Aus Alt mach Neu: Schulbau reloaded

    17. November 2018, 13:00
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    Schulen müssen vom Lern- zum Lebensraum werden, damit Kinder sich entfalten können. Für die Architektur heißt das vor allem: Sie muss flexibel sein

    Für Franz Hammerer steht fest: "Was Schule heute leisten muss, ist in Klassen nicht mehr zu packen." Der Erziehungswissenschafter ist Schulbauexperte und beschäftigt sich seit langer Zeit mit dem sogenannten "dritten Pädagogen". Damit gemeint ist der Raum, der neben Lehrern und Mitschülern einen wesentlichen Beitrag zum Unterricht leistet.

    Eine Erkenntnis, die relativ jung ist und bei Schulbauten aus der Vergangenheit daher nicht miteinbezogen wurde. Diese ähneln oft Kasernen, sagt Hammerer. Und sind auf Unterordnung und Disziplinierung ausgelegt. Architektonisch heißt das: rasterförmig aneinandergereihte Klassen, lange Gänge, die lediglich Verkehrsfläche sind, oft nutzlose Stiegenhäuser und eine Grundausstattung, die praktisch und sauber sein soll, mit wenigen Ablenkungen – ein Bild, das viele wohl aus ihrer eigenen Schule kennen.

    "Kein Wunder, wenn der einzige Drang der Kinder, aber auch der Lehrerinnen und Lehrer darin besteht, aus diesen Räumen möglichst bald wieder hinauszukommen", sagt Hammerer und weiß: In ungeeigneten Räumen brauchen Lehrpersonen ein Drittel ihrer Kraft für Disziplinierungsmaßnahmen.

    Wachsendes Bewusstsein

    Besonders auch für den Ganztagsbetrieb sind viele alte Schulbauten ungeeignet. Immerhin, so Hammerer, wächst bei Verantwortlichen nach und nach das Bewusstsein, auch in Wien gibt es viele Beispiele für moderne Schulgebäude, die Potenziale und Entwicklungen der Schüler unterstützen.

    Dazu gehört etwa das Konzept "Campus plus", bei dem ein Wien an mehreren Standorten ein Kindergarten und eine Schule unter einem gemeinsamen Dach und von Anfang an den pädagogischen Betrieb und die Freizeitgestaltung miteinander verschränken.

    Eine moderne Schulumgebung sieht so aus: Statt Klassenzimmern braucht es Lernlandschaften, in denen viele verschiedene Dinge möglich sind: sich bewegen, spielen, kommunizieren, sich erholen, essen, allein und mit anderen lernen. Konkret lassen sich diese flexiblen Räume mit mobilen Wänden, Durchsichten in den Gang und einer speziellen Anordnung der Räume umsetzen.

    Marktplatz in der Mitte

    "Häufig gibt es in der Mitte eine Art Marktplatz, drumherum sind Bildungsräume, Sanitäranlagen, Garderobe und Team-, Planungs- sowie Rückzugsräume für Lehrpersonal angeordnet. Auch klassische Konferenzzimmer sind nicht mehr zeitgemäß", sagt Hammerer.

    Eine freundliche Umgebung wirkt nachweislich positiv auf Kinder und Jugendliche. Studien haben gezeigt, dass durch eine positive Schulbauumgebung Krankheitsraten und Fälle von Vandalismus gesenkt werden können. Insbesondere auch Luft- und Schallqualität sowie Farbgebung, Möblierung und Lichtverhältnisse beeinflussen die Lernleistung und das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern.

    Besonders bei den Möbeln sieht Hammerer noch Aufholbedarf. Denn häufig finden sich in Schulen noch schwere Zweiertische in Busformation angeordnet, die Schüler sitzen in Reihen hintereinander mit Blick zum Lehrer.

    Nischen schaffen

    Ideal wären, so erklärt er, leichte Einzeltische, die von den Schülern selbst je nach Lernsituation neu angeordnet werden können. Auch bewegliche Regale können in kurzer Zeit neue Zonen und Nischen schaffen.

    Wie wichtig Tageslicht für Lehrende und Lernende ist, weiß man auch im BRG Kremszeile in Krems an der Donau. Das von Trafo Kirchmayr & Nöbauer erweiterte und sanierte Schulgebäude ermöglicht aus jedem Klassenraum den Blick ins Grüne.

    Besonderer Wert wurde auf Tageslicht gesetzt. Begrünte Atrien und Wintergärten lassen es auch in die innenliegenden Bereiche vordringen, ermöglichen Durchsichten, Orientierung und einen starken Naturbezug.

    Für Lehrer gibt es "Silent Rooms"; Herzstück des Gebäudes ist aber eine multifunktionale Mehrzweckhalle, darüber liegt eine große Terrasse.

    Phase Null

    Immer öfter, weiß Hammerer, gibt es bei Umbauten und Sanierungen eine Phase Null, in der gemeinsam mit allen Beteiligten ein pädagogisches und räumliches Konzept entwickelt wird, bei dem etwa auch Dorf- und Stadtteilstrukturen eingebunden werden.

    Ein altes Haus auf modernen Betrieb umzustellen ist mitunter herausfordernd, das weiß man auch beim Architekturbüro Plov ZT, das für die Sanierung des vor kurzem neu eröffneten BG/BRG St. Pölten verantwortlich war. "Ein Bau aus den 50ern, ein Zubau aus den 70ern und ein Neubau mussten zu einer Schule zusammengefasst werden", so die Architekten.

    Wichtigster Bestandteil war die Öffnung der Schule nach außen. Die Aula mit Nachmittagsbetreuung wurde als zentraler Ort transparent in die Mitte gesetzt. Der Straßenraum und der Schulhof wurden visuell miteinander verbunden. So entstanden Sichtbeziehungen innerhalb des Gebäudes, und finstere Gänge wurden durch neue Öffnungen heller gestaltet. Genau so, wie es in einer modernen Schule sein soll. (Bernadette Redl, 17.11.2018)

    • Die Busformation war gestern, heute sitzen Schüler individuell nach Lernsituation. Daran müssen sich auch die Möbel anpassen.
      foto: andreas friedrich

      Die Busformation war gestern, heute sitzen Schüler individuell nach Lernsituation. Daran müssen sich auch die Möbel anpassen.

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