Kanzler Kurz will Namensmauer für NS-Opfer rascher realisieren

    6. November 2018, 19:00
    742 Postings

    Der Bund stellt die Finanzierung für das Mahnmal sicher, für die Nachkommen von Vertriebenen soll es Doppelpässe geben

    Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung will die Regierung Zeichen setzen – vor allem bei einem speziellen Gedenkprojekt möchte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) die Realisierung vorantreiben: Für die Gedenkmauer in Wien, die der 1939 vor den Nazis geflüchtete Kurt Yakov Tutter schon seit der Jahrtausendwende errichten will, wird der Bund bis zu 4,5 Millionen bereitstellen, wie man dem STANDARD im Kanzleramt bestätigte. Die Errichtung des Mahnmals, auf dem die Namen aller 66.000 jüdischen Holocaust-Opfer hierzulande eingraviert werden sollen, war zuletzt nämlich ins Stocken geraten.

    Standort bald geklärt

    Hintergrund: Zwischen Bund und Stadt Wien waren Fragen des Standorts sowie die Aufteilung der zwischen 4,8 und 5,3 Millionen Euro geschätzten Kosten noch offen. Tutter selbst hoffte, dass die Mauer auf dem Schmerlingplatz in unmittelbarer Nähe des Parlaments errichtet werden kann, die Stadt sprach sich für einen Bau auf dem Heldenplatz aus. Nach einigem Hin und Her kam es nun zu einem Kompromiss zwischen Wien und Tutter: Derzeit wird geprüft, ob das Mahnmal nun im Ostarrichipark vor der Nationalbank im neunten Bezirk gebaut werden soll.

    foto: dragan tatic
    Setzt sich für die Namensmauer ein: Kurt Yakov Tutter. Der aus Österreich vertriebene Kanadier zeigte sich erfreut darüber, dass sein Projekt nun umgesetzt wird.

    Dazu erklärt Kurz, der Tutter Dienstagnachmittag wegen des Projekts empfangen hat: "Herr Tutter musste viele Jahre vergeblich auf die Unterstützung warten. Als Bundeskanzler ist mir die Verantwortung der Erinnerung an die Ermordung der Juden durch das NS-Terrorregime zu wichtig, um weiter Zeit zu verlieren."

    Für Tutter ein wichtiger Moment: "Es freut mich, dass nach so vielen Jahren Überzeugungsarbeit genau im Gedenkjahr der Startschuss für die Realisierung der Namensmauer gegeben wird." Sein Dank richtete sich vor allem an Kurz.

    Doppelpässe geplant

    Keine Zeit mehr verlieren will auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ebenfalls ÖVP), der Ende der Woche wie Kurz für einen Gedenkakt im Parlament rund 70 Holocaust-Vertriebene empfängt: "Österreich hat nicht nur lange Zeit die Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte verabsäumt, sondern in den Nachkriegsjahren auch ehrliches Bemühen vermissen lassen, diese Menschen einzuladen, wieder nach Hause zu kommen", bekennt er. Dadurch seien dem Land "Menschen, die viel für Österreich geleistet hatten, sowie Kultur und Intellekt" verlorengegangen.

    foto: apa/afp
    Kanzler Sebastian Kurz sprach bei seinem Israel-Besuch im Juni eine Einladung an Holocaust-Überlebende aus: Dieser Tage besuchen sie Wien.

    Im Regierungsübereinkommen hat Türkis-Blau unter dem Punkt "Staatsbürgerschaftsgesetz neu gestalten" übrigens festgehalten, dass eine "Doppelstaatsbürgerschaft für Nachfahren der Opfer des Nationalsozialismus aus Österreich" überlegt werde. Das hat Kurz unlängst in einem Interview mit der Londoner Wochenzeitung Jewish Chronicle bekräftigt: "Wir wollen allen Kindern und Enkelkindern von Opfern des Holocaust die Möglichkeit geben, österreichische Staatsbürger zu werden – wenn sie das wollen."

    Auch blaue Ressorts bemüht

    Auf STANDARD-Anfrage bestätigen auch FPÖ-geführte Ressorts dieses Ansinnen. "Ein Entwurf befindet sich in Ausarbeitung", versichert man im Innenressort von Herbert Kickl (FPÖ). Zeitpunkt, Details und Voraussetzungen für den österreichischen Pass stünden aber noch nicht fest. Und auch im Außenministerium von Karin Kneissl hält man zu den anvisierten Doppelpässen fest: "Das Vorhaben ist im Regierungsprogramm vereinbart – und wird sicher umgesetzt." (Marie-Theres Egyed, Nina Weißensteiner, 6.11.2018)

    WISSEN

    Republik lädt NS-Vertriebene zu Wien-Besuch ein

    Am 9. November jährt sich zum 80. Mal der Beginn der Novemberpogrome: Damals fanden im gesamten Deutschen Reich Übergriffe gegen die jüdische Bevölkerung statt – und allein in Wien, wo der braune Mob besonders wütete, gingen 1938 insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser in Flammen auf, unzählige Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert und zerstört. Binnen kürzester Zeit wurden außerdem mehr als 6.500 Juden verhaftet, knapp 4.000 von ihnen in Konzentrationslager überstellt.

    Im heurigen Gedenkjahr empfangen Kanzler Sebastian Kurz und Bildungsminister Heinz Faßmann (beide ÖVP) rund 70 Holocaust-Überlebende, deren Einladung wurde im Juni bei einem Besuch in Israel ausgesprochen. Im Rahmen eines einwöchigen Aufenthalts will man den betagten Menschen ermöglichen, die Orte ihrer Kindheit und die Familiengräber aufzusuchen. Ebenfalls auf dem Programm stehen Schulbesuche, um einen Austausch zum dunkelsten Kapitel der Geschichte zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen zu ermöglichen. Auch eingeplant ist der Besuch des Stadttempels, einiger Museen und eines Heurigen.

    Neben Kurz und Faßmann wird auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) die Überlebenden begrüßen, denn am Freitag findet im Großen Redoutensaal der Hofburg, wo nun das Parlament untergebracht ist, ein Gedenkakt für die Opfer der Pogrome statt. Am Donnerstag wiederum hält Esra, ein Verein, der bis heute unter anderem traumatisierte NS-Opfer betreut, ein Gedenken im zweiten Bezirk ab, wo einst der Leopoldstädter Tempel stand.

    Zelmans Erbe

    Dass die Republik jüdische Vertriebene zu einem Heimatbesuch animiert, brauchte einst mehrere Jahrzehnte – und geht vor allem auf das Engagement des 2007 verstorbenen Überlebenden Leon Zelman zurück, der als Kind und Jugendlicher die Konzentrationslager Auschwitz, Ebensee und Mauthausen überlebte. Mit seinem Jewish Welcome Service, das er 1980 mit den roten Stadtvätern Leopold Gratz und Heinz Nittel gründete, war der rührige Wiener bis zu seinem Tod bestrebt, jährlich hunderte emigrierte Juden mit der Stadt zu versöhnen.

    Wegen der Kürzung der Fördermittel für Zelmans Verein schaffte es die schwarz-blaue Koalition zur Jahrtausendwende übrigens zu internationalen Schlagzeilen, weil man – wie in anderen Bereichen – auch da einfach den Sparstift angesetzt hatte. (mte, nw)

    Share if you care.