Stahlharter Kampf um Handelsgehälter

    Analyse8. November 2018, 07:00
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    Der Weg zu einem Kollektivvertragsabschluss für mehr als 400.000 Handelsangestellte ist eine heikle Gratwanderung

    Der Auftakt war äußerst zäh. Heute, Donnerstag, erfolgt der zweite Anlauf für einen neuen Lohnabschluss im Handel. Wie viel Spielraum gibt es für höhere Gehälter? Welches Umfeld prägt das Duell der Sozialpartner?

    Der Blick auf die Großwetterlage verspricht Gutes: Wirtschaftsforscher erwarten heuer ein reales Wachstum von drei Prozent bei einer Inflation von gut zwei Prozent. Der private Konsum ist nach Jahren der Stagnation spürbar gestiegen. Doch welcher Anteil davon dem Einzelhandel zufließt, darüber scheiden sich die Meinungen.

    Kaufkraft stark streitig machen den 78.000 Betrieben der Branche zum einen Gastronomen, Dienstleister und die Freizeitwirtschaft. Zum anderen saugen Onlinehändler wachsende Anteile des Umsatzes ab. Das Argument der Gewerkschaft, dass dieser im Land bleibt, steht auf tönernen Füßen.

    Internet setzt zu

    Marktforscher Regiodata etwa beziffert den Internetanteil an den Gesamtausgaben im Einzelhandel mit zwölf Prozent. 80 Prozent davon sichern sich Spieler wie Amazon, Zalando und Unito – internationale Konzerne, die auf stationäre Fläche weitgehend verzichten.

    Auf keinen gemeinsamen Nenner bringen lässt sich der Befund der Arbeitgeber und Arbeitnehmer über die Finanzkraft der Branche. Erstere sehen 40 Prozent der Händler Verluste verbuchen. Die Zahlen alarmieren, sind jedoch zu relativieren, da die meisten davon betroffenen Betriebe wenige Mitarbeiter beschäftigen. Die Gewerkschaft stützt sich bei ihrer Analyse wiederum auf einen Report der Arbeiterkammer, die veröffentlichte Bilanzen von 204 Unternehmen heranzieht. Für 2018 fällt dieser vielversprechend aus. Ob Umsatz, Ertrag, Produktivität oder Eigenkapital: Sämtliche Kennzahlen weisen im Vergleich zu den Vorjahren nach oben – teils sogar sprunghaft.

    Für Arbeitgeber rechnet der Report die Lage schön: Da würden etwa Kfz-Handel, Großhandel, Einzelhandel in einen Topf geworfen und Kennziffern isoliert betrachtet, indem man ausländische Konzernzentralen außer Acht lasse.

    Inhomogene Branche

    Regiodata spricht von stagnierender Produktivität pro Quadratmeter Handelsfläche. Bei gleichzeitig sinkenden Verkaufsflächen drücke das auf die Gewinne.

    Tatsache ist die starke Inhomogenität der Branche. Zwischen einem Konzern wie Zara und Modeboutiquen in C-Lagen liegen Welten. Der Textilhandel erlitt heuer herbe Umsatzeinbußen und liefert sich nunmehr Rückzugsgefechte.

    Der Lebensmittelhandel wiederum, der 40 Prozent des Einzelhandelsumsatzes stellt, genoss im Vorjahr laut Statistik Austria Zuwächse von nominell 2,9 Prozent. Noch besser liefen Geschäfte rund um die Pharmazie und Kosmetik. Viele Elektro- und Einrichtungshändler hingegen schwächelten.

    Aber selbst gute Zahlen verlieren angesichts schmaler Spannen an Gewicht. Der Lebensmitteleinzelhandel etwa arbeitet mit Margen von maximal drei Prozent. Ihr Großhandel fettet die Bilanzen unterm Strich zwar wieder auf, höhere Lohnkosten schmerzen angesichts aggressiver Verdrängungskämpfe auf dem Markt dennoch.

    Personal und Warenlager

    Apropos Personalkosten: Rund elf Prozent machen sie im Handel im Schnitt gemessen am Umsatz ohne Abfertigungen und Pensionen laut Arbeiterkammer aus. Der Wareneinsatz hingegen binde fast 74 Prozent der Gesamtkosten. Was diese Rechnung lehrt: Der Hebel für höhere Gewinne liegt nicht bei den Gehältern, sondern vielmehr bei Faktoren wie dem Einkauf. Einige Prozent an Lohnkosten mehr lassen sich finanziell bewältigen.

    Der Haken dabei: Bei personal- und beratungsintensiveren Händlern als etwa Diskontern, die von Selbstbedienung leben, sorgt die Belegschaft vielfach für ein Fünftel der Kosten. Jedes Prozent mehr gehört anderswo eingespart.

    Auf gute Mitarbeiter verzichten kann der stationäre Handel jedoch immer weniger: Die Personaldecke ist in vielen Unternehmen bereits jetzt äußerst dünn. Und um gegen Onlinekonkurrenten zu bestehen, braucht es zukünftig keine günstigen Regalschlichter, sondern gut ausgebildete Fachkräfte.

    Schlechtes Image

    Was den Wettlauf um sie erheblich erschwert, ist das miese Image, das der Handel nur schwer abzuschütteln vermag. Gut verdienen lässt es sich vor allem im Kfz- und im Großhandel – beides Branchen, in denen Männer dominieren. Im übrigen Einzelhandel, der fast ausschließlich von Frauen am Laufen gehalten wird, sind Karrierechancen für sie vielfach ebenso niedrig wie der Verdienst. Zwei Drittel kommen mit dem Einkommen nur knapp aus, zeigten Umfragen der Arbeiterkammer. Mehr als jede zweite Frau arbeitet Teilzeit. Ob nur auf eigenen Wunsch hin, ist umstritten. Unbestritten ist, dass der Handel von ihrer Flexibilität stark profitiert hat. (Verena Kainrath, 8.11.2018)

    • Was Weihnachten den Handelsangestellten bringt, muss hart verhandelt werden.

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