Schöner stillen mit Doutzen Kroes und anderen Prominenten

Blog21. November 2018, 06:00
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Der aktuelle Umgang mit dem Thema Stillen bedeutet auch: noch mehr Druck und noch weniger Autonomie für Mütter

Vor kurzem fand in Wien ein Stillkongress statt. Dort ging es unter anderem darum, unter welchen Bedingungen Stillen "erfolgreich" ist, welchen Beitrag Männer leisten können und um "Muttermilch als ein Geburtsrecht", wie es der deutsche Allergologe Bodo Melnik recht drastisch ausdrückt.

Eine Bedingung fürs Gelingen sei auch das Stillen in der Öffentlichkeit, das für viele noch ein Tabu ist, auch das war Thema des Kongresses. Ein wichtiges Thema, wenngleich nicht nur bezüglich "Stillerfolg". Denn es zeigt auch, dass noch immer nicht den Frauen allein die Entscheidung überlassen wird, auch wenn sie sämtliche Informationen haben, die sie für ebendiese Entscheidung benötigen: wo sie stillen, wie sie stillen und ob sie stillen oder, genauer, ob sie stillen können oder ob sie stillen wollen. Vor allem Letzteres ist ein Tabu. Wer in Gegenwart stilleifriger Mütter (und Väter) dem Säugling nicht nur das Flascherl gibt, sondern auch noch erklärt, es so zu wollen, ganz ohne medizinisch abgesegneten Grund, erntet ebenso giftige Blicke oder überflüssige Kommentare wie die stillende Frau wegen des Busens in der Öffentlichkeit.

Die Krux mit dem "Normalisieren"

Genau dagegen kämpfen immerhin Promis seit einigen Jahren an, wenngleich dabei eher Ästhetisierung als Enttabuisierung herauskommt. Models, Schauspielerinnen oder Sängerinnen, allesamt inszenieren sie sich neuerdings stillend in den sozialen Medien. Nicht wegen der perfekt sitzenden Haare, des schnieken Sommerkleids oder der wunderbar geformten Brust, sondern wegen des feministischen Empowerments wär's.

Hilary Duff, Liv Tyler, Tess Holliday, Doutzen Kroes ...

... oder Nicole Trunfio ...

... zeigen uns, dass auch wir uns stillend zeigen können, nur keine Scham. Die Botschaft lautet: Fühlt euch wohl, versteckt euch nicht daheim, denn "this should be normal", wie uns Nicole Trunfio im schriftlichen Teil ihres Instagram-Posts erklärt. Sie wurde 2015 sogar auf der australischen "Vogue" stillend abgebildet.

foto: screenshot

Nicht zu vergessen Mara Martin, die im Sommer dieses Jahres im Glitzerbadeanzug stillend über den Laufsteg lief.

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Auch Alyssa Milano sprach in einem Interview davon, man müsse Stillen "normalisieren".

Nun, "normal" ist so eine Sache. Einmal abgesehen davon, dass das Aussehen von Kroes oder Trunfio beim Stillen eines Säuglings oder Kleinkindes sicher nicht normal ist, sollte am Ende dieses Normalisierungsprozesses nicht der Tritt vors Schienbein jener Mütter stehen, die nicht stillen. Bestimmte Formen des Still-Empowerments scheinen zu übersehen, dass ein solches verdammt viel Druck erzeugen kann – und wie beständig die Tradition ist, Frauen keine Autonomie über ihren Körper zuzugestehen.

Wer in der siebenten oder achten Nachtwache verzweifelt, das Baby an der Brust, in Mütterforen stöbert, stößt schnell auf den rauen Ton gegenüber Stillschwächlerinnen und meist auf nur einen Rat: Das Kind entscheidet, wie lange es die Brust will und wann es bereit für die Flasche ist, für die Mutter heißt es derweil: durchhalten.

Alles falsch

Dass diese vielleicht einfach nicht mehr will oder nie wollte, ist oft gar nicht auf dem Radar des Akzeptablen. Frauen stillen oft trotz Schmerzen weiter, weil es doch sein muss und sie sich als Versagerinnen fühlen, sollten sie aufgeben. Und völlig aus dem Blick gerät, dass manche Frauen einfach nicht stillen wollen, von Anfang an. Weil sie wissen, dass es angesichts der Qualität der heute produzierten Prä-Milch nicht verantwortungslos ist, weil sie durch die partnerschaftlich organisierte Sorgearbeit – auch beim Füttern des Babys – ausgeruhter und so einfach die glücklicheren Mamas sind.

Mit dieser Position können Frauen sich aber ziemlich unbeliebt machen, ebenso, wer stillt und noch ein anderes Leben über die Babyversorgung hinaus hat. So löst es Erstaunen bis Entsetzen aus, wenn eine Leistungssportlerin stillt: Im August zeigte ein Foto Sophie Power, wie sie ihren dreimonatigen Sohn stillt – während eines Ultramarathons. "Wir Frauen sollten unsere Identität nicht aufgeben, wenn wir Mütter werden", sagt Power über den Wirbel um das Bild. Das werde von Männern auch nicht verlangt.

foto: apa/afp/mons prod pour strava/al

Doch die Realität ist offenbar noch immer: Wie Frau es macht, ist es falsch. Der Diskurs ums Stillen zeigt das sehr deutlich. Zu ungeniert in der Öffentlichkeit stillen, zu schnell aufgeben, wenn es nicht klappt, zu kurz stillen, zu lange stillen, und die, die gar nicht wollen, haben sowieso Erklärungsbedarf. Daran ändert auch die vielleicht gut gemeinte "Normalisierung" nichts, wenn sie zur "Normierung" verkommt. Davon haben Frauen schon genug. (Beate Hausbichler, 20.11.2018)

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