"La clemenza di Tito": Unter Gespenstern und Marionetten

    13. November 2018, 17:32
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    Eine überraschende Neuinszenierung von Mozarts "Tito" ist arco Štorman am Klagenfurter Stadttheater geglückt

    Marco Štormans Neuinszenierungen verdienen ebendiese Bezeichnung ganz besonders: Seine Arbeiten sind sich der Deutungsgeschichte bewusst und sind doch überraschend wie diese Klagenfurter Version von Mozarts La clemenza di Tito. Dem Kaiser nimmt Štorman seine Güte nicht ab, der Tod geht als Titos Schatten um.

    Die Atmosphäre ist unglücksschwanger: Wie Marionetten erheben sich die Untertanen zum pflichtgemäßen Kaiserlob. Die Uhr jedoch steht; in der Küche sieht es aus wie nach einem Erdbeben. Ein und aus geht man durch die Tür der
    Tiefkühltruhe, Entlüftungsschläuche überall. Trotzdem riechen die Leichen, die Verschwundenen geistern herum.

    Tief ergreifend

    Es gibt keinen Schutz vor der Vergangenheit mehr: Wenn der Sohn des Christenverfolgers Vespasian am Ende wirklich, wie Sueton berichtet, seinen Tod als Ungerechtigkeit beklagt hat, wenn er sich wie bei Štorman mit einem Heiligenschein huldigen lässt, da er doch keine Schuld auf sich geladen habe, muss er einiges verdrängt haben. Wie im Forum Romanum am Titus-Bogen ablesbar, waren es seine Gemetzel in Judäa, die 70 n. Chr. zur Flucht der Juden in alle Welt geführt haben. Seine spätere Weichherzigkeit war, wie diese Inszenierung nahelegt, vor allem politisches Kalkül.

    Als Tito hat es Attilio Glaser nicht einfach, er deutet aber die Vordergründigkeit seines Machtspiels an und lässt seinen Tenor strahlen. Sonor Nicholas Crawley (als Publio), glanzvoll Anaïk Morel und Feride Büyükdenktas (als Sesto und Annio). Im Schlussteil des ersten Akts besteht Štormans Regie die Bewährungsprobe glanzvoll: Atmosphärisch gespenstischer unterstützt kann man sich die psychologische Abgründigkeit dieser Szene nicht denken.

    Sofia Soloviy absolviert die Partie der ehrgeizigen Vitellia hervorragend, Bryony Dwyer, die Servilia, ist tief ergreifend. Zudem: Nicholas Carter lässt mit dem hochmotivierten Orchester alle kompositorischen Edelsteine funkeln. (Michael Cerha, 13.11.2018)

    • Die Vordergründigkeit von Titos Machtspiel deutet Attilo Glaser an. Dabei lässt er auch seinen Tenor strahlen.
      foto: karlheinz fessl

      Die Vordergründigkeit von Titos Machtspiel deutet Attilo Glaser an. Dabei lässt er auch seinen Tenor strahlen.

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