Indigene Frauen planen Sammelklage gegen Kanada

    20. November 2018, 11:00
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    Mindestens 60 Frauen wollen vor Gericht gehen, weil sie zwangsweise sterilisiert worden sein sollen

    Ottawa/Wien – Die Zwangssterilisation von indigenen Frauen ist nicht nur ein dunkles Kapitel der kanadischen Geschichte, sondern wurde offenbar noch mindestens bis ins Jahr 2017 durchgeführt. Mindestens 60 Frauen streben in der Provinz Saskatchewan nun eine Sammelklage gegen medizinisches Personal, die Gesundheitsbehörde, die Provinz Saskatchewan und die Regierung in Ottawa an. Jede von ihnen fordert rund 4,7 Millionen Euro Schmerzensgeld.

    "Während ihrer Geburtswehen wurden die Frauen angesprochen, belästigt und genötigt, um eine Einverständniserklärung zu unterzeichnen", sagt Alisa Lombard, die zuständige Anwältin der Klägerinnen, zu kanadischen Medien. Den Frauen soll gedroht worden sein, dass sie ihre Neugeborenen erst zu Gesicht bekommen würden, wenn sie sich die Eileiter durchtrennen lassen würden.

    "Schwere Menschenrechtsverletzung"

    Einige Fälle sollen bis zu 25 Jahre zurückliegen, der jüngste Fall soll erst im Vorjahr passiert sein. "Den Frauen wurde gesagt, dass der Eingriff reversibel ist", sagt Lombard. Doch habe er schwere Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen gehabt. Viele hätten unter Krampfanfällen und Depressionen gelitten: "Viele sind wegen des Leids und der Umstände nicht länger unter uns", sagt die Anwältin. Die zuständige Ministerin für indigene Angelegenheiten, Jane Philpott, nannte in einer Radioshow Zwangssterilisationen "eine schwere Menschenrechtsverletzung".

    Bereits im vergangenen Jahr war eine unabhängige Untersuchungskommission zu dem Schluss gekommen, dass sieben indigene Frauen zu einer Sterilisation gedrängt worden waren. Damals hatte sich die Gesundheitsbehörde der Stadt Saskatoon in der Provinz Saskatchewan entschuldigt. "Es tut mir wirklich leid, dass ihr zu einer Sterilisation gedrängt worden seid, während ihr euch in unserer Obhut befunden habt", sagte damals Jackie Mann, die Vizepräsidentin des Gesundheitsdienstes bei einer Pressekonferenz.

    Landesweite Untersuchung

    Senatorin Yvonne Boyer, die am damaligen Bericht beteiligt gewesen ist, fordert nun eine landesweite Untersuchung der Vorwürfe: "Es ist in Saskatoon passiert und auch in Regina und in Winnipeg. Es ist überall dort passiert, wo es einen hohen Anteil an indigenen Frauen in der Bevölkerung gibt", sagt Boyer vor Vertretern der Presse.

    Auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International wollen die indigenen Frauen unterstützen. So kündigte Amnesty International an, sich für ihre Sache beim Komitee der Vereinten Nationen gegen Folter einsetzen zu wollen. Dadurch soll der Druck auf die kanadische Regierung erhöht werden.

    In einem Blogeintrag spricht die Menschenrechtsorganisation von rund 1200 Fällen, die in den 1970er-Jahren publik geworden sind. Damals sollte durch die Zwangssterilisationen die indigene Bevölkerung dezimiert werden. Außerdem wurden von Amnesty International ähnliche Praktiken in Chile, Mexiko und vor allem in Peru dokumentiert. Dort wurden in den 1990er-Jahren tausende Frauen zu einer Sterilisation gedrängt. Erst 2014 hatte die Interamerikanische Menschenrechtskommission Bolivien dafür verurteilt, dass Frauen zwangssterilisiert worden waren.

    Im Mai hat Argentinien die Regierung in Ottawa aufgefordert, Beschwerden zu untersuchen. Kanada hatte im September eingewilligt, das zu tun. (bbl, 20.11.2018)

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