Proteste nach Prozess um Vergewaltigung in Irland: Ein Tanga ist kein Ja

    15. November 2018, 09:47
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    Bei einem Vergewaltigungsprozess wurde die Unterwäsche der betroffenen jungen Frau zum Thema gemacht – die Aktion #ThisIsNotConsent hält online und offline dagegen

    Dublin – Die Verteidigerin richtete sich an die Jury und bat diese, in ihrer Entscheidung zu berücksichtigen, was das mutmaßliche Opfer trug: einen Tanga. Vor Gericht stand zwar ein 27-jähriger Mann, dem Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Mit dieser Szene wurde die Frage der Schuld allerdings in Richtung des 17-jährigen mutmaßlichen Opfers gelenkt.

    Wie bei so vielen Prozessen wegen sexueller Gewalt gegen Frauen war eine der zentralen Fragen, ob es einvernehmlicher Sex war oder nicht. Für die Verteidigerin Elizabeth O'Connell beantwortet sich dies offenbar durch die Unterwäsche des Mädchens. Vorige Woche wurde der mutmaßliche Täter freigesprochen, der im Prozess von einvernehmlichem Sex sprach und in dem dessen Verteidigerin den Tanga des Mädchens als gewichtigen Grund für einen Freispruch anführte. "Sie müssen sich ansehen, wie sie gekleidet war, sie trug einen Tanga", so O’Connell zu Jury. Auch soll die Unterwäsche, die die 17-Jährige an dem betreffenden Abend getragen hat, bei der Verhandlung hergezeigt worden sein.

    Tanga im Parlament

    Inzwischen ist der Protest gegen diese Vorgehensweise bei Gericht bis ins irische Parlament vorgedrungen. Die Abgeordnete Ruth Coppinger (Solidarity – People Before Profit) wedelte am Dienstag im Parlament mit Unterwäsche. "Es mag empörend sein, einen Tanga im Parlament herzuzeigen", sagte Coppinger, aber man solle sich vorstellen, wie es sich für Opfer von sexueller Gewalt anfühlt, wenn Unterwäsche mutmaßlicher Opfer in einem Gericht vorgezeigt wird. "Die 17-Jährige wurde wegen der Wahl ihrer Unterwäsche auf die Anklagebank gesetzt", kritisierte Coppinger. Das Parlament müsse dringend gegen die Beschuldigung von Opfern vorgehen.

    videoparliament ireland

    Davor kritisierten Gewaltschutzeinrichtungen dieses eindrückliche Beispiel von Victim-Blaming vor Gericht und forderten klarere Richtlinien für Verhandlungen, um Vergewaltigungsmythen vorzubeugen. Und auch auf Twitter formierte sich Protest. Mit dem Hashtag #ThisIsNotContent und #IBelieveHer posten Userinnen ihre Unterwäsche.

    Auch auf den Straßen wurde gegen die Täter-Opfer-Umkehr protestiert. In Cork, wo der Prozess stattfand, legten DemonstrantInnen Unterwäsche auf die Stufen des Gerichtsgebäudes. Auch in Dublin gab es Proteste. Gefordert wurde eine Reform der Rechtslage sowie besseres Training für AnwältInnen. VerteidigerInnen sollten mutmaßlichen Opfern nicht mehr die Schuld für sexuelle Gewalt zu geben.

    Die Proteste, bei denen – offline wie online – etwa "Mein Tanga ist kein Ja" oder "Ja heißt Ja, und Nein heißt Nein" skandiert wird, erinnern an die Slutwalks, die 2011 von Toronto ausgingen und in den Folgejahren in zahllosen Städten der Welt abgehalten wurden. Auslöser für diese globalen Proteste war die Aussage eines Polizeibeamten, der bei einer Veranstaltung über Prävention von Gewaltverbrechen an einer Uni gesagt hatte, Frauen sollten es vermeiden, sich wie "Schlampen anzuziehen, um nicht Opfer zu werden". Daraus entstand eine jahrelang anhaltende Protestbewegung, bei der sich Frauen mit Opfern von sexueller Gewalt solidarisierten, indem sie oben ohne oder in BHs auf den Straßen protestierten, unter anderem unter dem Motto "My little dress does not mean yes". (beaha, 15.11.2018)

    • Protest gegen die Täter-Opfer-Umkehr formiert sich schon seit 2011 regelmäßig.
      foto: reuters/amir cohen

      Protest gegen die Täter-Opfer-Umkehr formiert sich schon seit 2011 regelmäßig.

    • Slut-Walk in München dieses Jahr im Sommer.
      foto: imago/zuma/alexander pohl

      Slut-Walk in München dieses Jahr im Sommer.

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