Cäcilia Brown: Sommer der Abrissbirnen

    14. November 2018, 09:33
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    Aus Dachbalken von Abrisshäusern hat die Künstlerin Skulpturen gebaut: Mahnmale zur Immobilienwirtschaft

    Die Problematik war nicht zu übersehen: Überall in Wien lagen diesen Sommer alte Dachbalken auf der Straße. Grund dafür war die der Immobilienbranche dräuende Novelle der Bauordnung, die dem zunehmenden Abriss von Gründerzeitbauten einen Riegel vorschieben soll. Erwartungsgemäß schlug man vor Inkrafttreten jedoch noch einmal gewaltig zu – aufgerissen und teilweise ausgehöhlt wurden bis dahin selbst noch bewohnte Häuser.

    foto: iris ranzinger
    Mit Relikten abgerissener Gründerzeithäuser baut Cäcilia Brown ein Drama zur profitmaximierenden Immobilienbranche.

    Cäcilia Brown, die sich in ihrer Arbeit mit den Entwicklungen des öffentlichen Raums, unter anderem seiner Verdichtung befasst, bezeichnet Dachbodenausbauten als "Wohlstandsdeckel". Entstehen sollen schließlich überwiegend Luxusdomizile, deren Bedarf in Wien ohnehin abgedeckt ist.

    So viel zum politischen Hintergrund der Ausstellung Es gibt Ecken, aus denen kommt man nicht mehr raus in der Galerie Senn. Ein Kontext, der sich den Betrachtern keineswegs aufdrängt. Die Bildhauerin hat das ausgemusterte Material aber im Hinblick auf seine skulpturalen Qualitäten und individuelle Spuren untersucht. Dazu gehört, dass Brown, die bei Monica Bonvicini an der Akademie der bildenden Künste studiert hat, den ursprünglichen Charakter der Balken – ihre Form und Oberfläche – beließ. Ihre Skulpturen tragen Titel wie Altmieter und nehmen formale Anleihen an den sogenannten Contract Chairs von Karl Schwanzer. Die Lehne entspricht dem Original, nur den Sitz hat Brown durch einen langen, mit diversen Spuren (u. a. Taubendreck) übersäten Dachbalken ersetzt.

    Wähnt man sich zunächst auf einer Baustelle, merkt man bald, dass man sich eher inmitten eines Bühnenbilds befindet. Neben besagter sperriger Sitzskulptur steht zudem ein Makler mit Aktentasche und Manschettenknöpfen herum: Ein Teil der Skulptur aus Stahl, Wachs und Gips dreht sich wie ein Fähnchen im Wind.

    Der innere Halt der Skulpturen wirkt aber insgesamt prekär, auch weil sie nirgendwo fix zusammengeschraubt sind: Beton trifft auf Wachs, trifft auf Ton oder Holz. Kein Wunder also, dass Skulpturen wie Die Lehnende oder Die Versehrte nur durch Stützen aufrecht gehalten werden.

    In einer immer brüchiger werdenden Welt lädt das nicht gerade zum Lachen ein. Dennoch besitzt die Schau Witz: Renovate or Detonate schlägt Cäcilia Brown mit dem Titel einer weiteren Arbeit provokant vor – wohl wissend, dass im Sommer 2018 eher auf Letzteres gesetzt wurde. (Christa Benzer, 14.11.2018)

    Bis 17.11., Galerie Senn, Schleifmühlgasse 1A, 1040 Wien

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