Die sieben, die Theresa May beerben wollen

    Ansichtssache20. November 2018, 13:32
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    Die britische Premierministerin muss sich womöglich einem Misstrauensvotum stellen. Etliche Konservative haben sich für ihre Nachfolge in Stellung gebracht

    Am Montag waren es Medienberichten zufolge bereits 42 Abgeordnete der Konservativen, die ein Misstrauensvotum gegen ihre eigene Premierministerin beantragt hatten. Kommen 48 schriftliche Aufforderungen zusammen, wird sich May der Abstimmung über ihre weitere Zukunft stellen müssen. Zu dem Antrag hatte eine Gruppe von Brexit-Hardlinern um den einflussreichen erzkonservativen Hinterbänkler Jacob Rees-Mogg aufgerufen.

    "Geduld ist eine Tugend, Tugend ist eine Zier", antwortete Rees-Mogg am Dienstag vor Journalisten auf die Frage, ob bereits genügend Briefe eingegangen seien. "Wir werden sehen, welche Briefe zu gegebener Zeit kommen." Die konkrete Zahl der bisher eingegangenen Anträge wird geheim gehalten.

    In London bringen sich auf jeden Fall bereits die möglichen Nachfolger in Stellung. Theresa May selbst warnte am Wochenende eindringlich davor, sie herauszufordern. Ihr Mantra: "Mein Deal oder keiner". Ein Personalwechsel würde die Verhandlungen nicht leichter machen: "Vielmehr birgt er das Risiko, dass ... der Brexit verzögert oder verhindert wird." Dann stünden wohl Neuwahlen oder sogar ein Referendum über den Brexit-Deal bevor. Einige Minister um die Fraktionsvorsitzende der Konservativen im Unterhaus, Andrea Leadsom, wollen May deswegen noch in letzter Minute dazu bringen, den Vertrag mit der EU anzupassen, um den Kritikern im Unterhaus entgegenzukommen. Die nordirische DUP, die Mays konservative Minderheitsregierung toleriert, verweigerte ihr in der Frage auch am Dienstag immer noch die Gefolgschaft. Zudem droht Spanien wegen eines Streits um das britische Gibraltar mit einer Blockade des Brexit-Deals.

    foto: apa/afp/oli scarff

    Amber Rudd: Die ehrgeizige Verbündete

    Als Arbeitsministerin Esther McVey – so wie Brexit-Minister Dominic Raab – am Donnerstag ihren Rücktritt verkündet hatte, ging für Amber Rudd (55) wieder das Licht an. Anfang des Jahres musste sie noch wegen des Windrush-Skandals den Posten der Innenministerin räumen. Nur wenige Monate später ist die enge Vertraute von Theresa May nun wieder als Arbeitsministerin in der Regierung. Ruddvertritt die Linie der "remainers" oder zumindest eines weichen Brexits bei den Konservativen. Als Antithese zum Polit-Enfant-terrible Boris Johnson war Rudd eine der Ersten, die in der vergangenen turbulenten Woche Mays Deal verteidigten.

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    foto: apa/afp/emmanuel dunand

    Dominic Raab: Der Ex-Brexit-Minister

    Als Brexit-Minister von Theresa Mays Regierung hat Dominic Raab (44) den Vertragsentwurf am Mittwochabend vergangene Woche noch unterzeichnet. Doch schon tags darauf kam der Rücktritt. Das vorläufige Abkommen mit der EU könne er nicht "guten Gewissens" verantworten. Der Entwurf enthalte "fatale Fehler", die die Integrität Großbritanniens gefährden würden. Seit 2010 sitzt Raab für die Torys im Parlament, erst diesen Sommer sprang er ein, als der bisherige Brexit-Minister David Davis im Juli zurückgetreten war. Der gelernte Jurist war bis zu seinem Einsatz als Brexit-Minister Staatssekretär, erst für Justiz, dann für Wohnungswesen.

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    foto: apa/afp/oli scarff

    David Davis: Der Neinsager

    Gleichzeitig mit Boris Johnson trat im Sommer auch David Davis (70) als Brexit-Minister zurück. Auch er wollte die Festlegung auf einen weichen Brexit nicht mittragen. Als Brexit-Minister machte er sich in Brüssel als "Monsieur Non" einen Namen. Bei den Verhandlungen selbst kam er aber kaum zum Zug, May verhandelte einen Großteil selbst.

    Davis gehört bei den Konservativen der European Research Group an, die seit Donnerstag die notwendigen 48 Briefe sammelt, welche das Misstrauensvotum gegen May einleiten sollen. Das Kabinett und die Tory-Abgeordneten forderte er auf, Nein zu sagen zum Brexit-Deal und zu dieser "Kapitulation".

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    foto: ap photo/matt dunham

    Sajid Javid: Der ambitionierte Bankier

    Die Stunde von Sajid Javid (49) hat geschlagen, als Amber Rudd im vergangenen April ihren Chefposten im Innenministerium im Zuge des Windrush-Skandals räumen musste. Javid stieg damit als erster Mann mit muslimischem Hintergrund in eines der vier führenden Ämter auf.

    Der Ökonom und ehemalige Manager der Deutschen Bank trat 2010 ins britische Parlament ein und war bis 2015 Kulturminister. Der jetzige Innenminister hat wie Jeremy Hunt seine Meinung von "remain" zu Pro-Brexit geändert. Während er Mays Deal skeptisch gegenübersteht, zählt er nicht zu jenen, die sich offen dagegen aussprechen.

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    foto: ap photo/rui vieira

    Boris Johnson: Der ultimative Rivale

    Er zählt definitiv zu den Anführern der Aufständischen: Boris Johnson (54), ehemaliger Außenminister und gewichtigster Vertreter desjenigen Flügels der Konservativen, der seit jeher einen klaren Schnitt fordert. Aus Protest gegen Mays Brexit-Weißbuch trat er im Juli zurück. "Einen Misthaufen kann man nicht auf Hochglanz polieren", soll er gesagt haben. Nach dem Referendum 2016 war er schon einmal in Reichweite des Amtes des Premierministers. Theresa May kam aber ans Ruder, Johnson wurde Außenminister. Jetzt will er es angeblich noch mal wissen. Mit dem May-Deal drohe sein Land zum "Vasallenstaat" zu werden, kritisierte er.

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    foto: reuters/peter nicholls

    Penny Mordaunt: Die Brexit-Verfechterin

    Genauso wie Dominic Raab ist auch die Abgeordnete Penny Mordaunt (45) eine Brexiteer der ersten Stunde. In Mays Kabinett ist Mordaunt Entwicklungsministerin und Ministerin für Frauen und Gleichstellung. Sie zählt zu jenen Ministern, bezüglich der die Rücktrittsgerüchte Ende vergangener Woche besonders stark brodelten. Erst am Freitag bestätigte sie gemeinsam mit den Ministern Michael Gove, Andrea Leadsom, Liam Fox und Chris Grayling, dass sie bleiben werde. Auch der Brexit-Hardliner Jacob Rees-Mogg nannte sie als seine Favoritin als Premier. Mordaunt setzt sich dafür ein, dass die Abstimmung im Parlament ohne Parteizwang über die Bühne geht.

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    foto: apa/afp/tolga akmen

    Jeremy Hunt: Der gewendete Außenminister

    2016 trat Jeremy Hunt (52) noch gegen den Brexit ein, im Laufe der folgenden Monate hat er seine Meinung geändert. Hunt folgte im Juli 2018 Boris Johnson nach, der sein Amt des Außenministers bekanntlich hingeworfen hat. Zuvor war Hunt sechs Jahre Gesundheitsminister, davor schon zwei Jahre Minister für Sport und Gesundheit. Der Routinier gilt aufgrund seiner eigenen Exegese als einer, der den Drahtseilakt zwischen Remainers und Brexiteers schafft- und somit von beiden Seiten Zuspruch finden könnte. Doch auch er ist nicht unumstritten: Als Gesundheitsminister provozierte er etwa große Ärztestreiks. (Manuela Honsig-Erlenburg, Anna Sawerthal, 20.11.2018)


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