Wenn Kinder eine andere politische Richtung einschlagen

    18. November 2018, 11:00
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    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – meistens. Aber was, wenn Kinder anders wählen als man selbst?

    Frage:

    "Ich habe gerade im erweiterten Freundeskreis erlebt, dass Kinder eine ganz andere politische Richtung einschlagen als ihre Eltern. Einmal sind es Eltern, die SPÖ wählen, und ein Kind, das zur ÖVP tendiert, und einmal Eltern, die SPÖ wählen, und ein Kind, das FPÖ wählt, wie die Freundin. Ich weiß auch von einer Familie, die FPÖ wählt und das Kind nicht.

    Nicht immer machen Kinder das, was man ihnen vorlebt.

    Es gibt sicher die unterschiedlichsten Kombinationen, und die Eltern wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Wie soll man sich verhalten?"

    Antwort von Katharina Weiner:

    Die erste Überlegung dazu ist: Stört es mich, wenn mein Kind anderer Meinung ist als ich? Und wenn ja, warum? Es ist immer der richtige Zeitpunkt, sich für die Gefühls- und Gedankenwelt meines Kindes zu interessieren, egal welchen Alters. Auch Eltern dürfen sich mit einer eigenen Meinung, Bedenken, Sorgen und Ängsten zeigen, ohne diese auf das Kind zu projizieren, um beispielsweise ein entsprechendes Verhalten zu erwirken.

    Obwohl wir von Beginn an unsere Werte, unsere Haltung und Überzeugungen vermitteln, nehmen zusätzlich äußere Einflüsse wie Medien, Peers und andere soziale Kontakte Einfluss auf die Meinungsentwicklung, insbesondere bei jungen Erwachsenen.

    Gerade deshalb braucht es grundsätzlich die Bereitschaft und Einladung zum Dialog mit einem "Ich interessiere mich für Dich – ohne Wenn und Aber" sowie der Haltung, dass ich kein Mini-Me heranziehe, sondern einen eigenständigen Menschen bestmöglich im Prozess des Heranwachsens begleite.

    Was bei Uneinigkeit leider oft zu schnell geschieht, ist ein voreiliges Werten oder auch gut gemeinte Ratschläge. So nehmen wir dem Gegenüber die Gelegenheit, eigene Erfahrungen zu machen, auch Fehler, und die damit verbundene wichtige Auseinandersetzung mit sich selbst.

    Im schlimmsten Fall endet dies in einer bösen Überraschung, nämlich einer gegenseitigen Entfremdung zwischen Kindern und Eltern. Ob es das wert ist? Oder doch lieber interessiert und ehrlich miteinander sprechen? (Katharina Weiner, 18.11.2018)

    foto: sven gilmore
    Katharina Weiner ist Familienberaterin, Coach und arbeitet als Trainerin in der Elternbildung. Die Mutter einer Tochter leitet das Jesper-Juul-Familylab in Österreich.

    Antwort von Hans-Otto Thomashoff:

    Zuerst einmal ist es völlig in Ordnung, wenn Kinder sich eine andere politische Meinung bilden als ihre Eltern. Schließlich leben wir in einer Demokratie mit freier Willensbildung. Und doch hat eine solche Entwicklung oft nicht nur rationale, sondern auch psychologische Hintergründe wie die pubertäre Suche nach der eigenen Identität durch Loslösung von den Eltern, verstärkt durch Einflüsse Gleichaltriger.

    Wenn die Meinungen jedoch so richtig vehement auseinandergehen, dann ist dafür oft ein Phänomen verantwortlich, das sich aus der Arbeitsweise unseres menschlichen Gehirns erklärt. Genauer gesagt daraus, wie es lernt: Es lernt nämlich vor allem aus der erlebten Erfahrung. Das heißt, unsere Kinder lernen das, was wir ihnen als Eltern vorleben. Wohlgemerkt, was wir ihnen vorleben und nicht, was wir ihnen vorbeten. Und dann machen unsere Kinder es nach. Entweder kopieren sie unsere Eigenschaften und Marotten, oder aber sie machen das genaue Gegenteil. Je nachdem, ob ihr Gefühl das Vorgelebte als passend oder als unpassend einordnet. Das geschieht unbewusst und unwillkürlich, eben vom Gefühl her und deshalb pauschal.

    Und genau da schließt sich der Kreis. Wenn unsere Kinder den ihnen von uns vorgelebten Lebensentwurf als unbrauchbar bewerten, werden sie auch unsere politischen Ansichten als unbrauchbar empfinden. Wir sollten uns also angesichts verstörender politischer Einstellungen unserer Kinder fragen, ob wir ihnen wirklich glaubhaft vorleben, dass wir uns im eigenen Lebensentwurf wohlfühlen, dass uns unsere Beziehungsgestaltung, unser Beruf, unser soziales Umfeld glücklich machen, dass wir ehrlich sind zu uns selbst und authentisch gegenüber anderen. Gefragt ist also der berühmte ehrliche Blick in den Spiegel. (Hans-Otto Thomashoff, 18.11.2018)

    foto: alexandra diemand
    Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).

    Antwort von Conrad Seidl:

    Es sollte einen nicht verwundern, dass Kinder gegen die Einstellungen der Elterngeneration rebellieren – die Literatur ist ja voll von Beispielen davon. Und wenn es bei den eigenen Kindern so passiert, hat man dennoch ein mulmiges Gefühl: Habe ich meine Überzeugungen zu wenig erklärt? Oder: Muss ich vielleicht meine Überzeugungen selbst auf den Prüfstand stellen?

    Nicht unbedingt: Denn meine zentrale Überzeugung ist, dass sich jeder seine eigene politische Meinung bilden soll – aufgrund von umfassender Information. Und das haben meine beiden Kinder durchaus geleistet. Obwohl sie meist anders wählen als ich.

    Zudem gibt es ja auch durchaus erfreuliche Momente im emotionalen Zugang. Ich erinnere mich an eine Reise nach Luxemburg, meine Tochter war damals gerade drei Jahre alt und Österreich war noch nicht Mitglied der damaligen EG. Luxemburg aber war voll von Europaflaggen (und, noch ungewohnt: auf allen Autokennzeichen war das Europasymbol). Meine kleine Tochter war begeistert! Alle paar Minuten rief sie erfreut: "Ich sehe Europa!"

    Ich bin noch heute gerührt, wenn ich daran denke.

    Und ich freue mich auch daran, wenn mein Sohn bis heute mit Respekt von Wolfgang Schüssel spricht: "Das war der Bundeskanzler meiner Kindheit." Was ja nicht heißt, dass mein Sohn unbedingt ÖVP wählen würde.

    Meine Frau (die stets etwas weiter links ausgerichtet ist als ich) und ich diskutieren vor und nach Wahlen viel über Wahlentscheidungen beziehungsweise Wahlergebnisse, wenn uns die inzwischen erwachsenen Kinder besuchen. Wir stimmen meist in den Problemanalysen überein, selten in den Problemlösungs-Programmen.

    In die Haare geraten wir einander dabei nie (nicht nur, weil ich eine Glatze habe), denn wir haben als Eltern vorgelebt, wie man mit unterschiedlichen Meinungen und Einstellungen sehr gut zusammenleben kann – und wenn diese Kultur an die Kinder weitergeben wurde, ist das Erziehungsziel erreicht.

    foto: standard/matthias cremer
    Conrad Seidl ist innenpolitischer Redakteur bei DER STANDARD und seit 1983 als Tageszeitungsjournalist tätig. Buchveröffentlichungen zu den Themen Landesverteidigung, Marketing, Kulturgeschichte und Brauwesen. Seine Arbeiten wurden unter anderem mit dem Staatspreis für Verdienste um die Geistige Landesverteidigung, dem Hans-Kudlich-Preis und dem Leopold-Kunschak-Presseförderungspreis ausgezeichnet.
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