Orang-Utans übertreffen Kinder beim Werkzeugbau

    9. November 2018, 06:00
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    Die Idee, aus Draht Haken zu Formen und damit nach Leckereien zu angeln, kommt Kindern unter acht Jahren kaum. Orang-Utans gelingt das binnen Minuten

    Wien – Kinder schaffen es ohne Anleitung ab etwa acht Jahren, selbstständig ein Stück Draht zu einem Haken zu biegen, um nach einem ansonsten unerreichbaren Körbchen mit Süßigkeiten zu angeln. Forscher testeten diese Fähigkeit nun bei Menschenaffen. Das Ergebnis überraschte: Einige Orang-Utans bogen spontan beim ersten Versuch einen Drahthaken und fischten damit erfolgreich nach Futter, berichten die Wissenschafter im Fachblatt "Scientific Reports".

    An Kindern testeten Forscher die Aufgabe bereits ausführlich: Ein Körbchen mit Henkel befindet sich in einer senkrechten Röhre – zu tief, um es per Hand zu erwischen. Die Probanden erhalten ein Stück Draht und sollen versuchen, an die Leckereien zu gelangen. Unter acht Jahren kommen Kinder demnach nur selten auf die Idee, ein Hakenwerkzeug zu formen und nach dem Körbchen zu angeln. Zeigt man ihnen die Lösung, schaffen es aber auch jüngere Kinder problemlos.

    "Die Aufgabe stellt ein komplexes Problem dar, zu dessen Lösung mehrere unbelohnte Teilschritte nötig sind, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren", erklärte Isabelle Laumer von der Uni Wien. Solche komplexen Problemstellungen würden in bestimmten Gehirnarealen verarbeitet, die bei Kindern erst später vollständig ausreifen. Das könnte erklären, warum erst ältere Kinder Erfolg bei dieser Aufgabe haben.

    Angeln und stoßen

    Laumer und Kollegen der Vetmeduni Wien und der schottischen Universität St. Andrews stellten in einer Studie Orang-Utans im Zoo Leipzig vor genau dieses Problem: Die Tiere erhielten ein Stück Draht, ein Korb mit Futter steckte in einer senkrechten, durchsichtigen, am Boden verankerten Röhre. Um ans Futter zu gelangen, mussten die Tiere also den Draht zu einem Haken zu formen und damit das Körbchen hochzuziehen.

    "In einer zweiten Aufgabe erhielten die Tiere ein um 90 Grad gebogenes Stück Draht und eine horizontale Röhre, die in der Mitte eine Belohnung enthielt", sagte Laumer. Um an die Leckereien zu kommen, mussten die Orang-Utans den Draht in diesem Fall also geradebiegen und das Futter aus der Röhre herausstoßen.

    Aufgabe gemeistert

    Das Ergebnis: Mehrere Affen waren in der Lage, beide Aufgaben zu lösen. Zwei Tiere schafften zudem beide Tests schon beim ersten Versuch innerhalb weniger Minuten. "Diese Fähigkeit bei einem unserer nächsten Verwandten zu finden, ist erstaunlich. In der menschlichen Evolution erscheinen Hakenwerkzeuge erst relativ spät. Erste archäologische Funde von Angelhaken und harpunenartigen, gekrümmten Objekten sind etwa 16.000 – 60.000 Jahre alt", sagte Josep Call von der Universität von St. Andrews.

    Orang-Utans teilen 97 Prozent ihrer DNA mit dem Menschen und gehören zu den intelligentesten Primaten. Sie haben ein menschenähnliches Langzeitgedächtnis, benutzen routinemäßig eine Vielzahl ausgefeilter Werkzeuge in der Wildnis und bauen jede Nacht aus Laub und Ästen aufwendige Schlafnester. Wie alle vier großen Menschenaffen sind sie vom Aussterben bedroht. (red, APA, 9.11.2018)

    • Ein Orang-Utan in freier Wildbahn. Einst bewohnten die Menschenaffen weite Teile Südostasiens, heute gibt es sie nur mehr auf den Inseln Borneo und Sumatra.
      foto: graham l banes

      Ein Orang-Utan in freier Wildbahn. Einst bewohnten die Menschenaffen weite Teile Südostasiens, heute gibt es sie nur mehr auf den Inseln Borneo und Sumatra.

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