres Problem ist die grassierende Wilderei. Viele seltene Tierarten stehen als Delikatessen auf den Speisekarten, anderen werden Heilkräfte nachgesagt. Deutsche Zoos haben inzwischen Auffangstationen für bedrohte Tierarten geschaffen – ihr Hauptfokus liegt auf vom Aussterben bedrohten Affenarten.

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    Eine Gibbondame im "Primate Rescue Center" im Nationalpark Cuc Phuong.

    Als hätten Kalligrafen ihre Pinsel gezückt: Mit Vietnam verbinden viele die Karstkegel der Halong Bucht. Sie ist eine der wenigen echten Hot Spots des Tourismus. Wer den Rummel meiden will, entscheidet sich für die trockene Halong Bucht südlich ihrer berühmten Schwester.

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    In der trockenen Halong Bucht.

    Für abenteuerlustige Reisende haben sich die Agenturen inzwischen ein buntes Programm einfallen lassen: Der Besuch beeindruckender Höhlensysteme im Karstgebirge Nordvietnams gehört dazu. Ausrüstung und Guides sind auf professionellem, europäischem Stand.

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    Höhlenschwimmen im Phong Nha-Nationalpark.

    Ohne Guide und Ranger soll und darf man sich in den Nationalparks nicht bewegen. Und das hat durchaus gute Gründe: Spätestens nach einer halben Stunden hat man in dem üppigen Grün hoffnungslos die Orientierung verloren.

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    Durch die "grüne Hölle" – Dschungeltrekking.

    Für Reisende besonders interessant sind jene Unterkünfte, die hohen Komfort mit ökologischer Ausrichtung verbinden. In diese Eco-Lodges und Farmstays darf man sich durchaus westlichen Standard mit viel Vietnam-Flair erwarten.

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    Romantische Wohntonnen am Dorfrand: Das Farmstay in Chay Lap.

    Der 1975 beendete Vietnamkrieg ist im Land allgegenwärtig. Die Spuren der Verwüstung sind unübersehbar, bis heute dauert beispielsweise der Restaurierungsprozess im Königspalast von Hue an, der Palast war von den US-Bombergeschwadern zum Ziel erklärt worden. Ein Besuch bei den Kriegsschauplätzen ist bei einer Vietnamreise fast Pflicht – etwa bei den Tunnelsystemen, in denen ganze Dörfer über mehrere Jahre unterirdisch vor den US-Bomben Zuflucht gefunden haben.

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    Erinnerung an den Vietnam-Krieg: Tunnelsystem in Vinh Moc.

    Wenn es etwas gibt, das den Fortschritt in Vietnam symbolisiert, dann ist es der Ho-Chi-Minh-Pfad. Über diese verschlungenen Dschungelwege lief über Jahre der Nachschub im Kampf gegen die USA. Heute ist er eine breite, viel befahrene Autostraße, die den Norden mit dem Süden verbindet. (Thomas Neuhold, 23.11.2018)

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    Symbol des Aufbaus: Der Ho-Chi-Minh-Pfad.

    Literatur:

    Iain Steward, Lonely Planet Reiseführer Vietnam, Ausgabe 2018. Euro 24,99.

    Michael Schottenberg, Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam. Amalthea, Wien 2017. Euro 23,00.

    Ernst Frey, Doris Sottopietra (Hg.), Vietnam – mon amour. Ein Wiener Jude im Dienst von Ho Chi Minh. Printauflage vergriffen, als e-book bei Czernin-Verlag erhältlich. www.czernin-verlag.com. Euro 14,99.

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