Statt Waffenstillstand wieder Kriegsgefahr in Nahost

    Video13. November 2018, 21:57
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    Mehr als 100 Raketen fing Israels Schutzschild bis Dienstag ab – längst nicht alle, die aus Gaza abgefeuert wurden. Auf beiden Seiten gibt es Tote – und wachsenden Ärger

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    Die erneute Gewaltspirale war vom Einsatz israelischer
    Spezialkräfte im Gazastreifen ausgelöst worden.

    Tel Aviv / Gaza – Nach den schwersten Kämpfen im Gazastreifen seit dem Gaza-Krieg 2014 verkündeten am Dienstagabend Palästinensergruppen eine einseitige Feuerpause mit Israel.

    Zuvor hatte der Anfüher der Hamas, Ismail Haniyeh, gesagt, eine Waffenruhe sei möglich – Israel müsse aber die Angriffe stoppen. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hatte dem Militär den Befehl gegeben, die Angriffe solange aufrecht zuhalten "wie nötig". Damit meinte er implizit, dass sie wiederum von den Angriffen von palästinensischer Seite abhängig sind. Die US-Regierung hat die Angriff aus Gaza auf Israel am Dienstag Abend (MEZ) verurteilt. Auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat den Beschuss verurteilt.

    Die Sorge vor einem neuen Krieg war nach Ausbruch der Kämpfe stark gewachsen. Militante Palästinenser haben laut israelischen Armeeangaben seit Montag rund 400 Raketen und Granaten aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Es handle sich um die intensivsten Angriffe seit dem Gaza-Krieg 2014, sagte Armeesprecher Jonathan Conricus am Dienstag.

    Das Abwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) habe mehr als 100 Geschoße abgefangen. Die Lage eskaliert wieder, nachdem der Einsatz einer israelischen Spezialeinheit im Gazastreifen am Sonntag fehlgeschlagen war. Dabei waren sieben militante Palästinenser und ein israelischer Offizier getötet worden.

    foto: reuters/ amir cohen
    Das Abwehrsystem Iron Dome über der Stadt Ashkelon.

    Was eine Rakete aus Gaza anrichtet, wenn sie es schafft, den israelischen Abfangschirm zu durchdringen, zeigt sich am Dienstagvormittag in der Jabotinsky-Straße in Aschkelon, rund 60 Kilometer südlich von Tel Aviv. Das oberste Eck des dreistöckigen Gebäudes ist eingerissen, Kabel hängen lose heraus. Wo die Fassade noch steht, ist sie schwarz und verkohlt, die Fensterscheiben sind zersprungen. Und drinnen: nichts als Verwüstung. Schutt, zerbrochenes Glas, dazwischen Kinderschuhe, Haarbürsten, Fotos, eine Fernbedienung, ein Kartenspiel.

    Zerstörung

    Das Zuhause von zwölf Familien ist zerstört. 30 Menschen waren zum Zeitpunkt des Raketenalarms in dem Wohnhaus. Ein Mann, der im obersten Stockwerk wohnte – ein Palästinenser, der in Israel arbeitete – überlebte den Angriff nicht. Eine Frau wurde schwer verletzt, berichtet Polizeisprecher Micky Rosenfeld.

    Einige Nachbarn sind gekommen, um sich die Zerstörung von außen anzusehen: "In meiner Jugend hatte ich eine Freundin, die in diesem Gebäude gewohnt hat", erzählt der 65-jährige Daniel Edri. "Da oben", sagt er und zeigt auf die halb abgerissene Häuserfront. Der Einschlag, hundert Meter von seinem eigenen Haus, macht ihn wütend: "Der Staat muss endlich aufwachen", sagt er. Auch für einen Einmarsch in Gaza wäre er, wenn man so die Hamas zerstört.

    Tote auch in Gaza

    Edri ist einer von rund 500.000 Israelis, die nahe dem Gazastreifen leben und vom jüngsten Dauerbeschuss betroffen sind. Knapp 400 Raketen wurden zwischen Montag- und Dienstagnachmittag von Gaza aus auf Israel abgefeuert – die heftigsten Angriffe, die der Süden seit langem erlebt hat. Zahlreiche Geschoße landeten auf offenem Feld. Mehr als 60 hat der Abfangschirm, der Iron Dome, noch in der Luft abgefangen. In Aschkelon, in Ofakim und in Sderot aber schlugen welche ein. Rund 70 Israelis wurden nach Polizeiangaben bis Dienstagabend verletzt, zwei davon schwer.

    foto: mahmud hams / afp
    Das Gebäude des Hetzsenders Al-Aqsa-TV, der von der Hamas betrieben wird, liegt nach einem israelischen Angriff in Trümmern.

    Israel reagierte umgehend, die Armee griff mehr als 150 Ziele an. Unter ihnen waren die Zentrale eines Hamas-TV-Senders und ein Geheimdienstgebäude in Gaza. Sechs Palästinenser wurden bis Dienstag dabei getötet, heißt es. Die Armee warnte, sie werde die Angriffe verstärken und vielleicht auch Reservisten einberufen.

    Fehlgeschlagene Aktion

    Dabei schien es gerade so, als rücke ein langfristiger Waffenstillstand endlich nahe: Noch am Sonntag versicherte Premier Benjamin Netanjahu in Paris: "Ich tue alles, was ich kann, um einen unnötigen Krieg zu vermeiden." Doch dann ging Sonntagabend eine Geheimdienstoperation der israelischen Armee schief: Eine Spezialeinheit, die undercover in Khan Junis im Gazastreifen unterwegs war, geriet in eine Schießerei mit Hamas-Kämpfern. Sieben Palästinenser sowie ein israelischer Soldat starben.

    Die Hamas sieht ihren Raketenbeschuss als Reaktion auf diesen Vorfall, für Israel ist sie hingegen der Aggressor. Verhandlungen über eine langfristige Waffenruhe scheinen nun wieder in die Ferne gerückt. Nicht einmal eine Waffenpause von Dienstagnachmittag hielt: Minuten nach ihrer Bekanntgabe heulten im Süden Israels schon wieder die Warnsirenen. Laut Berichten hat Israel sogar den Kontakt zu Ägypten und zum UN-Sondergesandten Nikolaj Mladenow eingestellt – beide hatten bis dato versucht, einen Waffenstillstand zu vermitteln.

    Die Leidtragenden sind die Bürger auf beiden Seiten: in Gaza, wo es weder Iron Dome noch Schutzbunker gibt und wo Israels Armee nur kurz vor ihren Angriffen die Menschen warnt. Und in Israel, wo auch nicht alle Wohnungen Schutzräume haben. So ist es auch in jenem Stadtteil von Aschkelon, wo Montag die Rakete einschlug. Hier bleiben den Menschen 30 Sekunden, um in den Bunker zu laufen. Zu wenig Zeit für Senioren, für Kinder und all jene, die zum Beispiel im dritten Stock wohnen oder schon schlafen.

    Die Menschen hier leben unter einfachen Bedingungen. Viele von ihnen fühlen sich nach Jahren des Konflikts im Stich gelassen. "Nun kommen wieder die Politiker und beteuern, dass sie an uns denken", beschwert sich einer der Nachbarn lautstark. Dann würden sie wieder gehen. "Es ändert sich nichts." (REPORTAGE: Lissy Kaufmann aus Aschkelon, 13.11.2018)

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