Sobotka: "Niemand kann ersetzen, was Ihnen geraubt wurde"

    Video9. November 2018, 13:43
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    Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bittet Shoah-Überlebende um Verzeihung, das Parlament gedenkt der Novemberpogrome

    Wien – Es sei ein anderes Österreich, versicherte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) in seiner Gedenkrede zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome den anwesenden Shoah-Überlebenden, die auf Einladung der Bundesregierung in Wien sind. "Österreich hat sich verändert", sagt Sobotka am Freitag und verwies auf den Namensturm, eine Lichtinstallation am Wiener Uniqa Tower, die die Namen der ermordeten ehemaligen jüdischen Bewohner des Areals zeigt. Diese Privatinitiative zeige, welch tiefes Anliegen Gedenken heute sei.

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    Novemberprogrome: Sobotka bittet Überlebende um Verzeihung.

    Die Veranstaltung im Großen Redoutensaal des Parlamentsausweichquartiers in der Hofburg fand in Anwesenheit von Bundespräsident Alexander Van der Bellen statt. Sobotka bezeichnete die von der Bundesregierung geplante Staatsbürgerschaft für Nachkommen von NS-Opfern als späten, aber wichtigen Schritt: "Niemand kann das ersetzen, was Ihnen geraubt wurde: Ihre Heimat, Ihre Kindheit, Ihre Familie." Aber es sei eine moralische Verantwortung, etwas zurückzugeben. Außerdem bat er die Überlebenden um Verzeihung: "In Demut und Respekt bitte ich Sie für Österreich zu verzeihen."

    "Ich war Zeuge"

    Rabbi Arthur Schneier sprach in seiner Rede davon, dass er gehofft habe, nicht mehr über Antisemitismus sprechen zu müssen. Er komme aber von einem Besuch jener Synagoge, in der vor zwei Wochen in Pittsburgh 13 Menschen getötet wurden: "Jetzt ist der Krebs wieder zurück und hat Metastasen gebildet, in Europa und jetzt in den USA." Schneier mahnte aber auch, sich nicht von der Vergangenheit lähmen zu lassen, sondern aus dieser zu lernen: "Die Gegenwart und die Zukunft haben zu viele Herausforderungen, als dass wir uns nur auf die Vergangenheit beschränken."

    Schneier teilte auch seine eigenen Erinnerungen an den 9. November 1938: "Ich war Zeuge, als Truppen der SA mein Heim geplündert und zerstört haben." Er habe gesehen, wie seine Synagoge brannte und weder Polizei noch Feuerwehr eingriffen, sondern sich nur sorgten, dass das Feuer nicht auf umliegende Gebäude übergriff. "Über Nacht war ich zum Außenseiter geworden. Die meisten meiner christlichen Klassenkameraden wollten nichts mehr mit mir zu tun haben, im Klassenzimmer, im Park und in der Konditorei: Juden und Hunde unerwünscht." Er habe früh im Leben "die Bestie im Menschen kennengelernt", aber auch "das Beste". "Ich glaube fest daran, dass das Beste im Menschen die Oberhand behalten wird."

    Schneier konnte zusammen mit seiner Mutter 1939 Österreich verlassen und überlebte den Krieg in Ungarn. 1947 emigrierte er in die USA.

    "Meine Eltern haben kein Grab"

    Auch Kurt Y. Tutter erzählte im Parlament seine Geschichte. Tutter ist jener Künstler, auf dessen Initiative eine Namensmauer als Mahnmal errichtet werden soll. Die Eltern des gebürtigen Wieners wurden 1942 in Brüssel verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt: "Meine Eltern haben kein Grab und keinen Grabstein. Wir wollen in unserer Geburtsstadt eine Gedenkstätte haben, an der wir das Kaddisch (das jüdische Trauergebet, Anm.) sprechen können." Es sei vielen Überlebenden ein Anliegen, auch für jene zu trauern, die keine Nachkommen haben.

    Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) dankte Tutter für seine Initiative. Das Mahnmal werde bald umgesetzt. Dadurch entstehe ein nachhaltiger Ort des Gedenken: "Wir haben die Pflicht zu gedenken und auch die Pflicht zu handeln", so der Kanzler. Es sei eine wichtige Aufgabe, jüdisches Leben zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass Antisemitismus keinen Platz in Europa habe. (Marie-Theres Egyed, 9.11.2018)

    • Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bat Shoah-Überlebende um Verzeihung.
      foto: apa/pfarrhofer

      Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka bat Shoah-Überlebende um Verzeihung.

    • Rabbi Arthur Schneier sprach über "Antisemitismus als Krebs".
      foto: apa/pfarrhofer

      Rabbi Arthur Schneier sprach über "Antisemitismus als Krebs".

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