Sündensteuer gegen Völlerei

    15. November 2018, 12:00
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    Eine Studie aus Oxford zeigt, dass Fleisch viel teurer werden müsste, um die Folgekosten für die Gesundheitssysteme auszugleichen

    Speck, Würstel und Schinken wären weltweit auf einen Schlag doppelt so teuer, wenn die Folgekosten des Konsums für das Gesundheitssystem einberechnet würden. Das besagt zumindest eine neue Studie aus Oxford. Die Idee, gesundheitsschädliche Produkte höher zu besteuern, ist nicht neu. Nun ist das Thema nach Alkohol, Tabak und Zucker bei Fleisch angekommen.

    Ein Team an Wissenschaftern unter der Leitung von Marco Springmann vom "Oxford Martin Programme on the Future of Food" hat im Fachjournal Plos One Berechnungen für 149 Staaten veröffentlicht, wie die Preise für rotes und verarbeitetes Fleisch unter diesen Betrachtungen erhöht werden müssten. "Bei dem Ansatz der 'optimalen Besteuerung' müsste verarbeitetes Fleisch in Ländern mit hohem Einkommen etwa doppelt so teuer und rotes Fleisch um etwa 20 Prozent teurer sein", sagt Springmann dem STANDARD.

    Regionale Unterschiede ergeben sich, weil in Ländern mit hohem Einkommen – wie etwa Österreich – circa doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt konsumiert und auch mehr Geld für die Behandlung der damit verbundenen chronischen Krankheiten ausgegeben wird. Immer mehr Studien zeigen, wie Umwelt, Klima und Gesundheit durch Produktion und Konsum von rotem Fleisch geschädigt werden. Einige Experten glauben daher, dass langfristig diese "Sündensteuer" notwendig wird.

    Fleischkonsum zu hoch

    Der übermäßige Fleischverzehr wird mit einer Reihe chronischer Krankheiten in Verbindung gebracht, darunter koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes oder Darmkrebs. Das Thema kochte bereits vor drei Jahren hoch, als die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) den regelmäßigen und übermäßigen Konsum von verarbeitetem Fleisch als "krebserregend" einstufte.

    22 Experten werteten mehr als 800 Studien über die Verbindung von Fleischkonsum und dem Risiko für unterschiedliche Krebsarten aus. Die Behörde kam zu dem Schluss, dass das Risiko für Darmkrebs schon bei 50 Gramm verarbeitetem Fleisch pro Tag um 18 Prozent steigt. Unverarbeitetes Fleisch wie Steak oder Kotelett beurteilte die WHO als "wahrscheinlich krebserregend".

    Das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) rät zu maximal zwei Portionen Fleisch pro Woche. Verarbeitete Fleischprodukte sollten – wenn überhaupt – nur einmal wöchentlich konsumiert werden, und dann höchstens 50 Gramm.

    Demnach essen die Österreicher im Schnitt zu viel Fleisch. Laut Statistik Austria sind es etwa 65 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Gleichzeitig sind laut Ernährungsbericht von Ende 2017, für den mehr als 2.000 Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren herangezogen wurden, 41 Prozent übergewichtig. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Als Ursache gilt neben zu viel Zucker der übermäßige Konsum von Fleisch.

    Springmann errechnete für den STANDARD Gesundheitssteuern auf rotes Fleisch für Österreich, um die damit verbundenen Belastungen im Gesundheitssystem auszugleichen: Die "optimalen Steuersätze" würden 167 Prozent auf verarbeitetes Fleisch und 31 Prozent auf nicht verarbeitetes rotes Fleisch betragen. Dies würde laut Springmann den Verbrauch, insbesondere von verarbeitetem Fleisch, um mehr als ein Drittel verringern. Dadurch könnte die Zahl der Todesfälle durch rotes und durch verarbeitetes Fleisch in Österreich um rund 2800 Fälle und die Gesundheitskosten um rund 580 Millionen Euro reduziert werden.

    Teurere persönliche Freiheit

    Dass das Thema auf Widerstand stößt, ist Springmann klar. "Niemand möchte, dass die Regierungen den Menschen sagen, was sie essen dürfen und was nicht", betont er. Allerdings bliebe durch die Erhebung einer Gesundheitsabgabe auf rotes und verarbeitetes Fleisch die Wahl für die Verbraucher erhalten. Es werde jedoch klargestellt, dass der Konsum "nicht nur Auswirkungen auf die persönliche Gesundheit hat, sondern auch Kosten für die Gesellschaft und Umwelt mit sich bringt", sagt Springmann.

    Die in der Oxford-Studie vorgeschlagenen Steuern würden zu einer Verringerung des weltweiten Verzehrs von verarbeitetem Fleisch um 16 Prozent führen, schätzten die Autoren. Als Nebeneffekt würden die Treibhausgasemissionen von Nutztieren um 110 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt. Und weltweit könnten jährlich 220.000 Todesfälle verhindert werden. (Julia Schilly, 15.11.2018)

    • Fleischessen ist nicht nur Privatsache, sondern bringt auch Kosten für Umwelt und Gesellschaft mit sich: Forscher berechneten diese nun.
      foto: foto: imago / westend61 / roman märzinger

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