Kitsch und Farbe für die Stadt: El Señor Psychobarock

    11. November 2018, 10:00
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    Der bolivianische Architekt Freddy Mamani macht seine Heimatstadt El Alto bunter. Wie er das macht, ist in einer Ausstellung zu bewundern

    Lego? Playmobil? Barbiepuppenhaus? Mit Kreisen, Dreiecken und wilden Zickzacklinien? Mit pastosen Farben, glühenden Neonstreifen und kräftig koloriertem Fensterglas? Doch was sich da am staubigen Straßenrand abzeichnet, ist weder Spielzeug noch visualisiertes Computerspiel, sondern gebaute Realität, die von den einen, wohlgemerkt, verteufelt und belächelt wird, während ihr die anderen Zeitungsberichte, Forschungsarbeiten und zeitgenössische Kunstausstellungen widmen – so wie derzeit in der Fondation Cartier in Paris.

    Graues Stadtbild

    "Auf der Hochebene rund um La Paz gibt es einerseits die karge, felsige Landschaft und andererseits die bunten, kräftig gewobenen Textilien der Aymara-Kultur, die hier oben seit Jahrhunderten gepflegt wird", sagt Freddy Mamani. Und so ähnlich, meint der 47-jährige Architekt, verhalte es sich auch mit El Alto, der mit rund 800.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Boliviens. "Auch hier ist das Stadtbild von grauen, sandigen, ziegelfarbenen Tönen dominiert. Mit meinen Bauten jedoch will ich etwas Farbe in diese Eintönigkeit bringen, will ich die so schöne Textilkultur der Aymara auf den großen Maßstab der Architektur ausdehnen."

    foto: tatewaki nio
    Kitsch? Postmoderne? Psychedelischer Barock? Die sogenannten Cholets des bolivianischen Architekten Mamani finden in El Alto immer mehr Freunde. Nun wirft die Kunstwelt einen Blick auf seine Bauten.

    Konfrontiert mitMissgunst

    Bislang hat der ausgebildete Zivilingenieur, der von vielen Architekturexperten in Bolivien aufgrund seines eigenwilligen Stils und seines nicht abgeschlossenen Architekturstudiums immer wieder missgünstig ins Visier genommen wird, in seiner Wahlheimat El Alto mehr als 60 sogenannte Cholets realisiert – hybride, stockweise gestapelte Funktionsgebilde mit Wohnungen, Büroflächen, Geschäftslokalen, Indoorsporthallen und reichlich dekorierten Festsälen. Wer seiner Architektur gesichtig wird, der sollte weder chromophob sein noch irgendeine Furcht vor allzu wütendem Geometriewahnsinn verspüren.

    Glück durch Farben

    "Die Arquitectura Andina hat immer schon eine gewisse Vorliebe für Texturen und Strukturen gehabt", erklärt Mamani. "Doch das war mir zu wenig, denn in der traditionellen Andenarchitektur vermisse ich einen gewissen baulichen Niederschlag der ausgelassenen Feierlaune und Zeremonienkultur, die für unsere Gesellschaft so typisch ist." Kurze Pause. In seiner Stimme schwingen Freude und Leidenschaft mit, aber auch eine gewisse Gereiztheit angesichts der ihm sooft entgegengebrachten Kritik. "Ich kann gar nicht anders. Ich will mit meinen Farben die Menschen glücklich machen."

    Kitsch

    Bei Mamani ist alles bunt: Wände, Fenster, Stuck, Putzflächen, Gesimskanten, Fensterfaschen, Fliesen, Kacheln, Keramikleisten, Dachziegel, Teppichböden, sogar die Glasscheiben sind durchgefärbt, und dank längst schon leistbarer LED-Technologie wird sogar das Licht in die abenteuerlichsten Farbfamilien eingetaucht. Manche Experten bezeichnen Mamanis Stil als Kitsch und psychedelischen Barock. Der Architekt selbst spricht lieber von einer nun Einzug haltenden bolivianischen Postmoderne sowie von einer Neuinterpretation der regionalen Baukunst: Arquitectura Neo-Andina. Nicht zu Unrecht.

    Denn während Gaston Gallardo, Dekan der Universidad Mayor de San Andrés, in einem Filminterview erklärt, dass sich die architektonische Anstrengung dieser Bauten eher in Grenzen halte und dass Mamanis Häuser vielmehr mit Dekoration als mit Baukunst gleichzusetzen seien, widmen die bolivianischen Studentinnen und Studenten dem bunten Autodidakten bereits Forschungsarbeiten. Und in La Paz und El Alto tauchen sogar schon die ersten Kopien und Mamani-Plagiate auf.

    Prominente Bühne

    Umso erfreulicher also, dass die Fondation Cartier in Paris dem in Europa fast unbekannten Architekten eine prominente Bühne bietet. Géométries Sud, du Mexique à la Terre de Feu, so der offizielle Titel der Ausstellung, versammelt 70 Künstler aus zwölf Ländern und geht der Frage nach, ob hinter den insgesamt 250 zusammengetragenen Exponaten so etwas wie eine gemeinsame lateinamerikanische DNA zu finden ist. Freddy Mamani bildet mit seinen Projekten sowie einer raumgreifenden, ballsaalartigen Installation einen deutlichen Schwerpunkt dieser schönen, intensiven und behutsam kuratierten Schau.

    Identitätsstiftende Geometrie

    "Die Geometrie ist seit vielen Jahrhunderten ein identitätsstiftendes Element lateinamerikanischer Kunst", sagt Kuratorin Marie Perennes. "Wir wollten die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstgattungen bewusst sprengen und herausfinden, wie weit diese Kultur zurückreicht. Und wir waren erstaunt, was für ein weiches, zusammenhängendes Bild sich ergibt, wenn man solchermaßen einen Blick auf diesen Kontinent wirft."

    Das gezeigte Spektrum reicht von der rituellen Körperbemalung der brasilianischen Kadiwéu- und Kayapó-Stämme über Keramikkunst, Kunsthandwerk und naive Alltagsarchitektur bis hin zur südamerikanischen Moderne, zu zeitgenössischen Kunstpositionen sowie zu den filigranen Drahtskulpturen und hängenden Drahtsystemen der deutschen, nach Venezuela ausgewanderten Künstlerin Gego, die sich mit jedem Lufthauch tanzend im Raum bewegen. Zu den ältesten Exponaten der Ausstellung zählen Vasen aus der Zeit 200 vor Christus sowie eine 500 Jahre alte, schachbrettgemusterte Tunika der Inka.

    Wow-Momente

    Géométries Sud beweist, dass Freddy Mamani nicht allein ist. Sein mutiger und kompromissloser Psychobarock, den er bis zur Perfektion entwickelt hat, ist eingebettet in eine Kultur, die nun unter einem neuen Blickwinkel betrachtet wird und dem Besucher entsprechende Wow-Momente und Aha-Erlebnisse beschert. Sehr lustvoll. (Wojciech Czaja, 11.11.2018)

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