"HINGERL" und das Ende des kurzen Pflastertourismus

    9. November 2018, 17:22
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    In Steyr bedauern viele, dass der Nachname des Magistratsbeamten Hingerl nicht mehr in Stein verewigt ist

    Auf dem Stadtplatz von Steyr ist derzeit ein durchaus auffälliges Phänomen zu beobachten: Auf Höhe Rathaus senken sich die Blicke der Lustwandelnden Richtung Kopfsteinpflaster. Geschuldet ist diese Geste nicht etwa einer demütigen Haltung vor dem Bürgermeister. Vielmehr wird versucht, auf dem Boden noch Spuren des "Hingerlgates" auszumachen. Der Magistratsbeamte Franz-Michael Hingerl hat ja österreichweit für Schlagzeilen gesorgt, weil er seinen Namen auf dem Stadtplatz in Stein meißeln ließ. Unabsichtlich, wie der Beamte stets betonte.

    Kinderquiz

    Der Würstelstand unmittelbar vor dem Rathaus ist an diesem grauen Vormittag gut besucht. Frau Ulrike verkauft Käsekrainer, Burenhäutl und Leberkäse im Minutentakt. An der heiklen Pflasterdebatte will sich die Frau Ulrike eigentlich gar nicht beteiligen: "Da sag ich nix. Zu mir kommen so viele vom Magistrat." Ein Leberkässemmerl später sagt die Imbisschefin dann doch etwas: Gscheit sei die Aktion nicht gewesen. Aber: "Gscheit war es jetzt auch nicht, alle Buchstabensteine wieder herauszureißen. Ich hätte einfach ein paar gelassen und gemeinsam mit dem Tourismusverband ein Kinderquiz auf die Beine gestellt."

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    Pflaster-Eklat in Steyr: Beitrag aus der ORF-Sendung "Oberösterreich heute" vom 7.11.2018.

    Die Spielidee "Such den Hingerl" findet an der Budl aber nur wenig Anklang. "Mir is des wurscht", meint ein Gast. Papptellernachbar Gustav Mang beißt zwar genüsslich in die Wurscht, die in Stein gemeißelte Beamteneitelkeit lässt ihn aber nicht kalt: "Vor allem hätte ich die Steine gelassen. Die sind doch wochenlang keinem aufgefallen. Richtig blamiert haben wir uns doch erst mit der Entfernung der Buchstaben." Und Frau Ulrike hat noch einen Tipp für künftige Verewigungen: "Wenn der Herr Hingerl seine Initialen klein in den Stein geritzt hätte, wer das nie aufgefallen."

    Großprojekt

    Im nahen Café Hohlrieder – einem der Geschäfte, denen Franz-Michael Hingerl eigentlich je einen Stein widmen wollte – kennt man kein anderes Thema. Chefin Johanna Hohlrieder durchforstet die Zeitungen: "Da steht Hingerl-Mania. Unglaublich is des." Die Gäste pflichten bei: "Jetzt samma prominent."

    Johanna Hohlrieder hat aber durchaus Mitleid mit dem Magistratsbeamten: "Der Herr Hingerl ist so ein feiner Mensch. So vornehm mit auffallend guten Manieren. Sehr korrekt, aber nicht eitel." Er habe einmal zu ihr gesagt, die Neugestaltung des Steyrer Stadtplatzes sei sein bislang größtes Projekt: "Darauf war er halt stolz. Aber er hat halt nicht an die Konsequenzen gedacht."

    Die kuriose Erklärung des Beamten, dass die Buchstaben eigentlich die Anfangsbuchstaben der ansässigen Geschäfte seien, kostet Frau Hohlrieder ("H") nur ein Lächeln: "Davon hat er nie etwas erwähnt." Das Pflaster-H unmittelbar vor der Eingangstür des Cafés sei ihr in den letzten Wochen nie aufgefallen: "Ehrlich, ich hab das nicht erkannt. Ich hab gekehrt, immer wieder einmal den Boden mit einem Schwamm gewischt – aber nie einen Buchstaben gesehen."

    "Bombengeschäft"

    Auch Frau Hohlrieder hätte den Schriftzug im Stein belassen: "An dem Tag, als das bekannt wurde, habe ich ein Bombengeschäft gemacht. Die Leute sind in Scharen gekommen. Zuerst Buchstaben schaun und dann auf einen Kaffee und eine Torte. Es war ein richtiger Pflastertourismus."

    Und dann ist da noch Kurt. Orange Arbeitsjacke, Hände groß wie Teller, einen beachtlichen Weizenspoiler und darüber spannt ein Bon-Jovi-Shirt: "I bin der ausm Fernsehen." Kurt ist Pflasterer und musste den Schriftzug, den ein Kollege gelegt hatte, am Mittwoch vor laufenden Fernsehkameras entfernen. "Ein Wahnsinn, dass a Gaudiaktion so einen Wirbel auslöst."

    Aber nachdem der Kurt "immer macht, was der Chef sagt", hat er eben zum Presslufthammer gegriffen. Bleibt die Frage, wo die Buchstaben hingekommen sind? "Die haben die Chefleit mitgenommen."

    Franz-Michael Hingerl wollte sich übrigens am Freitag nicht mehr äußern. Nur so viel: Der Bürgermeister habe ihm jeglichen Kontakt mit der Presse untersagt. (Markus Rohrhofer aus Steyr, 9.11.2018)

    • Diese sieben Buchstaben sind mittlerweile nicht mehr in Steyr zu sehen.
      foto: privat, montage: standard

      Diese sieben Buchstaben sind mittlerweile nicht mehr in Steyr zu sehen.

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