Walter Schmögner in der Albertina: Der Staub der verblichenen Muse

    9. November 2018, 16:55
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    Zeit als Wandler von Materie: Der Vergänglichkeit begegnet der Künstler mit Witz. Die Albertina stellt sein dreidimensionales Werk vor.

    Stolz wirken sie, obwohl sie nur noch Schatten ihrer einst prallen Vitalität sind: Die zarten organischen Gespinste und die zwar noch rundlichen, aber dennoch fragilen Runzelgespenster. Im Schutze ihrer Glasstürze träumen sie von einer vitaminreichen Vergangenheit. Mit Blick auf den Karottenwald (2000) und andere mu mifizierte Gemüse (Melanzani, Erd apfel, Süßkartoffel) freut man sich, nun endlich Walter Schmögners Modelle kennenzu lernen. Den plastischen Mikrokosmos zum malerischen Makrokosmos quasi.

    Denn von Schmögners dynamischen, von ovalen Formen dominierten Bildern sah man sich oft ins All entführt. Zu Kometen, Planeten und detonierender Materie, deren Zentrifugalkräfte er malerisch und zeichnerisch in wilde Kritzel und auseinanderberstende Formfragmente zu übersetzen scheint. Aber zugleich enthalten seine Urknallbilder auch die kleinen Universen, die Kokons und Eier, aus denen zwar keine ganze Welt, aber doch neues Leben schlüpft.

    Birne und Briefmarke

    Aber auch mit einer anderen Muse gibt es in der Albertina-Schau anlässlich des 75. Geburtstags des Künstlers, Kinderbuchillustrators und Karikaturisten, der seit 1996 für den ΔTANDARD Comicstrips zeichnet, ein Wiedersehen: Die wohlgeformte, aber verrottende Birne, die in den 1980er-Jahren die von Schmögner entworfene Vier-Schilling-Briefmarke zierte, findet sich in einer Vitrine unter faulig-schimmligen Verwandten. Goutiert wurde das Motiv einst nicht, eher skandalisiert. Vergänglichkeitssymbolik zieht einfach weniger gut als Enzian und Edelweiß.

    Es geht um den Faktor Zeit, um die Verwandlung des Irdischen, sein Vergehen. Das wird in der Ausstellung, die Schmögners bislang unbekanntes dreidimensionales Werk vorstellt, schnell klar angesichts Zerbröselndem, Vertrocknendem und knochiger Zerbrechlichkeiten in den Vitrinen.

    Insekten mit Herzklopfen

    Aus einfachen Materialien, aus Alltäg lichem und Gefundenem wie Weidenruten, Hanfschnüren und Metallstäben, die mit Japanpapier beklebt sind, entstehen die zwischen Skelett und Insektenkörper changierenden Figuren, Schweinsblasen bemalt er mit leuchtenden Farben, manchmal ist ein Ornament toter Insekten um sie ver sammelt. Humorvolle Titel wie Herzklopfen, Zwei verliebte Zucchini mit einsamer Marille oder Harold und Maude halten aber die morbide Schwermut auf Distanz.

    Nahe gerückt an oder vielmehr hineingeschossen in die Galaxie der internationalen Gegenwartskunst ist Schmögner mit dieser Ausstellung . Denn die Arbeiten des Künstlers, den mit Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder eine lange Freundschaft verbindet, sind in der Contemporaryaus stellung Warhol bis Richter platziert. So ergeben sich kokette Duette mit Alex Katz, Georg Baselitz, Arnulf Rainer, Anselm Kiefer, Gerhard Richter und anderen. (Anne Katrin Feßler, 9.11.2018)

    Albertina, bis 10. 2.

    • Selbstporträt von Walter Schmögner:  "Ich hockend, nachdenkend" (1999).
      foto: skulptur-museum liaunig / albertina

      Selbstporträt von Walter Schmögner: "Ich hockend, nachdenkend" (1999).

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