Populisten und die Hoffnung auf das Desaströse

    Kommentar der anderen16. November 2018, 15:11
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    Linksland wirkt verlassen. Dem Begriff Solidarität wurde ein Image umgehängt, schlimmer als die Beulenpest. Rechtsland hingegen hat starken Zulauf. Platz da! Heißt es

    Die Spießer greifen nach der Hegemonie, das Recht der Stärkeren wird wieder wichtig, also fühlen viele sich ermuntert, Teil der Stärkeren zu werden, um dann, wenn es hart auf hart geht, auf der richtigen, das heißt der rechten, Seite zu stehen. Erbärmlich die Kurzsichtigkeit dieses Vorgehens. Alle Einzelnen gegen alle anderen, und der gemeinsame Spaß geht verloren. Global und lokal. Für wen bleibt da noch Profit, jetzt mal abgesehen vom Geld? Immer mehr Leute haben prekäre Jobs mit schlechter sozialer Absicherung. Die Emissionen einer Politik, die von Tante Merkel treffend als marktkonforme Demokratie bezeichnet wurde, haben zu Verunsicherung und einer Stimmung von Gefährdetheit geführt. Reaktionäre Politik folgt sogleich.

    Dazwischen wuchert der Stress, der dem Einzelnen angesichts derartiger Raubtiermanieren entsteht. Und auch der Staat leidet schon an Burnout. Um dieses Übel zu therapieren, wurde eine Menge deutschnationaler Burschenschafter ins Parlament gewählt. Ein Weltbild wie ein Flakturm. Keine Chance. Warum stützt die Hoffnung sich aufs Desaströse?

    Das Bedürfnis nach Fertigem

    Anscheinend gibt es ein tiefsitzendes Bedürfnis nach dem Fertigen, dem Abgeschlossenen, nach einer Situation, in der irgendwann mal Schluss ist mit diesem ständigen Sich-Ändern. Und endlich mal alles so bleibt, wie es ist. Der Ruf nach dem starken Mann, die Wahl von Parteien, die von der totalen Sicherheit quatschen, die Renaissance von Tracht und Heimatliebe etc. sind Ausdruck dieser Sehnsucht.

    Die Hälfte unserer Existenz findet im Internet statt, und die andere Hälfte ist verwirrend und unübersichtlich. Der Wahlerfolg des Biedersinns verdankt sich nicht nur der künstlich erzeugten Paranoia vor Was-weiß-ich-nicht-allem, sondern auch der prinzipiellen Angst vor Veränderung, der Verunsichertheit angesichts rasanter Digitalisierung, dem Abbröckeln des Sockels des Denkmals des Mannsbildes, dem demografischen Wandel, dem Klimawandel (der bezeichnenderweise von zahlreichen Rechtsaußenleuten geleugnet wird) oder dem simplen, im Detail aber komplexen Faktum, dass die Welt sich ständig ändert.

    Institutionalisierte Raunzerei

    Die Populisten aus Rechtsland reden der Wählerschaft Ängste ein, Ängste, aufgrund derer sie dann gewählt werden. Leicht durchschaubar. Funktioniert aber. Was mag der Grund sein für eine derart selbstbeschädigende Vorgangsweise der Wählerschaft? Aufrechterhaltung der eigenen Unzufriedenheit durch Fatalismus? Braucht die institutionalisierte Raunzerei neues Futter?

    Linksland wirkt verlassen. Dem Begriff Solidarität wurde ein Image umgehängt, schlimmer als die Beulenpest. Rechtsland hingegen hat starken Zulauf. Platz da! Heißt es. Wir brauchen Platz! Für uns. Heißt es. Weil mia san mia. Und je mehr mia mia san, desto weniger Platz haben wir für sonst wen. Als ob die Welt ein Swimmingpool wäre. Ist sie aber nicht. Vielmehr ist sie ein Ozean.

    Die große Gefahr besteht darin, die eigene Wirklichkeit zu verabsolutieren, sie zu verallgemeinern und nicht zu akzeptieren, dass es unglaublich viele unterschiedliche Wirklichkeiten gibt. Diese verengte Denkungsart wird in Österreich als Hausverstand bezeichnet. Dieser Begriff ist die Manifestation der Angst vor dem Verlust aller zusammengeschnorrten Häuser und Vorurteile. Wie verwundert wäre der Hausverstand, wenn er in die weite Welt hinausgeschickt und merken würde, welch kleinkariertes Würstchen er doch ist.

    Kollateralschäden

    In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, welch flächendeckende Kollateralschäden vom täglichen Fernsehprogramm in der mentalen Infrastruktur der Bevölkerung angerichtet werden. Die typisch austriakische, mit Kitsch, reduzierter Perspektive (westlich only), Boulevardismus, Patriotismus und Sensationsgier (je schlimmer, desto besser) aufgeladene Mentalität, sie steckt drin im adretten Nachrichtensprecher wie die Zigarette in der Packung, und wehe, sie wird ausgepackt und angezündet. Der Warnhinweis auf dieser Packung könnte lauten: Diese Mentalität kann ihren Verstand gefährden.

    Eine Historikerkommission zur Untersuchung antisemitischer Umtriebe bei den Rechtsäußersten, die nur aus Mitgliedern derselben besteht, das ist ungefähr so, als ob einem Hund der Auftrag erteilt werden würde, seine eigenen Hundsbemmerln zu untersuchen und uns über deren kritische Aspekte zu informieren. Wie augenauswischerisch! Erinnert frappant an die Pfaffen, die uns früher mit ihrem salbungsvollen Getue und ihren pathetischen und paternalisierenden Sprüchen einreden wollten, dass sie uns von allen Lastern erlösen würden, und dabei waren sie doch selbst die ärgsten Sie-wissen-schon.

    Heuchler-Kooperative

    Die vereinigte Kooperative der freundlichen Heuchler lässt grüßen. Als der Chef der FPÖ sich mit einem Kreuz in der Hand präsentierte, wies er (neben der damit verbundenen Behauptung eines religiös lackierten Kulturkampfes Abendland versus Morgenland) mit dieser Geste durchaus auch darauf hin, dass viele, die aus der Kirche ausgetreten waren, weil sie sich dort unsinnig und altmodisch fühlten, ein Bedürfnis nach Autorität auf einer anderen Ebene hatten.

    Eins so daneben wie das andere. Heinrich von Kleist schreibt über Religion in seinem Essay "Kunst und Weltbetrachtung": "In uns flammt eine Vorschrift – und die muss göttlich sein, weil sie ewig und allgemein ist. Sie heißt: Erfülle deine Pflicht. Dieser Satz enthält die Lehren aller Religionen. Alle diese religiösen Gebräuche sind nichts als menschliche Vorschriften."

    Kreuz und Flagge

    Längst entsorgt geglaubte Symbole wie Kreuz und Flagge werden heutzutage wieder fett ins Bild gerückt. Siehe die aktuelle österreichische Regierungsspitze, die, wie einst irgendwelche verrückt gewordenen Imperatoren, vor einer Wand aus Flaggen vor die Öffentlichkeit tritt. Flaggen sind Symbole für Revierverteidigung und den dazugehörigen Chauvinismus. Nichts Gutes kommt von denen, die sich zu den Fahnen stellen. (Markus Binder, 16.11.2018)

    Markus Binder ist Schlagzeuger der Band Attwenger. 2017 veröffentlichte er im Verbrecherverlag den Splitterroman "Teilzeitrevue". Der Text ist ein gekürzter Essay aus dem Sammelband "Zu Ende gedacht. Österreich nach Türkis-Blau", herausgegeben von Nikolaus Dimmel und Tom Schmid. Soeben erschienen im Mandelbaum-Verlag.

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    • Linksland wirkt verlassen. Rechtsland hingegen hat starken Zulauf.
      cartoon: michael murschetz

      Linksland wirkt verlassen. Rechtsland hingegen hat starken Zulauf.

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