Unknown Pleasures #26: Ein Nachruf auf Tony Joe White

Blog21. November 2018, 07:00
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Im Sitzen liegt die Kraft. Tony Joe White bewies das. Er war ganz oben und fast vergessen und hat es einfach ausgesessen (ein Reim!)

Manchmal geht es sich nicht aus. Da kann das Lebenswerk noch so toll sein. Ein Feiertag, die Zeitverschiebung, ein paar Tage Urlaub – schon fällt jemand um einen verdienten Nachruf um. Manchmal kommen dann Fanmails, die sich empören, im Fall des Tony Joe White kam nichts, eine Schande.

Der US-amerikanische Musiker ist am 24. Oktober gestorben. 75 Jahre war er alt. White war ein Typ aus der zweiten Reihe. Er stammte aus Louisiana und kannte das einfache Leben am Land, die Feldarbeit und die wenig hoffnungsfrohen Aussichten als White Trash. Doch er hatte Talent. Das verwendete er zuerst darauf, Songs von John Lee Hooker und dergleichen Typen nachzuspielen. Bis er eines Tages Bobbie Gentry im Radio hörte.

Billie Joe spricht zu Tony Joe

Ihr Song Ode to Billie Joe, so fühlte er, sprach direkt zu ihm. Gentry sang über das Leben, das White kannte. Ab sofort tat er dasselbe, und so entstand sein erster Hit.

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Bobbie Gentry singt Ode to Billie Joe. Ein Schlüsselmoment im Leben des Tony Joe White.

White war nach Nashville gegangen. Die Country-Metropole erlebte gerade einen Umbruch mit Typen wie Kris Kristofferson, Willie Nelson oder Waylon Jennings. Er lernte in Nashville Billy Swan kennen. Der sollte ein paar Jahre später mit I Can Help einen Welthit landen. Swan produzierte Whites Debütalbum für Monument Records, das war ein angesagtes Label, das in den Sixties vor allem von Roy Orbisons Welterfolgen lebte.

Der erste Hit ziert sich

Bei Monument erschien 1968 Black and White. Das Cover zeigt das Abbild eines jungen, pausbäckigen Mannes mit gotteslästerlicher Frisur. Zumindest für Hinterlandverhältnisse. Denn mag man dort auch mit den Viechern im Stall unbotmäßig verkehrt haben, zum Friseur ging's regelmäßig.

Black and White ist ein Klassiker der Southern Music. Verantwortlich dafür ist der Hit des Albums. Das besteht auf der A-Seite aus Eigenkompositionen, die B-Seite aus Fremdmaterial. Die letzte Nummer auf der ersten Seite war Polk Salad Annie.

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Der Opener von Whites Debütalbum: Willie and Laura May Jones. Gold.

Der Song wurde 1969 als Single ausgegliedert und an die Radiostationen geschickt. Nichts passierte. White ging auf Tour, und über die Konzerte und Monate wurde der Song ein Hit. Aus Texas orderte er Singles bei Monument in Nashville, um sie auf Tour verkaufen zu können. Am Ende verscherbelten sie sogar die Promotion-Exemplare, von denen sie händisch den Aufdruck "not for sale" entfernten.

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Tony Joe White in der Johnny Cash Show. Die zwei haben eine gute Zeit, während sie Polk Salad Annie singen.

So erreichte ein Exemplar einen Music-Biz-Mann in Los Angeles, dann hob Polk Salad Annie ab. Es wurde acht oder neun Monate nach seinem Erscheinen ein Hit, den bald Elvis Presley covern sollte. Presley nahm ihn in sein damaliges Live-Repertoire auf, auf seinem zweiten Livealbum On Stage (muss man haben!) ist es zu hören.

Was das für White bedeutete, möchte ich via Lee Hazlewood erzählen. Als ich ihn interviewte, sagte er, er habe vor Freude geweint, als Elvis seinen Song The Fool coverte. Die Freudentränen kamen ihm, als er an die Tantiemen dachte, die ihm das einbringen würde.

CCR und Tony Joe

Polk Salad Annie war ein Song über das harte Leben im Süden. Viele dachten, dieser Polk Salad sei eine Chiffre für Gras, und brachten White brav selbstgezogene Rauchwaren Backstage. Dort bedankte er sich zuerst, dann klärte er auf.

White war nach diesem Song im Rennen. Sein Sound war eine Mischung aus Rock und Blues – und war nicht schlecht funky. Doch zur Zeit des Erfolgs von CCR wurde seine Musik Swamp Rock genannt. Whites Phlegma nahm das schulterzuckend zur Kenntnis.

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Swamp Rock mit Soul-Brass – das länglich betitelte They Caught the Devil and Put Him in Jail in Eudora, Arkansas.

Auf dem 1969 erschienenen Folgealbum ... Continued befand sich der nächste Hit. Wieder war es ein Song, den er über seinen Alltag geschrieben hatte: Rainy Night in Georgia. Damals fuhr er mit dem Müllwagen die Autobahn ab, wenn es nicht regnete.

Regen in Georgia

Das Lied wurde ein Millionenseller für Brook Benton. Der war ein sanfter Soul-Sänger, eher aus dem süßlichen Bereich des schwarzen Pop. Doch zu jener Zeit hatte Benton einen Vertrag bei Cotillion Records, einem Ableger von Atlantic, und veröffentlichte dort ein paar seiner besten Platten.

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Brook Bentons Millionenseller im Original, geschrieben von einem Mann, der im Müllauto die Highways abfuhr.

White schien ein gemachter Mann zu sein – zumindest über den Umweg einer Fremdinterpretation. Denn Rainy Night ... sollte sich als stete Geldquelle erweisen, da der Song immer wieder gecovert und immer wieder ein Hit wurde. Unter anderem für Randy Crawford 1981.

Er legte zwei sehr gute Alben nach: ein eher ideenarm betiteltes Tony Joe 1970 und das ungleich origineller betitelte Tony Joe White 1971. Tony Joe wartet Whites vielleicht besten Song auf: What Does It Take (To Win Your Love) ist so ein traumhaftes Lied, da passt alles. Nach drei Alben für Monument folgte er dem Ruf von Warner Brothers und unterschrieb dort. Eine nachvollziehbare Entscheidung, Warner ließ damals seinen Künstlern maximale Freiheit und hatte ein paar der originellsten Musiker jener Zeit unter Vertrag.

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Tony Joe am Zenit seiner Kunst, viel besser kann ein Song nicht sein.

Drei Alben lang blieb er bei Warner, Mitte der 1970er erschien auf 20th Century Records ein eigenwilliges Werk: Eyes. 20th Century verkaufte damals Millionen Alben mit dem sündigen Bedroom-Soul des Barry White, der weiße White brummte nun ebenfalls mit lüsternem Bariton seine Songs, wirklich gebraucht hat das niemand.

Größere Abstände, kleinere Erfolge

Die Abstände zwischen seinen Alben wurden größer, die Erfolge derselben kleiner, bloß drei erschienen von ihm in den 1980ern. In Europa, vor allem in Großbritannien, blieb man dem Mann treu, in den USA fiel er eher schon dem Vergessen anheim, aber dann.

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Auch sehr super: Roosevelt and Ira Lee vom Album ... Continued.

Aber dann schrieb er ein paar Songs für Tina Turner. Die war schon Superstar, als ihr Manager Roger Davies White als Songwriter vorschlug, auch Mark Knopfler als Fan und Freund war involviert. Turner traf White und staunte: White war weiß! Polk Salad, dachte sie, sänge ein Brother. Als sie mit offenem Mund vor White stand, dachte der, sein Hosenstall sei offen.

Er schrieb den Titelsong für Turners Album Foreign Affair und noch ein paar andere. Foreign Affair verkaufte sich neun Millionen Mal, White spielte in Turners Liveband und erhielt über diesen Karriereschub einen neuen Plattenvertrag.

Würdige Alterswerke

Er veröffentlichte regelmäßig weitere Alben, viele davon waren Liveaufnahmen. Zuletzt entstanden auf Yep Roc ein paar mehr als bloß würdige Alterswerke.

Irgendwann hab' ich ihn in Wien im Vorprogramm von irgendwem in der Stadthalle gesehen (jemand eine Idee da draußen?). Wie üblich ist er auf der Bühne gesessen. So war er auch vor einigen Jahren mit den Foo Fighters bei Letterman zu sehen. Ein geerdeter No-Bullshit-Typ, ein gemütlicher Southerner mit Biss. (Karl Fluch, 21.11.2018)

  • Tony Joe White 1969. In dem Jahr wurde Polk Salad Annie ein Hit, mit Rainy Night in Georgia legte der Mann aus Louisiana zukunftssichernd nach.
    foto: monument rec.

    Tony Joe White 1969. In dem Jahr wurde Polk Salad Annie ein Hit, mit Rainy Night in Georgia legte der Mann aus Louisiana zukunftssichernd nach.

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