Carlsen verpasst bei Schach-WM Sieg in erster Partie

    Video10. November 2018, 00:24
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    Weltmeister Carlsen übt in der ersten WM-Partie mit Schwarz heftigen Druck aus und versäumt mehrere Gewinnchancen. Herausforderer Caruana rettet sich nach Zeitnot und 115 Zügen ins Remis.

    London – Am Anfang dieser WM steht ein ungeschickter Hollywood-Star. Schachfan Woody Harrelson hat sich blau bemützt und unerkannt in das viktorianisch anmutende ehemalige Kunstcollege in Holborn geschlichen, um symbolisch Fabiano Caruanas ersten Zug auszuführen. Der flüstert Harrelson etwas zu, worauf der Schauspieler ins Brett greift und – erst einmal den weißen König seines Landsmannes ausknockt! Nicht unbedingt das Omen, das der Herausforderer sich für seine erste Weißpartie gegen den Weltmeister gewünscht haben dürfte. Dann greift Tollpatsch Harrelson auch noch zum Damen- statt dem von Caruana favorisierten Königsbauern, aber nach etwas Hin und Her steht endlich der erste echte Zug der WM auf dem Brett: 1. e4.

    Carlsens Asymmetrien

    Wer Carlsen kennt – und das tut Caruana natürlich –, der erwartet jetzt den symmetrischen Doppelschritt des schwarzen Königsbauern. Aber Carlsen hat heute keine Lust auf Symmetrie. Er hat Lust auf die Sizilianische Verteidigung. Sein Vorvorgänger auf dem Thron, Garri Kasparow, war der unangefochtene Champion dieser aggressiven schwarzen Antwort, mit der der Russe zahllose spektakuläre Angriffspartien gewann. Dass Carlsen an diesem ersten Tag so spielt, darf als Ansage verstanden werden: kein Abtasten, kein Spiel auf Ausgleich. Der Weltmeister will schon in Partie eins klären, wer Chef im Ring ist.

    Caruana versucht es mit kontrollierter Offensive. Statt der scharfen offenen Hauptlinien entscheidet der Herausforderer sich für die positionelle Rossolimo-Variante, eingeleitet durch 3. Lb5. Denkt er in diesem Moment womöglich daran, dass Namenspatron Nicolas Rossolimo, ein Schach spielender Lebensküstler, der sich zeitweise als Taxifahrer und Hotalpage über Wasser hielt, in den 1950er-Jahren just jenes legendäre "Chess Studio" im Greenwich Village gründete, in dem Fabiano Caruana Jahrzehnte später seine ersten Lektionen erhalten sollte?

    Wahrscheinlicher ist, dass historische Feinheiten dieser Sorte beiden Spielern in diesem Moment völlig egal sind. Carlsen spielt schnell und selbstbewusst, er parkt anstatt zu rochieren ein Pferd auf f8 und stößt dann mit h6 und g5 seine Königsflügelbauern in Richtung Caruanas König vor. So rasch wie Woody Harrelson wird er den weißen Monarchen nicht straucheln lassen, aber die schwarzfeldrige Kontrolle, die der Weltmeister gekonnt aufzieht, könnte ein erster Schritt zum Königsmord sein.

    Königsflucht in Zeitnot

    Und Caruana hat neben Carlsens aktiven Figuren bald noch ein weiteres, kontinuierlich wachsendes Problem: Er driftet Zug für Zug in Richtung horrender Zeitnot. Ist es seine Unerfahrenheit im Endspiel um die Weltmeisterschaft, die den Herausforderer in der Eröffnungsphase dieser ersten Partie zu langsam agieren lässt? Was immer es ist, Caruanas Lage auf dem Brett ist zunächst unangenehm, bald kritisch. Mit seinen Schwerfiguren dringt Carlsen schwungvoll via g-Linie in die Bastion seines Gegners ein, dessen König zu Fuß zum Damenflügel huchteln muss. Carlsens schwarzfeldriger Läufer, sonst in dieser Variante mitunter ein Problemkind, deckt nicht nur des Weltmeisters Freibauern auf der f-Linie. Der dunkle Bischof bestreicht auch die empfindlichen Felderschwächen, die Caruanas weißfeldrig gebautes Bauerngerüst zwangsläufig hinterlassen hat.

    Zu diesem Zweitpunkt deutet alles auf einen vernichtenden Schwarzsieg des Weltmeisters hin. Aber obwohl Caruana für seine letzten Züge vor der Zeitkontrolle jeweils nur noch die Bonussekunden verblieben sind, die er pro ausgeführtem Zug erhält, verteidigt er sich in höchster Not höchst zäh. Und Carlsen hat ein Problem, das jeder Schachspieler kennt: Seine Stellung ist so gut, dass viele Wege Richtung Rom zu führen scheinen, sich zugleich jedoch kein zweifelsfreier Gewinnweg aufdrängt. Mehrmals zeigen die Computerprogramme entscheidenden schwarzen Vorteil an. Als Caruana aber mit seinem 40. Zug die Zeitkontrolle erreicht, hat er das Schlimmste plötzlich hinter sich. Die Damen verschwinden vom Brett, damit auch die Gefahr für den weißen König.

    Scherzkeks aus Hollywood

    Das hindert den gefürchteten Schleifer Carlsen natürlich keineswegs daran, seinen Kontrahenten in einem theoretisch remisen Turmendspiel mit drei gegen zwei Bauern auf demselben Flügel noch bis zum 115. (!) Zug mit der norwegischen Wasserfolter zu quälen. Caruana muss solche Torturen in einem Match gegen Carlsen freilich erwartet haben. Er zeigt sich sattelfest und führt Partie eins nach knapp über sieben Stunden Spielzeit erfolgreich in den ersehnten Remishafen.

    In der Pressekonferenz ist die Müdigkeit der Spieler dann in ihren Gesichtern abzulesen. Irgendwie sind beide unzufrieden: Caruana ist die Anlage seine ersten Weißpartie gleich gründlich danebengegangen; Carlsen hat seine zuletzt notorische Abschlussschwäche nicht ablegen können. Auch die von Großmeister Daniel King überbrachte Nachricht, wonach Scherzkeks Woody Harrelson den weißen König vor Partiebeginn als vorbereiteten Gag umgelegt habe, findet in dieser Stimmung keiner der beiden besonders lustig. Harrelson wird sich länger gedulden müssen, bevor er noch einmal symbolische Züge ausführen darf.

    Famoser Beginn

    Für das Publikum hingegen hätte diese WM kaum besser beginnen können: Eine Weißniederlage Caruanas in Runde eins wäre ein schwerer, früher Schlag für die Hoffnungen des Herausforderers und seiner Fans gewesen. Beim Stand von 1/2 zu 1/2 ist naturgemäß alles offen, ein weiterer heftiger Angriff Carlsens mit den weißen Steinen in Runde zwei darf für Samstag erwartet werden. (Anatol Vitouch, 10.9.2018)

    Notation der 1. Partie der Schachweltmeisterschaft in London vom Freitag:

    Weiß: Fabiano Caruana (USA)
    Schwarz: Magnus Carlsen (Norwegen)

    1. e4 c5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 g6 4. Bxc6 dxc6 5. d3 Bg7 6. h3 Nf6 7. Nc3 Nd7 8. Be3 e5 9. O-O b6 10. Nh2 Nf8 11. f4 exf4 12. Rxf4 Be6 13. Rf2 h6 14. Qd2 g5 15. Raf1 Qd6 16. Ng4 O-O-O 17. Nf6 Nd7 18. Nh5 Be5 19. g4 f6 20. b3 Bf7 21. Nd1 Nf8 22. Nxf6 Ne6 23. Nh5 Bxh5 24. gxh5 Nf4 25. Bxf4 gxf4 26. Rg2 Rhg8 27. Qe2 Rxg2+ 28. Qxg2 Qe6 29. Nf2 Rg8 30. Ng4 Qe8 31. Qf3 Qxh5 32. Kf2 Bc7 33. Ke2 Qg5 34. Nh2 h5 35. Rf2 Qg1 36. Nf1 h4 37. Kd2 Kb7 38. c3 Be5 39. Kc2 Qg7 40. Nh2 Bxc3 41. Qxf4 Bd4 42. Qf7+ Ka6 43. Qxg7 Rxg7 44. Re2 Rg3 45. Ng4 Rxh3 46. e5 Rf3 47. e6 Rf8 48. e7 Re8 49. Nh6 h3 50. Nf5 Bf6 51. a3 b5 52. b4 cxb4 53. axb4 Bxe7 54. Nxe7 h2 55. Rxh2 Rxe7 56. Rh6 Kb6 57. Kc3 Rd7 58. Rg6 Kc7 59. Rh6 Rd6 60. Rh8 Rg6 61. Ra8 Kb7 62. Rh8 Rg5 63. Rh7+ Kb6 64. Rh6 Rg1 65. Kc2 Rf1 66. Rg6 Rh1 67. Rf6 Rh8 68. Kc3 Ra8 69. d4 Rd8 70. Rh6 Rd7 71. Rg6 Kc7 72. Rg5 Rd6 73. Rg8 Rh6 74. Ra8 Rh3+ 75. Kc2 Ra3 76. Kb2 Ra4 77. Kc3 a6 78. Rh8 Ra3+ 79. Kb2 Rg3 80. Kc2 Rg5 81. Rh6 Rd5 82. Kc3 Rd6 83. Rh8 Rg6 84. Kc2 Kb7 85. Kc3 Rg3+ 86. Kc2 Rg1 87. Rh5 Rg2+ 88. Kc3 Rg3+ 89. Kc2 Rg4 90. Kc3 Kb6 91. Rh6 Rg5 92. Rf6 Rh5 93. Rg6 Rh3+ 94. Kc2 Rh5 95. Kc3 Rd5 96. Rh6 Kc7 97. Rh7+ Rd7 98. Rh5 Rd6 99. Rh8 Rg6 100. Rf8 Rg3+ 101. Kc2 Ra3 102. Rf7+ Kd6 103. Ra7 Kd5 104. Kb2 Rd3 105. Rxa6 Rxd4 106. Kb3 Re4 107. Kc3 Rc4+ 108. Kb3 Kd4 109. Rb6 Kd3 110. Ra6 Rc2 111. Rb6 Rc3+ 112. Kb2 Rc4 113. Kb3 Kd4 114. Ra6 Kd5 115. Ra8

    Remis Stand: 1/2 – 1/2

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    • österreichischer schachbund

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    • Auftakt in London.
      foto: ap/dunham

      Auftakt in London.

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